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Totenbriefe meines T-Shirts

Von Erkan Türkel / 6. August 2013

Das Thermometer steigt. Täglich. Erst 30, dann 33, letztes Wochenende 38 Grad Celsius. Sommer in Berlin 2013 Ich trage ein T-Shirt von H&M. Es engt mich ein. Schon seit einiger Zeit. Nicht wegen der Größe, passen tut es ja immer noch wunderbar. Ich trage ein T-Shirt von H&M, KIK, Primark, C&A, Benetton etc. Sie engen […]

Das Thermometer steigt.

Täglich.

Erst 30, dann 33, letztes Wochenende 38 Grad Celsius. Sommer in Berlin 2013

Ich trage ein T-Shirt von H&M. Es engt mich ein. Schon seit einiger Zeit. Nicht wegen der Größe, passen tut es ja immer noch wunderbar.

Ich trage ein T-Shirt von H&M, KIK, Primark, C&A, Benetton etc. Sie engen mich ein, sie belasten mich. Sie sprechen mit mir. Sie klagen mich an. Sie lesen mir vor.

Meine T-Shirts sind Briefe.  Jeder Faden. Von 1127 Toten persönlich signiert. So viele starben am 24. April in in Sabhar, Bangladesch. 2438 wurden verletzt. Hunderttausende, wenn nicht Millionen arbeiten bis heute unter diesen menschenunwürdigen Bedingungen.

In der eingestürzten Fabrik vom 24. April waren nicht einmal die sehr laschen bangladeschichen Bau-Vorschriften beachtet wurden.

Erst durch den Einsturz, die mehr als 1000 Toten und die weltweite Empörung werden die Textilriesen jetzt zum Umdenken gezwungen. H&M Chef Persson fordert ein branchenweites Gütesiegel für fair produzierte Mode. Das klingt gut. Aber warum erst jetzt? Und ab wann und für wen soll es gelten?

Der durchschnittliche Stundenlohn der Textilarbeiterinnen beträgt heute, in Bangladesch: 17 Cent, Kambodscha: 25 Cent, Vietnam: 29 Cent, Indien: 39 Cent, China: 1 Euro, Türkei: 1,86 Euro ( Süddeutsche.de 30.04.2013)

Die Textilriesen beuten nicht nur in Bangladesch die Menschen aus, sondern auch in China, der Türkei, in Ägypten und in vielen anderen Ländern ..

Vor allem die Frauen trifft es hart. 80% der Textilarbeiter sind Frauen in Bangladesch. Im Durchschnitt verdienen sie 30 Euro. In einem Monat.

Das Handelsblatt hat in einem Dossier kürzlich einige der wichtigsten Fragen beantwortet:

Unter welchen Bedingungen arbeiten die Näherinnen?

Viele Näherinnen bekommen nach Informationen der Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) nicht genug Geld, um sich und ihre Familien ausreichend zu ernähren. „Der Lohn reicht nicht aus, um ein Leben in Würde zu führen“, sagt CCC-Expertin Kirsten Clodius. Dazu kämen sehr lange Arbeitszeiten und Sicherheitsmängel wie vergitterte Fenster und verriegelte Notausgänge. Fabrikbesitzer verböten den Näherinnen oft das Reden und kontrollierten Toilettengänge. In Kambodscha habe es sogar Massen-Ohnmachtsanfälle gegeben. Menschenrechtler und Umweltschützer warnen zudem vor womöglich giftigen Farben und Kinderarbeit.

Muss man ein schlechtes Gewissen haben, billige Kleidung zu kaufen? Oder lassen auch teurere Marken in diesen Fabriken nähen?

Auch hochpreisige Kleidung wird oft in Asien genäht. „Der Verkaufspreis eines T-Shirts bei uns gibt keinen Aufschluss darüber, wo es hergestellt ist“, sagt Clodius. In einer Fabrik werde oft für mehrere Auftraggeber gearbeitet. Darunter seien auch hochwertige Markenhersteller, räumt auch Rasch ein. Diese Markenhersteller machen ein besonders gutes Geschäft: Die Kampagne für Saubere Kleidung rechnet damit, dass die Lohnkosten einer in Asien genähten 100-Euro-Jeans bei nur einem Euro liegen. Die Werbung mache 25 Euro aus, satte 50 Euro stecke der Handel ein.

Würde es den Näherinnen helfen, wenn Kleidung aus Asien boykottiert würde?

Nein. Die Näherinnen hätten ihre Organisation selbst darum gebeten, keine Boykottaufrufe zu starten, berichtet Clodius. Sie hätten Angst, ihre Arbeitsplätze zu verlieren. Laut Rasch könnte ein Boykott in Bangladesch 70 Prozent der Textil-Industrie zusammenbrechen lassen.

Ja, eben, könnten jetzt Konsumfans einwenden. Wenn ein Boykott nichts bringt, es kein Gütesiegel gibt und auch teure Kleidung billig hergestellt wird, dann kann ich aber doch gar nichts tun.

Doch. Kann ich.

Dr. Bettina Musiolek von der Clean Clothes Campaign, einem internationalen Bündniss für faire und saubere Kleidung hat es einem Interview so zusammengefasst:

„Der Verbraucher kann eine ganze Menge tun. Er kann bei dem Bekleidungskaufhaus oder Markenshop, bei dem er gerne Kleidung kauft, nachfragen, was das Unternehmen tut, um die Menschenrechte in der Lieferkette sicherzustellen, oder wann das Unternehmen das Brandschutzabkommen unterschreibt. Auch wenn das Verkaufspersonal auf diese Fragen vielleicht keine Antwort hat, wird das Kundenfeedback auf jeden Fall innerhalb des Unternehmens weitergegeben.“

Die eigentliche Frage ist meiner Meinung nach:

Wollen wir das wirklich mitmachen?

