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Spiel mir das Lied vom Protest – Zehn Jahre Arabischer Frühling

Von Melina Aboulfalah / 20. Januar 2021
picture alliance / dpa | ©virginie Nguyen Hoang/wostok P

Der Arabische Frühling vor rund zehn Jahren war in den deutschen Medien sehr präsent. Für ein nicht-arabischsprachiges Publikum war die kreative Form der Proteste oft nicht verständlich. Ein Einblick in den künstlerischen Aspekt der Revolution.

Die tunesische Kleinstadt Sidi Bouzid am 17. Dezember 2010. Wütend gehen die Tunesier nach der Selbstverbrennung des Händlers Mohammed Bouazizi auf die Straßen und protestieren gegen den Diktator Zine el-Abidine Ben Ali. Die Proteste breiten sich im ganzen Land aus. Binnen eines Monats stürzt das Volk den Herrscher, der zuvor über 23 Jahre lang an der Macht war. Der revolutionäre Funken springt bald auf andere Länder der Region über.

Der Arabische Frühling, auf Arabisch oft einfach Thawra, Revolution, genannt, war mit seinen politischen Auswirkungen in deutschen Medien präsent. Jemand mit Arabischkenntnissen erkennt zudem den künstlerischen Aspekt der Bewegung. Dieser Text wirft einen kulturellen Blick auf die Ereignisse von 2011. Musiker, Aktivistinnen, Dichter und Autorinnen, deren Worte hier übersetzt werden, wurden damals zu Stars der Revolution.

Hymnen der Revolution

Kairo zu Beginn des Jahres 2011. Täglich versammeln sich auf dem Tahrir-Platz im Zentrum der ägyptischen Hauptstadt Menschenmassen, die lautstark den Rücktritt des Präsidenten Hosni Mubarak fordern. Unter den Demonstranten ist auch der junge Ingenieur Ramy Essam. Er ergreift das Mikrofon und beginnt, begleitet von einer eingängigen Gitarrenmelodie, zu singen: „Wir alle stehen/ vereint zusammen/ und fordern nur eins/ Hau ab!“ Das Lied Irhal („Hau ab“) wurde mit seinen deutlichen Worten zur Hymne der Revolution. Zuvor spielte auch in Tunesien Musik eine große Rolle bei den Protesten. Hier war es der Rapper El Général mit seinem Lied Rais Lebled („Präsident des Landes“), der das Lied vom Protest spielte. Ramy Essam lebt heute in Schweden im Exil. Und er macht weiter: 2018 erschien Balaha („Dattel“), eine verbale Attacke auf den amtierenden Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi. Mit bitteren Folgen: Unter anderem der Produzent des Musikvideos Shady Habash wurde verhaftet. Er starb 2020 im Gefängnis.

Ohne Social Media war die Protestorganisation des Arabischen Frühlings nicht zu denken. Über Facebook und Twitter wurden Informationen zu geplanten Demonstrationen geteilt und zum Protest aufgerufen. „Geht auf die Straße und schließt euch uns an“, twitterte die Aktivistin Mona Seif beispielsweise am 25. Januar 2011, dem Tag der Großkundgebungen in Ägypten: „Ihr werdet spüren, dass dieses Land unseres ist.“ Auch Blogs wurden zur Informationsquelle. Weltweit bekannt wurde a tunisian girl. Hier berichtete Lina Ben Mhenni über den Verlauf der Revolution in Tunesien.

Mit den Menschen ging auch die Kunst auf die Straßen. „Du bist dran, Doktor“, sprayten Teenager in Syrien an eine Schulmauer und meinten damit den Präsidenten Bashar al-Assad, ein studierter Augenarzt. Auch in Kairo und Tunis erfreute sich die Graffiti-Kunst während der Revolution großer Beliebtheit.

Wer schreibt, der bleibt

Moderne arabische Poesie ist seit jeher politisch. Daher wurden 2011 Verse von bekannten Dichtern wie Ahmed Fouad Negm als Protestslogans genutzt. Die Gefahr der Zensur lässt sich für Kreative in autokratisch regierten Ländern durch fiktionale Literatur umgehen. Nach dem Motto: Wer (um-)schreibt, der bleibt. In den Jahren nach der Revolution erschienen viele regierungskritische Romane, darunter die Dystopie At-Tabur („Die Warteschlange“) der Ägypterin Basma Abdel Aziz. In ihrem Romandebüt spricht die Menschenrechtsaktivistin über Bürokratie, Polizeigewalt und Propaganda in einem nicht benannten Land. So liest sich At-Tabur als Warnruf für verschiedene Länder und gleichzeitig geht die Autorin doch deutlich auf Spezifika Ägyptens ein.

In Tunesien setzte die Revolution demokratische Reformen durch, wie das Recht auf Meinungsfreiheit. Davon machen Kunstschaffende Gebrauch: 2015 erlangte der Dichter Anis Chouchene weltweite Bekanntheit, als er im Fernsehen sein lyrisches Plädoyer für mehr Toleranz vortrug: „Lasset uns in den Traum eintauchen/eine Kultur zu erbauen/ frei von törichter Tat/ Unser innerer Aufstieg sei das höchste Kalifat.“

Auch zehn Jahre nach dem Arabischen Frühling ist revolutionäre Stimmung in Ländern Nordafrikas oder Westasiens spürbar. In Algerien stürzte 2019 die Bewegung Hirak den Langzeitpräsidenten Abd al-Aziz Bouteflika und fordert politische Reformen. Die Explosion im Hafen von Beirut im Spätsommer 2020 entfachte nicht einmal ein Jahr nach den letzten Protesten gegen die Regierung erneut die Wut der Libanesen. Weltweit sorgte der Suizid der ägyptischen LGBTQ-Aktivistin Sarah Hegazi im selben Jahr für Aufsehen.

Ob Lieder, Gedichte oder Romane – Kritik sind zwar politische, aber keine kreativen Grenzen gesetzt. Das ist eine der Botschaften des Arabischen Frühlings. Eine Regierung kann ihre Kritiker zum Schweigen bringen, aber nicht deren Ideen auslöschen. Wie heißt es so schön: Die Gedanken sind frei.

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