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Warum wir Benjamin Blümchen gendermainstreamen sollten

Von Sophie Rieger / 31. Juli 2017
Credits: Pixabay/ RondellMelling; Lizenz CC0

Fernsehen bildet. Kinderfernsehen umso mehr. Doch vermittelt wird nicht nur Buchwissen, sondern auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Und das ist einer Studie zufolge ebenso gestrig wie sexistisch.

Seit Mitte Juli 2017 liegen Zahlen und Fakten zum Thema „Audiovisuelle Diversität“ vor. Übersetzt geht es also um Geschlechterdarstellungen in deutschen Film- und Fernsehproduktionen. Unter der prominenten Schirmherrinnenschaft von Maria Furtwängler hat die Uni Rostock eine entsprechende Studie durchgeführt und die Ergebnisse bestätigen, was Feminist_innen seit Jahren kritisieren: ein immenses Ungleichgewicht hinsichtlich der Repräsentanz von Männern und Frauen. Die Überraschung: Am eklatantesten ist der Fall beim Kinderfernsehen. Nur eine von vier Figuren ist weiblich. Bei Fantasiewesen wie sprechenden Tieren, Robotern oder Pflanzen ist es sogar nur eine von zehn!

Zur Vorstellung der Studienergebnisse in Berlin waren auch Vertreter_innen der Sendeanstalten anwesend, die durchaus reumütige Zustimmung demonstrierten. ARD-Vorsitzende Karola Wille bezeichnete die audiovisuellen Medien immerhin als Vermittlungsinstanz für Geschlechterrollenbilder. Und Frank Hoffmann von RTL sprach dem Kinderfernsehen eine verantwortungsvolle Position zu. Warum diese Erkenntnisse erst so spät kamen beziehungsweise weshalb ihnen bislang noch keine Taten gefolgt sind, blieb im Rahmen der Veranstaltung allerdings unbeantwortet.

Aufschlussreich war dagegen ein anschließendes Interview Claus Klebers mit Maria Furtwängler, in dem sich der Journalist des heute-journals mit einer Reihe rhetorischer Fragen recht augenscheinlich über die Tatsache mockierte, dass die Studie auch das Geschlecht von Fantasiewesen erhoben hatte. „Wollen sie jetzt Benjamin Blümchen gendermainstreamen?“ fragte ein schockiert wirkender Kleber und zeigte damit eindrucksvoll, wo der – wahrscheinlich männliche – Hase im Pfeffer liegt: Geschlechterrollen gehören in Deutschland nicht zum Bildungskanon.

Sichtbar heißt machbar

Die USA sind uns bei diesem Thema einige Jahre voraus. Nicht nur, dass sich zahlreiche amerikanische Medien von großen Tageszeitungen bis hin zu professionellen Blogs nahezu selbstverständlich und vor allem regelmäßig dieser Form der Medienkritik widmen. Mit dem Geena Davis Institute on Gender in Media existiert schon seit vielen Jahren eine anerkannte Institution, die sich dem Thema wissenschaftlich annimmt.

So legte das Geena Davis Institute bereits 2012 eine Studie vor, die Rollenbilder im Kinderfernsehen untersuchte und den Zusammenhang zwischen beruflichen Vorstellungen der jungen Zuschauenden und den vorhandenen Fernsehvorbildern herstellte. Die Schlussfolgerung dieser Untersuchung „If she can see it, she can be it“ – von Maria Furtwängler mit „Sichtbar heißt Machtbar“ übersetzt – zeigt, was eigentlich auf der Hand liegt. Wenn Mädchen im Fernsehen überwiegend nur Prinzessinnen, Mütter und Schönheitsköniginnen als Identifikationsfiguren angeboten werden, werden sie in diesen „Professionen“ eher ihre Zukunft verorten als in Forschung oder Raumfahrt. Ist das die Art von (Meinungs)Bildung, die wir uns vom Kinderfernsehen wünschen?

Eine ebenfalls von Geena Davis wissenschaftlich belegte Beobachtung 2012 war der signifikante Anstieg von Mädchen bei Bogenschießwettbewerben. Mehr als doppelt soviele wie in den Jahren zuvor wollten diesen Sport erlernen und tun können, was sie im selben Jahr im Kino bzw. im TV gesehen hatten „Die Tribute von Panem“ und „Merida – Legende Highlands“ – zwei Kinder- bzw. Jugendfilme mit bogenschießenden Heldinnen.

Bildungsfernsehen für Jungs

Auch aus Deutschland gibt es ein eindrucksvolles Beispiel für das Zusammenwirken von Medieninhalten und Meinungsbildung. Unter dem Titel „Warum seh’ ich nicht so aus?“ erschien 2016 eine Studie, die eine Verbindung zwischen der wachsenden Unzufriedenheit junger Mädchen mit ihrem Aussehen und dem Fernsehformat „Germany’s Next Topmodel“ nachwies. Zwar fungieren hier Frauen auf der Mattscheibe als Vorbilder. Aber in diesem Fall in häufig unerreichbaren und potentiell krankmachenden körperlichen Zuständen.

RTL-Chef Frank Hoffmann ist also nur zuzustimmen: Das Kinderfernsehen hat eine verantwortungsvolle Position inne – und zwar einer, der es nicht gerecht wird. Um da zu erkennen, reicht es, sich vor den Fernseher zu setzen. Große Wissenschaftsmagazine von kika beispielsweise werden (bis auf eine komoderierte WDR-Ausnahme) ausschließlich von jungen Männern präsentiert. Ein Blick auf die Sendungsübersicht der kika-Webseite könnte sogar zu dem Eindruck verleiten, dass rhetorisch wenig sensible Formate wie „Für Zukunftsmacher und Entdecker“ ohnehin nur männliche Zuschauer ansprechen. Von Entdeckerinnen ist jedenfalls nirgends explizit die Rede.

 

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