Das Wort „Umdenken“ ist ja sehr beliebt in Deutschland, sei es die gesunde Ernährung, seien es Elektroautos oder sei es „nur noch Holzspielzeug für mein Kind“.

Aber da betrifft es uns ja direkt.

Können wir nicht auch auf menschenunwürdig und billig produzierte Klamotten verzichten? Und ein paar Euros mehr zahlen für Trendy-Jeans oder coole T-Shirts? Müssen wir überhaupt so viel Kleidung konsumieren?

Wieso landen in Alt-Kleider-Containern, oder viel schlimmer im Müll so viele Textilien die noch in einem sehr guten Zustand sind?

Ich bin der Überzeugung, dass wir sogar einen doppelten Gewinn haben, wenn wir unser Kaufverhalten von Kleidung hinterfragen: Wir tun etwas für Geldbeutel UND Gewissen, wenn wir das eigene Budget schonen, in dem wir schlicht weniger konsumieren und dafür „fair“ einkaufen.

Es ist dasselbe Prinzip wie mit den Hähnchen. Wir müssen ja nicht jeden zweiten Tag ein Hähnchen-Gericht essen. Dafür lieber einmal in der Woche etwas mehr zahlen, und auf das mit Antibiotikum vollgepumpte Hähnchen verzichten.

Eine einfache Online-Suche mit den Begriffen „fair trade Kleidung“ zeigt hunderte von Firmen an, die sich gegen Gentechnik, Umweltzerstörung und Hungerlöhne entschieden haben und die Textilware aus nachhaltigen Rohstoffen produzieren.

Die Preise für ein T-Shirt fangen hier im Durchschnitt bei 20 Euro an.

Zu teuer? Nicht unbedingt wenn man weiß das man dabei auch ein Stück gutes Gefühl gekauft hat.

Die Moderiesen haben nach der weltweiten Kritik und den Massendemonstrationen in Bangladesch hunderte von Textilbetrieben eingestellt. Das Mindestlohn in der Branche wird erhöht, und die Arbeiter bekommen das Recht in die unabhängigen Gewerkschaften einzutreten.

Drei Wochen nach der Katastrophe unterzeichneten darüber hinaus viele europäische und amerikanische Unternehmen ein Abkommen, wonach die Arbeiter bei hohen Sicherheitsrisiken am Arbeitsplatz die Arbeit niederlegen können. Schulungen und Fortbildungen sowie Sicherheitsvorkehrungen werden gewährleistet.

Unter den Erstunterzeichnern sind auch H&M, C&A, Tchibo, Primark, Aldi (Nord und Süd), Mango, Benetton, KiK, Zara und G-Star.

Die eigentliche Macht, etwas zu ändern, liegt aber bei uns, den Verbrauchern.

Wie wir kaufen entscheidet darüber wie die, die unsere Kleidung herstellen, leben.

Und vielleicht können wir alle dafür sorgen, dass unsere T-Shirts schon bald keine Totenbriefe, sondern Dankesbriefe von fair bezahlten und lebenden Textilarbeiterinnen eingewebt haben.


3 Antworten zu “Totenbriefe meines T-Shirts”

  1. Von TanjaB am 13. August 2013

    Ich muss zugeben, früher für meine Kids auch Sachen bei den Billig-Discounter gekauft zu haben. Aber seitdem ich nun weiß, dass ganze Familien in den Fabriken Bangladesh arbeiten müssen und noch immer davon nicht leben können – vergeht mir die Freude an den süßen billigen Sachen. Ich kaufe nun wirklich bewusster bei H&M ein – hier gibt es bsw. in einigen Filialien schon den Recycle-Service (eine Tüte alter Sachen ergibt nen 5 EUR-Gutschein). Ist allerdings noch in der Testphase, wie man mir in Friedrichshain sagte. Es wird sich zeigen, wie ernst es den Erstunterzeichnern wirklich ist, den Arbeiter langfristig gute Arbeitsbedingungen zu schaffen. Letztendlich entscheiden die Kunden, wann was gekauft wird. Und wenn die Leute immer noch zu Billigdiscountern laufen, wird sich an der bisherhigen Praxis leider nicht viel ändern – so meine etwas pessimistische Prognose.

  2. Von SuperWOman am 13. August 2013

    Ich kann es mir leider nicht leisten, für die Kids ständig bei H&M, Zara & Co einzukaufen. Ja, ich bekenne: ich kaufe bei Zeeman. Was anderes kann ich mir mit knapp 1.300 netto nicht leisten. Letztendlich ist es mir egal, wo die Sachen produziert werden – Hauptsache meine Mädchen haben was anzuziehen.

  3. Von AnnaR am 13. August 2013

    Liebe Superwoman, ich kann verstehen, dass man mit 1.300 netto nicht weit kommt. Doch versuchs doch mal mit nachhaltigem Einkaufen – man kann doch Kindersachen auch gut in Secondhand-Läden kaufen – oft halten die Sachen von dort auch länger als dieses Billig-Zeug! Ich finde den letzten Satz von Erkan Türkel wirklich richtig gut: „Wie wir kaufen, entscheidet darüber, wie die, die unsere Kleidung herstellen, leben. Über solche Dinge kann man und sollte man auch mit seinen Kindern sprechen!

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