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Spielend integriert

Von Judith Dauwalter / 20. Januar 2015
Sport ohne Grenzen

Sport kennt keine Hautfarben und keinen Aufenthaltsstatus: Deshalb kickt der Würzburger Hobbyfußballer Stephan Rinke hauptsächlich mit einem Ziel – Integration. Sein Projekt „Sport ohne Grenzen“ ermöglicht Asylbewerbern, kostenlos zu trainieren. Fast schneller, als die Augen folgen können, prallt der kleine Plastikball auf die massive Platte. Zwei Männer schlagen ihn hin und her, konzentriert und verschwitzt […]

Sport kennt keine Hautfarben und keinen Aufenthaltsstatus: Deshalb kickt der Würzburger Hobbyfußballer Stephan Rinke hauptsächlich mit einem Ziel – Integration. Sein Projekt „Sport ohne Grenzen“ ermöglicht Asylbewerbern, kostenlos zu trainieren.

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(Foto: Dieter Harth)

Fast schneller, als die Augen folgen können, prallt der kleine Plastikball auf die massive Platte. Zwei Männer schlagen ihn hin und her, konzentriert und verschwitzt stehen sie sich gegenüber, jederzeit bereit, dem Ball hinterherzuhechten. Es steht zwölf zu elf, Stephan Rinke führt und schlägt auf. Der Tischtennisball zischt hinüber zu Gegner Christian Mba, der schlägt ihn mit voller Wucht zurück – und verfehlt die Platte. Dreizehn zu elf, Rinke gewinnt. Er klopft seinem nigerianischen Freund auf die Schultern und neckt ihn: „Chris, was war da los – du trainierst doch regelmäßig? Hast du mich gewinnen lassen?“ Mba lacht herzlich, aber antwortet bestimmt: „Nein, glaub mir, ich wollte auf jeden Fall gewinnen!“

Auch Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) wollte das Würzburger Integrationsprojekt "Sport ohne Grenzen" kennenlernen. (Foto: Dieter Harth)
Auch Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) wollte das Würzburger Integrationsprojekt „Sport ohne Grenzen“ kennenlernen. (Foto: Dieter Harth)

Drei Mal pro Woche spielt der 30 Jahre alte Mba Tischtennis bei den Freien Turnern in Würzburg. Auch im Fußballteam ist er aktiv. „Für mich ist das eine großartige Gelegenheit, Leute kennenzulernen“, sagt er. Jeden Abend von Montag bis Freitag kommt der nigerianische Asylbewerber dank des Sporttrainings raus aus seinem grauen Zimmer in der Würzburger Flüchtlingsunterkunft. Und das, ohne einen Cent dafür zu zahlen: Seine Vereinsmitgliedschaft, die Sportausrüstung und auch Bustickets finanzieren die Sponsoren des Projekts „Sport ohne Grenzen“, das aus Rinkes Idee entstanden ist, Asylbewerber als vollwertige Mitglieder in den Verein zu integrieren. Seit April vergangenen Jahres läuft diese Integration durch Sport in Würzburg.

Dankbar für jede Minute

Drei Mal pro Woche trainiert Christan Mba (rechts) in der Tischtennisabteilung der Freien Turner – möglich ist das durch Stephan Rinke (links) und sein Projekt „Sport ohne Grenzen“. (Foto: Judith Dauwalter)

Journalist Rinke, ebenfalls 30 Jahre alt, spielt in seiner Freizeit Fußball bei den Turnern. „Nachdem ich vor eineinhalb Jahren erstmals mit Asylbewerbern zu tun hatte, habe ich überlegt: Was kann ich mit meinen begrenzten Mitteln tun, um ihnen zu helfen?“

Die Integration im Sportverein biete viele Chancen, darunter einen einfachen Zugang zur deutschen Sprache und Gesellschaft für die Flüchtlinge. Die deutschen Vereinsmitglieder profitieren von interkulturellen Kontakten, einem verbesserten Verständnis und dem Abbau von Vorurteilen.
Die Flüchtlinge bekommen die Möglichkeit, durch Aktivität psychischen Belastungen entgegenzuwirken, sowie eine Abwechslung vom tristen Alltag in der Gemeinschaftsunterkunft. Rund zehn Flüchtlinge nutzen das Angebot in Würzburg mittlerweile. Sie trainieren und spielen regelmäßig Fußball, Football, Lacrosse oder Tischtennis.

„Chris sagt mir immer, dass er dankbar ist für jede Minute, die er hier sein kann“, erzählt Rinke. Mba ergänzt: „Wenn Stephan nicht wäre, dann könnte ich hier nicht spielen.“ Beim Tischtennis geht Christian Mba sichtlich auf, ein breites Grinsen liegt auf seinem Gesicht, er jubelt vor Freude und schreit vor Ärger, rennt jedem Ball hinterher. „Er ist ein Bewegungstalent und hat riesigen Spaß am Spielen“, sagt Trainerin Jutta Stumpf.

Bundesweite Berichte

Spaß haben sie auch abseits des Trainings, denn die Teilnehmer von "Sport ohne Grenzen" und ihre deutschen Teamkollegen verbinden mittlerweile echte Freundschaften. Von links: Christian Mba, Moustafa, Ahmed Khalili. (Foto: Stephan Rinke)
Spaß haben sie auch abseits des Trainings, denn die Teilnehmer von „Sport ohne Grenzen“ und ihre deutschen Teamkollegen verbinden mittlerweile echte Freundschaften. Von links: Christian Mba, Mustafa Abbas, Ahmed Khalili. (Foto: Stephan Rinke)

Für Projektgründer Stephan Rinke ist die sportliche Integration nur ein erster Schritt. Auch auf dem Weg durch den komplizierten deutschen Asylrechts-Dschungel will er seine Schützlinge unterstützen. Bundesweite Aufmerksamkeit brachte dem Projekt eine Protestaktion gegen die bayerische Residenzpflicht ein.

