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Wahre Größe

Von Madlen Schäfer / 28. März 2017
Valerie Diedenhofen Lizenz CC BY-NC-ND 2.0

Abseits der Norm ist es schwer, passende Kleidung zu finden. Die Kinderabteilung oder teure Maßanfertigungen sind häufig die einzige Lösung für Kleinwüchsige. Nachwuchs-Designerin Sema Gedik will das ändern.

Kinderabteilung, Frauenbekleidung, Endstation Maßschneiderei – wenn Michel Arriens Kleidung kaufen möchte, artet das Shopping schnell in ein ständiges Hopping zwischen unterschiedlichen Abteilungen aus. Klamotten, die ihm passen, sind eine Rarität. Der 26-Jährige lebt mit Kleinwuchs, wie 100.000 Deutsche, die kleiner als 1,50 Meter sind. Während die Modeindustrie zwar Kleidung für Schwangere, sehr große Menschen und sogar für Menschen im Rollstuhl produziert, gibt es nichts dergleichen für Kleinwüchsige. In der Kinderabteilung stimmen die Proportionen in den meisten Fällen nicht zum Beispiel am Po. Und: „Welcher Erwachsene möchte mit Winnie Puuh und Co. auf dem T-Shirt rumlaufen?“, erklärt Michel Arriens. Oftmals führt am Ende aber doch kein Weg am Schneider vorbei – auf Dauer eine ziemlich teure Angelegenheit.

Die Nachwuchsdesignerin Sema Gedik will das ändern und geht modisch „Auf Augenhöhe“, denn sie möchte bezahlbare Mode von der Stange für Kleinwüchsige produzieren. Ihre kleinwüchsige Cousine Funda, die in der Türkei lebt, war die Inspirationsquelle für diese Idee. Durch Funda, die mit Achondroplasie, die häufigste der circa 650 Kleinwuchsformen, lebt, erkannte Sema, wie schwer es für Kleinwüchsige ist, passende Kleidung zu kaufen. „Ich möchte, dass sie sich so kleiden können, wie sie es wollen“, sagt die 27-Jährige.

Ich hatte das Gefühl, dass ich mehr will“

Sind auf dem Weg, die Modeindustrie zu verändern: kleinwüchsige Models. (Foto: Valerie Diedenhofen)

Die Idee, sie schien für die Modestudentin der Jackpot zu sein, war sie doch schon lange auf der Suche nach etwas Anderem. Im Modestudium wollte sie sich ausleben und experimentieren, merkte im Bachelorstudium an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin aber, dass gewöhnliche Mode für Menschen, die sowieso schon alles haben, sie auf Dauer langweilt. „Ich hatte das Gefühl, dass ich mehr will und etwas anderes machen“, sagt sie. Über den Bundesverband für Kleinwüchsige und ihre Familien (BKMF) knüpfte Gedik Kontakte zu vielen weiteren Kleinwüchsigen, um noch mehr über das Thema zu erfahren.

Danach, so schien es, gab es kein Zurück mehr. Wer Gediks quirliges Naturell kennenlernt, erkennt schnell ihren unbändigen Willen. „Ich möchte Mode neu erfinden und das ist eine Marktlücke“, sagt Gedik. Sie beschloss für ihre Bachelorarbeit „Auf Augenhöhe“, die erste Mode für Kleinwüchsige zu entwerfen. Schnell verstand sie, warum andere Designer sich wohl bisher vor einer solchen Aufgabe scheuten. Schneiderpuppen, Maßtabellen – all das existierte nicht. Sema musste komplett bei null anfangen. Die größte Hürde: Da jeder Mensch mit Kleinwuchs andere Proportionen besitzt, ist es besonders schwer die richtigen Maße für eine größere Masse herzustellen. Ihr Enthusiasmus, der in jedem ihrer Worte mitschwingt, er schwindet immer mal wieder. „Ich dachte, es wäre viel einfacher. Ich musste erst einmal die Körperformen verstehen und das Vertrauen der Kleinwüchsigen gewinnen“, erklärt die Berlinerin.

Einige Kommilitonen konnten nicht glauben, was sie da versuchte und belächelten Gediks Anstrengung. Die Vorführung ihrer Bachelor-Kollektion auf der Berliner Fashion Week 2015 mit Kleinwüchsigen, die eigentlich keine Models waren, belehrte die Kritiker eines Besseren und ließ auch Gedik neuen Mut schöpfen. „Ich fand es so cool. Sie waren so selbstbewusst und haben sich präsentiert, als wären sie schon ewig Models“, freut sie sich. Danach bekam sie viele Anfragen, auch aus dem Ausland.

Das Recht auf Kleidung

Bei „Auf Augenhöhe“ geht es um mehr als nur um Kleidung, denn noch immer müssen Menschen mit Beeinträchtigungen für ein selbstbestimmtes Leben in allen gesellschaftlichen Bereichen kämpfen. So wie Michel Arriens. Als ehrenamtlicher Vorstand des BKMF kennt er die Probleme von Kleinwüchsigen nicht nur aus seiner eigenen Erfahrung. Mit dem Verband setzt er sich für die Interessen von Menschen mit Kleinwuchs ein und engagiert sich für einen Wandel in der Gesellschaft.

„Noch immer ist ‚Zwergenwerfen’ ein Volkssport in den USA und auch in Deutschland treten Kleinwüchsige als Zwerge auf Partys auf“, erklärt er. Die größte Barriere sei in den Köpfen der Menschen. Einige denken, er sei aufgrund seiner Körpergröße geistig eingeschränkt. Mit dem Modelabel „Auf Augenhöhe“ werde ein wichtiger Diskurs angestoßen. „Auch Kleinwüchsige haben ein Recht auf Kleidung“, sagt er.

Dieses Recht nimmt dank Sema Gedik immer mehr Form an. Gemeinsam mit dem BKMF nahm sie bereits von mehreren Hundert Kleinwüchsigen die Maße, um daraus am Ende die weltweit erste Konfektionstabelle herzustellen. Aktuell werden die Daten ausgewertet.

„Sema hat schon viel geschafft, wo wir dachten: Das geht nicht“, sagt Michel Arriens. Eine Kollektion in einer Größe bietet sie in einer Testphase ab April im Onlineshop an. Es ist die erste Größe für Kleinwüchsige, die vielleicht auch Michel Arriens passt. „Ich freue mich sehr darauf!“

Eine Antwort zu “Wahre Größe”

  1. Von Likemedien N°18 – Medien und Netz über Behinderung am 3. April 2017

    […] Co. auf dem T-Shirt rumlaufen?“ fragt Blogger und Aktivist Michel Arriens im Bericht über das Modellabel „Auf Augenhoehe“ bei „sagwas„, dem digitalen Labor für gesellschaftliche Debatten und Zukunftshemen der […]

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