Twitter Icon Facebook Icon

Spitzenspieler statt Spitzensportler

Von Falk-Martin Drescher / 23. Juli 2018
Credits: Photo by Sean Do on Unsplash; Lizenz Unsplash

Digital angelegt sind längst nicht nur Arbeit oder Kommunikation, sondern auch diverse Sportarten. Wie sich die Gaming-Welt verändert hat, macht ein Besuch bei einem Profi des VfL Wolfsburg deutlich.

Im schicken Fußball-Trikot des VfL Wolfsburg blickt Timo Siep smart und selbstbewusst in die Kamera. Der 20-Jährige ist bei den Wolfsburgern „E-Gamer“. Als „TimoX“ zählt Siep zu den großen Talenten des Vereins. 2015 ist er als erster Bundesligist in die E-Sport-Sparte eingestiegen.

E-Sport findet nicht auf dem Rasenplatz, der Tartanbahn oder dem Beachfeld statt. E-Sportler klicken Maustasten in hohen Geschwindigkeiten, lassen ihre Finger über Gamepads von Konsolen fliegen und sitzen dabei gebannt vor einem Bildschirm. Der Austragungsort von Wettkämpfen im E-Sport waren einst vor allem große Hallen, in denen zahlreiche, aus heutiger Sicht geradezu monströse Computer aufgereiht standen oder auch Garagen, in denen sich E-Sport-Freunde die Nächte um die Ohren schlugen. Heute wird vor allem international gespielt, und natürlich online: Millionen Nutzer sind weltweit über die jeweiligen Spielserver miteinander vernetzt.

Professionelle Strukturen für E-Sportler

Timo Siep hat, wie so viele, anfangs nur aus Spaß die FIFA-Spieleserie gespielt. „Ich habe dann aber schnell gemerkt, dass ich relativ gut bin.“ Als er schließlich seine Freunde weit hinter sich lässt, meldet er sich für die offiziellen Turniere des E-Fußball-Spiels an. Nach dem ersten Turniersieg stand für ihn fest: Das will ich auf Profi-Niveau betreiben.

Professionelle E-Sportler sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. Sie erzielen monatliche Honorare von 1.000 bis hin zu 10.000 Euro. Angesichts solcher Summen wenden sich auch Fußball-Erstligisten dem Thema ernsthaft zu. Neben dem VfL Wolfsburg haben unter anderem auch FC Schalke 04 und RB Leipzig eigene E-Sport-Sparten eröffnet und Spieler dafür verpflichtet.

Virtuelle Wettkämpfe bei Olympia

Am E-Sport scheiden sich jedoch die Geister. Für den Deutschen Fußballbund ist E-Sport kein Sport, für das International Olympic Committee hingegen ist er mittlerweile im olympischen Programm angekommen. In diesem Jahr durften erstmals in der Geschichte der olympischen Spiele fünf E-Sportler die olympische Fackel tragen. Und in der chinesischen Stadt Hangzhou dürfen E-Gamer ab 2022 im Rahmen der Asienspiele zum ersten Mal offiziell um Gold kämpfen.

Diese Premiere in Asien hat sicherlich damit zu tun, dass sich Videospiele dort grundsätzlich großer Beliebtheit erfreuen. Fernöstliche Spielehersteller richten eigene Turniere aus und ziehen tausende Teilnehmer an. Doch auch zu deutschen E-Sport-Großveranstaltungen strömen mitunter mehr als 15.000 Gäste.

Online ist die Reichweite der Spiele um ein Vielfaches größer: Zählte die E-Sport-Szene 2016 laut Statista rund 280 Millionen Zuschauer, wird die Zahl für dieses Jahr auf 380 Millionen geschätzt. Bis 2021 werden weltweit mehr als 550 Millionen Zuschauer erwartet.

Kopfsport ist auch Sport

Auf die Frage, was E-Sport mit Sportlichkeit zu tun habe, erklärt Timo Siep: „Die Turniere erstrecken sich oft über mehrere Tage, erfordern höchste Konzentration und Ausdauer. Ich weiß, dass wir nicht die sportlichen Leistungen eines Fußballprofis oder Leichtathleten bringen, dafür brauchen wir mindestens genauso akribische Vorbereitungen und beim Turnier einen unheimlich klaren Kopf.“ Teamkollege Benedikt Saltzer vergleiche den E-Sport häufig mit Schachspielen oder Bogenschießen, erklärt Siep. Auch dort findet die größte Anstrengung im Kopf statt.

Die Bundesligisten jedenfalls verbinden zunehmend beide Sparten. Sehr zu Timo Sieps Freude. „Seither werden wir E-Sportler in der Öffentlichkeit viel mehr wahrgenommen und bekommen größere Plattformen.“ Die Fußballer des VfL habe er schon häufiger getroffen, etwa für gemeinsame Drehtermine. „Schön ist immer, dass sie sich auch für unseren Sport interessieren und total begeistert davon sind.“

Fitnesspläne für Gamer

Intensiv trainiert wird bei den E-Gamern auch – nur eben an der Konsole. Der E-Sport-Profi erläutert: „Das übliche Training spielt sich wirklich an der Konsole ab, wobei wir nicht einfach nur zocken, sondern gezielt Situationen trainieren. Wie schieße ich am besten den Freistoß oder die Ecke? Welche Formationen sind beim jeweiligen Gegner erforderlich? Zusätzlich werden vor großen Turnieren des Öfteren noch Bootcamps organisiert, wo Trainingspartner und Coaches zusammenkommen und wir uns gemeinschaftlich vorbereiten.“

Das US-amerikanische Magazin Forbes weiß sogar von einem Fitnesscenter, in dem spezielle Workouts für E-Sportler angeboten werden. Dabei geht es um Haltung, Hand-Augen-Koordination und Unterarme. Auch Handgelenke und Finger sollen gestärkt werden. Ernährungshinweise inklusive. Mit „langsamen Kohlenhydraten“, die den Blutzuckerspiegel ausbalancieren sollen, werden die speziellen Bedürfnisse von E-Gamern berücksichtigt, ein stabiler Blutzuckerwert fördert die lange Konzentration und Fokussierung, heißt es.

Für Siep steht trotz allem Erfolg fest, dass “es nun Zeit wird, dass ich an die Zukunft und meinen beruflichen Weg denke”. Auf die “Zeit danach” bereitet sich Timo Siep ab Oktober mit einem Studium vor. Der Verein hat ihm dafür bereits seine Unterstützung angeboten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ähnlicher Artikel

Zufalls Artikel

Meist Kommentierter Artikel

#2017plus

Nicht erst, wenn es zu spät ist

Wer sich weiterbilden will, der könnte schon bald Geld dafür bekommen – eine neue FES-Studie zeigt, wie aus der Arbeitslosen- eine Arbeitsversicherung werden könnte. Eine …
Von Alex Wolf / 5. Mai 2017