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Was wir wissen können

Von Fabienne Kinzelmann / 16. Mai 2017
Credits: Pixabay/ qimono; Lizenz CC0

„Alternative Fakten“ sind seit Trump zu einem geflügelten Wort geworden. Über die Bedeutung der „Wahrheit“ streiten sich Philosophen schon seit Jahrhunderten. Ludwig Wittgensteins „Über Gewißheit“ liefert einen wichtigen Ansatz.

Donald Trump hat es geschafft, innerhalb weniger Monate die Bedeutung der Begriffe Wahrheit und Wissen in die Uneindeutigkeit auszudehnen. Er hat sie missbraucht und von seinen Beratern und Sprechern öffentlich ausstellen lassen: Seine Beraterin Kellyanne Conway verbreitete völlig ernst gemeinte „alternative Fakten“. Obwohl Fotoaufnahmen klar belegen, dass die Besucherzahlen gering waren, behauptete die amerikanische Regierung, Trumps Vereidigung in Washington sei die größte der Geschichte gewesen. Die Formulierung war Anlass für viel Spott und erinnert an das „Wahrheitsministerium“ aus George Orwells Roman „1984“. Das streut – wenn auch in einem fiktiven totalitären Staat – systematisch Unwahrheiten.

Nicht zuletzt die Möglichkeit, Dinge zu verfälschen, begünstigt den schon immer existenten Hauch einer Ungläubigkeit. Auch deswegen verfangen Lügen von Populisten wie Trump in der Gesellschaft immer wieder. Denn, was ist wirklich wahr? Aber schlimmer als diese an sich legitime Frage ist die Tatsache, dass dank der starken Vernetzung der Menschen, etwa auf Facebook, sich angezweifelte Realitäten in Windeseile verbreiten.

Was wir wissen können

Es reicht nicht, Lügnern jede einzelne Lüge nachzuweisen, um ihnen das Handwerk zu legen – denn sie werden schlichtweg die nächste aus dem Hut zaubern. Stattdessen sollten wir uns anschauen, wie unsere Sprache und unser Verständnis von Wissen funktioniert: Was können wir tatsächlich wissen? Wie können wir Unwahrheit begegnen?

Lügen verbreiten sich dank sozialer Medien in Windeseile

Bis wenige Tage vor seinem Tod schrieb Ludwig Wittgenstein, einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, an seinem Werk „Über Gewißheit“. In seinem philosophischen Testament ist die Rede vom „Sprachspiel“, in dem wir uns bewegen:

(1) Unsere Sprache folgt – ähnlich einem Spiel – bestimmten Regeln wie etwa der Grammatik.

(2) Die Bedeutung eines Wortes liegt in seinem Gebrauch. Ein Mensch kann niemals sagen: „Bei mir bedeutet dieser oder jener Begriff etwas anderes als für alle anderen.“ Die Bedeutung hängt nämlich immer vom Gebrauch im Umfeld ab. Eine viereckige Holzplatte mit Füßen bleibt also ein Tisch, selbst wenn eine Person für sich beschließt, diesen Gegenstand anders zu nennen. Die Menschen, mit denen diese Person kommuniziert, werden unter ihm einen Tisch verstehen, nichts anderes.

(3) Ein Satz ist ein Zug oder eine Bewegung im Spiel der Sprache – ohne das System ist er bedeutungslos. Bestimmte Antworten sind auf bestimmte Züge möglich, andere nicht.

Das Sprachspiel ist also eine sprachliche Äußerung in einer speziellen Verwendungssituation und beruht auf den natürlichen Reaktionen und Tätigkeiten der Menschen, kurz: unserer Lebensform. Daher benötigt das Sprachspiel keine Rechtfertigung. Wie ein Begriff gemeint ist, steht durch unseren Gebrauch fest.

Um es etwas anschaulicher zu formulieren: Auch Trump kann hinterher nicht behaupten, offen ausgesprochene Begrifflichkeiten völlig anders gemeint zu haben.

Gewissheit durch die Sinne

Wer beispielsweise behaupte, er wisse nicht, ob eine Hand tatsächlich eine Hand sei, den könne man auffordern, näher hinzuschauen. Diese Möglichkeit des sinnlichen „sich Überzeugens“ gehört zum Sprachspiel. Doch Sinne können uns täuschen. Wie kann etwas mit Gewissheit gesagt werden?

Oft belegen wir etwas mit dem Prädikat „Wissen“, wenn wir uns etwas subjektiv gewiss sind, ergänzen es aber nicht durch die Aussage „Ich glaube, dass…“ oder „Ich bin mir sicher, dass…“. Des Weiteren gehen wir von „Wissen“ aus, wenn etwas objektiv gewiss ist – und wir uns Zweifel schlicht nicht vorstellen können. Zum Beispiel beim Klimawandel: Sich häufende extreme Wetterereignisse sind offensichtlich. Alle namhaften Forschungseinrichtungen und internationalen Organisationen haben den Klimawandel bestätigt. Also können wir nicht einfach annehmen, dass es ihn nicht gibt.

Denn auch, wenn ein Irrtum nie ausgeschlossen ist, brauchen wir für die Zweifel Gründe – und wir brauchen wiederum ein verlässliches System von Gewissheiten, um überhaupt zweifeln zu können. Hier versteckt sich schließlich die Krux des Ganzen: Populisten und ihre Anhänger zweifeln nicht unbedingt das Wissen selbst an, sondern das dahinterstehende System von Gewissheiten und die Glaubwürdigkeit der Wahrheitssucher. Sie behaupten zum Beispiel, die Wissenschaftler hätten sich geirrt. Sie präsentieren Gegenentwürfe als ebenso wissenschaftlich.

Aus diesem Dilemma herauszukommen ist so anspruchvoll wie Wittgensteins Philosophiezugang. Aber jede Mühe wert.

Am Ende bleibt die Frage: Wie geht man nun mit einem Lügner um – demjenigen, der absichtlich alle Gewissheit von Grund auf in Frage stellt? Vielleicht so, wie im aktuellen Kinofilm „Verleugnung“, in dem David Irving, britischer Autor und Holocaust-Leugner, eine Verleumdungsklage gegen die Universitätsprofessorin Deborah Lipstadt anstrengt. Statt den Holocaust zu beweisen, konzentriert sich Lipstadts Verteidigung am Ende darauf, Irving nachzuweisen, dass er den Holocaust leugnet. Die Fakten liefern die Grundlage für das Urteil, doch verurteilt wird Irving letztlich dafür, wissentlich die Unwahrheit zu sagen.

Eine Antwort zu “Was wir wissen können”

  1. Von Wie geht… politische Teilhabe? | am 27. Juni 2018

    […] Medien heutzutage als Instrument zur Meinungsmache wahrgenommen werden – überschwemmt von Fake News sowie polarisierenden Posts und unterwandert durch repressive Regime. Die Befragten verwendeten […]

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