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Stehaufmännchen

Von Madlen Schäfer / 24. April 2020
Credits: Photo by Aravind Kumar on Unsplash;

Den Rollstuhl hinter sich zu lassen, war für André van Rüschen eine Riesenherausforderung, die er dank neuer Technologie und einem unbändigen Willen gemeistert hat. Doch sein bislang härtester Schicksalsschlag liegt erst ein Jahr zurück.

Seit einem Autounfall ist André van Rüschen querschnittsgelähmt, kann aber durch ein Exoskelett wieder laufen, wie wir hier berichteten: https://sagwas.net/technischer-fortschritt-sprichwoertlich/

Eine Figur, die sich aus jedweder Position von selbst wieder aufrichtet? Sowas gibt’s nicht nur als Spielzeug. Wenn man sich die vergangenen Jahre im Leben des Friesen André van Rüschen anschaut, könnte man meinen, er sei selbst ein wahres Stehaufmännchen. Egal, wie schwer die Einschnitte auch waren – einfach aufzugeben, kam für ihn nie infrage. Wenn er fiel, stand er wieder auf. Sprichwörtlich.

Dass van Rüschen nach seinem Unfall 2003 jemals wieder würde laufen können, daran war damals nicht zu denken. Doch – und es klingt wie ein kleines Wunder – zehn Jahre später konnte er nicht nur wieder selbständig die Beine bewegen, sondern sogar Treppen steigen. Möglich wurde diese Entwicklung durch eine Art Roboteranzug, auch als Exoskelett bekannt, bei dem sich in den Knien und Hüften Motoren befinden, die über ein Kabel mit dem Stützkorsett verbunden sind. Sie sind seit Jahren van Rüschens ständiger Begleiter. Den Anzug steuert er über einen Computer an seinem Arm. Über ihn kann er einstellen, ob er sich aufrichten möchte oder Treppen steigen will. Über Armstützen hält er das Gleichgewicht. Wenn er seinen Oberkörper bewegt, gibt er damit das Signal an das Exoskelett, sich auch in Bewegung zu setzen. Moderne Technologie vom Feinsten also.

Irgendwie geht es immer weiter: André van Rüschen (Foto: privat)

Seit sechs Jahren arbeitet der 47-Jährige für die israelische Firma Rewalk Robotics, die ihn wieder laufen gelehrt hat. Er ist in ganz Deutschland im Einsatz und gibt Menschen Tipps, die noch Probleme bei der Handhabung des Exoskeletts haben. Die meisten Schwierigkeiten betreffen den Gleichgewichtssinn. Das Gleichgewicht im Roboteranzug zu halten, ist für viele nicht ganz einfach. „Ich gehe dahin, wo ich gebraucht werde. Es ist ein gutes Gefühl, dabei zu sein und zu sehen, wie etwas wieder klappt. Das gibt einem Bestätigung”, sagt van Rüschen. Bei den Patienten kommt er gut an, schließlich spricht er aus eigener Erfahrung, wirkt vertrauenswürdig und verkörpert wie kein anderer, was Hoffnung und Fortschritt leisten können. „Ich kann mich natürlich viel besser hineinversetzen als jemand, der nicht auf ein Exoskelett angewiesen ist.“ Van Rüschens Position werde von den Betroffenen ganz anders angenommen als etwa der Rat eines gesunden Physiotherapeuten.

Gleichzeitig spricht van Rüschen bei Krankenkassen, Krankenhäusern und medizinischen Diensten vor, wo er sein Exoskelett regelmäßig vorstellt. „Ich demonstriere, was damit praktisch alles möglich ist”, erklärt der knapp zwei Meter große Friese. Noch ist die Erfindung kein Selbstläufer. Ein Exoskelett kostet mit Betreuung rund 100.000 Euro. Van Rüschen wirbt dafür, dass die Kassen diese Kosten für ihre Patienten übernehmen. Inzwischen ist es einfacher für ihn geworden, diese Forderung zu stellen: Das Exoskelett ist im Hilfsmittelverzeichnis der gesetzlichen Krankenversicherung aufgeführt, wodurch eine Abrechnung bei den Krankenkassen überhaupt erst ermöglicht wird. Kassen wie die BARMER oder AOK übernehmen die Kosten für ein Exoskelett bereits. Im Gegensatz zu einigen anderen Versicherungsträgern.

Getauschte Rollen

Trotz solcher Rückschläge schien es für den Friesen eine Weile wieder bergauf zu gehen. Doch dann traf ihn im vergangenen Jahr ein weiterer schwerer Schicksalsschlag: Seine Frau verstarb im Juni an Brustkrebs. „In der Zeit nach meinem Unfall hat mich meine Frau gepflegt. Als sie Krebs hatte, haben wir die Rollen getauscht. Ich pflegte sie nun”, erzählt er. „Erst gibt es die Zeit, in der viel geregelt werden muss”, erinnert er sich an die eingetretene Sterbephase. Als die nötigen Angelegenheiten geregelt waren, traf ihn die Diagnose umso härter. „Wir wussten, wo es hingeht“, beschreibt van Rüschen den damaligen Zustand. Ihre letzten Tage habe seine Frau im Hospiz verbracht, das war ihr Wunsch gewesen. „Sie ist friedlich eingeschlafen.“ Heute, so sagt van Rüschen offen, gehe es mal besser, mal schlechter. Oft denke er viel nach und liege nachts wach. Aufgeben komme für ihn aber nicht infrage: „Ich habe ein Kind und muss weitermachen”.

In seiner verstorbenen Frau hatte van Rüschen eine besondere Stütze. (Foto: privat)

Weiter kämpfen muss er aber nicht nur für seinen 16-jährigen Sohn, sondern auch für sich selbst. Heute gibt es rund 160 sogenannte Rewalker, wie die Nutzer des Exoskelett auch genannt werden. Nicht alle unter ihnen bekommen die Kosten für ihr Exoskelett erstattet.

Medizinischer Fortschritt für alle? Wenn die Krankenkassen mitspielen. (Foto: privat)

Obwohl André van Rüschen der erste Rewalker in Deutschland war, zahlt seine eigene Kasse diese lebenswichtige Unterstützung noch immer nicht. Gegen die hartnäckige Weigerung hat van Rüschen geklagt – und gewonnen. Seine Kasse hat allerdings Widerspruch eingelegt. Eine Entscheidung und insbesondere die Bezahlung seines Exoskeletts stehen weiter aus. In diesem Jahr könnte das Verfahren vor dem Landgericht in Hannover endgültig zu seinen Gunsten entschieden werden, hofft van Rüschen.

Kämpfen und wieder aufstehen, das hat er immer wieder bewiesen, ist seine Natur. Einen Herzenswunsch hat van Rüschen allerdings noch: „Ich würde gerne Fahrrad fahren. Das funktioniert mit Exoskelett noch nicht“.

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