Laut der dürfen Asylbewerber den Regierungsbezirk, in dem sie leben, nicht einfach verlassen – deshalb konnte der senegalesische Footballer Madiama Diop nicht von Würzburg in Unterfranken mit zum Auswärtsspiel nach Bamberg in Oberfranken fahren. „Das ist sehr bitter“, ärgerte sich Rinke damals über diesen Tiefschlag für sein Integrationsprojekt. Zur vollwertigen Teilnahme am Mannschaftssport gehörten schließlich auch die Auswärtsspiele, bei denen jeder Mann gebraucht werde.

Rinke erinnert sich: „Als ich versucht habe, den Behörden unser Projekt zu erklären, kam zurück: Sie machen den zweiten Schritt vor dem ersten – Sie wissen ja gar nicht, ob die Asylbewerber überhaupt hier bleiben.“ Wütend über die fehlende Flexibilität der offiziellen Stellen wandte sich die Mannschaft der Würzburger Panthers an die Presse.

Es folgten bundesweite Berichte, etwa in der Süddeutschen Zeitung, auf stern.de und RTL. Popstars wie Peter Fox, Max Herre und Xavier Naidoo erklärten sich solidarisch. Eine Onlinepetition erreichte mehr als 27.000 Unterstützter. Vor drei Monaten besuchte die Grünen-Politikerin und Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth das Projekt, das in diesem Umfang auch über Würzburgs Grenzen hinaus einzigartig ist. „Der Verein hat mit diesem Konzept gezeigt, was Willkommenskultur heißt“, lobte Roth damals. Was als Rückschlag für „Sport ohne Grenzen“ begonnen hatte, wendete sich zum Positiven. Viele wurden auf das Projekt aufmerksam und letzten Endes darf inzwischen auch Diop zu Auswärtsspielen mitfahren.

Politische Folgen

Stephan Rinke ist dankbar für die breite Unterstützung aus allen Abteilungen des Vereins. „Um Madiama und Chris etwa haben sich alle vom ersten Training an gekümmert, sie wurden problemlos aufgenommen und gehören jetzt komplett dazu“, sagt er. Tischtennis-Abteilungsleiterin Jutta Stumpf findet das Projekt „großartig, weil man im Sport generell offener aufeinander zugeht.“

Dass die bayerische Politik mittlerweile ernsthaft darüber nachdenkt, die Residenzpflicht zu lockern, „daran sind wir wohl nicht ganz unschuldig“, ist Rinke stolz. Rinke macht noch mehr: Er organisierte einen Experten, der Tipps für die Anhörung im Asylverfahren gab, er hört sich nach Jobmöglichkeiten für die Projektteilnehmer mit Arbeitserlaubnis um und unternimmt auch privat viel mit seinen Jungs, die Freunde geworden sind.

Kohlrabi und Leitungswasser

Stephan Rinke mit seinen Jungs von „Sport ohne Grenzen“: Die Flüchtlinge sind dankbar um jede Minute, die sie beim Training sein können – und nicht im Heim verbringen müssen. (Foto: Sport ohne Grenzen)

Freunde, die Rinke nach dem Tischtennistraining an diesem Abend zu sich eingeladen hat. Der Iraker Ahmed Khalili, Torjäger in der Fußballabteilung der Turner, behält den Karotten-Erbsen-Reis im Auge und kümmert sich um einen Auflauf aus Auberginen, Zucchini und Tomaten. Stephan Rinke wäscht Salat und schneidet Gurken. Dem vom Sport aufgedrehten und wissbegierigen Christian Mba zeigt er typisch deutschen Kohlrabi, erzählt von süßen Paprikas und trinkbarem Leitungswasser. Gemeinsam gehen alle drei die deutschen Bezeichnungen für das verwendete Gemüse durch.

Irak, Nigeria, Deutschland – an Rinkes Esstisch treffen an diesem Abend ganz verschiedene Kulturen aufeinander. Leidenschaftlich unterhalten sich die Männer über eine ganze Bandbreite an Themen. Von Abergläubigkeit und Voodoo geht es zur medizinischen Versorgung in den Heimatländern, angefangen bei Essensüberzeugungen diskutieren sie schließlich über Gott.

Ehrenamt als Erfüllung

„Ich habe unheimlich viel dazugelernt und eine Menge Unwissen über Flüchtlinge und ihre Herkunftsregionen abgebaut“, stellt Rinke im Rückblick auf die vergangenen neun Monate im Projekt fest. Besonders glücklich mache ihn, dass er auch mit geringen Mitteln und einer unkonventionellen Idee viel erreichen konnte. Er freue sich darüber, dass Abteilungsleiter und Vereinsmitglieder die Flüchtlinge offen integrierten und dass diese so dankbar, herzlich und freundschaftlich seien.

„Von meinem Glück, hier so sorgenfrei leben zu dürfen, möchte ich etwas weitergeben“, erklärt Rinke sein Engagement. „Es gibt meinem Leben Sinn, mich für andere einzusetzen. Das Ehrenamt ist erfüllend, gerade weil ich es nicht in erster Linie für mich selbst mache.“ Belohnt wird er an diesem Abend mit arabisch inspiriertem Essen und Sichtweisen aus anderen Kulturen – das sind aber nur zwei Aspekte, die auch ihm selbst zugute kommen.

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