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Weg zurück in die Gesellschaft

Von Felix L. / 4. Mai 2017
Credits: Pixabay/ geralt; Lizenz CC0

Ausstiegswillige Rechtsextreme nicht ausgrenzen, sondern integrieren – das versucht ein bundesweites Netzwerk verschiedener Akteure. Was sich in Zeiten der Flüchtlingskrise nach einem fast unmögliche Unterfangen anhört, ist in Form der BAG ziemlich erfolgreich.

Gerechtigkeit bedeutet, Menschen eine zweite Chance einzuräumen. Auch denen, die solche Prinzipien in der Vergangenheit abgelehnt, zum Teil sogar aktiv bekämpft haben. Diesem Grundsatz folgend arbeitet die Bundesarbeitsgemeinschaft der zivilgesellschaftlichen Ausstiegsprojekte für Menschen aus der rechten Szene „Ausstieg zum Einstieg“ e.V. (BAG) daran, solche Angebote flächendeckend in ganz Deutschland zu etablieren.

Ein Ausstieg aus extrem rechten Strukturen ist ein langer Prozess, der zumeist nur mit professioneller Unterstützung gelingt. Denn die Menschen müssen häufig umziehen, ihren Job wechseln und sich dann langfristig neue soziale Kontakte aufbauen, um keine Probleme mit dem alten Umfeld zu bekommen. Die Wahrheit ist, nicht bei allen ist der Druck der ehemaligen Begleiter das Hauptproblem. Bei einigen hat ein komplexes Geflecht aus Gründen wie niedrigem sozialem Status, ideologischer Vorbelastung des Umfelds oder einfach der Reiz des Verbotenen den Weg in die rechte Szene geebnet. Diese Faktoren aufzuarbeiten ist keine leichte Aufgabe und erfordert vor allem Zeit.

Ausstiegsberatungen wie die bundesweit neun in der BAG organisierten Projekte, bringen diese Zeit mit und leisten enge Beziehungsarbeit mit (zumeist) jungen Ausstiegswilligen. Die KlientInnen in Ausstiegsberatungen sind überwiegend männlich und zwischen 15 und 30 Jahren alt. Ausschlusskriterien sind das aber natürlich nicht. Die Beratungsstellen legen Wert darauf, dass auch Frauen von den Angeboten angesprochen werden. Denn diese spielen eine größere Rolle in der rechten Szene als häufig angenommen wird. Neben der Bandbreite sozialpädagogischer Einzelfallhilfe steht vor allem die Aufarbeitung der rechtsextremen Ideologie auf der Agenda. Junge Menschen in der Beratung haben nicht nur Probleme mit ehemaligen „Freunden“, sondern unter Umständen auch mit Schulden, Drogen oder Wohnungslosigkeit. Die BeraterInnen müssen an diesen Problemen arbeiten, bevor die Ideologie thematisiert werden kann. Ein erfolgreicher Ausstieg aus der rechten Szene bedeutet nicht nur die Abwendung von alten „Freunden“, sondern die nachhaltige Beantwortung der Frage, was die jungen Menschen zuvor an der Szene gereizt hat. Nur wenn dafür glaubwürdige Alternativen innerhalb der demokratischen Mehrheitsgesellschaft gefunden werden, ist ein Ausstieg auch langfristig erfolgreich.

Komplexes Arbeitsfeld mit hohen Anforderungen

Ausstiegsarbeit ist ein komplexes Arbeitsfeld, welches hohe Anforderungen an die einzelnen Ausstiegsberatungen mit sich bringt, da die Mitarbeitenden sowohl soziale Probleme, als auch extrem rechtes Gedankengut bearbeiten müssen. Um diesen gerecht zu werden, entwickelt die BAG Qualitätsstandards, organisiert Fachtagungen und regt den Austausch mit anderen bundesweit tätigen Akteuren wie der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus oder dem Bundesverband Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus an. Damit sollen die Mitarbeitenden in ihrer Arbeit gestärkt und Ausstiegsarbeit transparent gestaltet werden.

Das Selbstverständnis der Mitglieder sieht die Arbeit als Teil einer gesamtgesellschaftlichen Strategie gegen rechtsextreme sowie menschenfeindliche Einstellungen und Verhaltensweisen. Eine enge Zusammenarbeit mit Präventionsangeboten soll zudem Einstiege verhindern und gesammeltes Fachwissen einer möglichst breiten Masse zugänglich machen. Ausstiegsarbeit muss laut BAG gleichberechtigt neben anderen Akteuren der Rechtsextremismusprävention und –intervention etabliert werden und nicht in Konkurrenz zu solchen Angeboten stehen, denn die Mitarbeitenden sehen das Ziel ihrer Arbeit auch im Opferschutz. Das Motto ist: „Erfolgreiche Ausstiegsarbeit trägt zum Schutz der von Menschenfeindlichkeit betroffenen Personen bei.“

Ausstiegswillige brauchen Unterstützung und die Unterstützer Geld

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen allerdings noch einige Hürden überwunden werden. Etwa bei der Finanzierung. Ausstiegsprojekte betreuen ihre KlientInnen häufig über Jahre hinweg. Zu Problemen kann dies am Ende von Förderperioden führen. Fehlt der politische Wille zur Weiterfinanzierung, müssen KlientInnen an andere Ausstiegsberatungen verwiesen werden.

Um dieses Problem aus dem Weg zu räumen, macht die BAG parteipolitisch unabhängige Lobbyarbeit für ihre Mitglieder. Die projektunabhängige, dauerhafte Finanzierung der Ausstiegsberatungen ist wie die flächendeckende Etablierung in ganz Deutschland das erklärte Ziel. Viele der KlientInnen melden sich nicht selbst bei den jeweiligen Projekten, sondern werden von nahestehenden LehrerInnen, SozialarbeiterInnen oder dem Jugendamt etc. vermittelt. Werden Menschen z.B. im Schul- oder Hilfesystem durch rechtsextreme Aktivitäten oder Ideologie auffällig, kann ein niedrigschwelliger Kontakt zu AusstiegsberaterInnen hergestellt werden. Diese professionelle Unterstützung im Umgang mit rechtsextremen Personen vermittelt solchen Institutionen Sicherheit und stärkt die Zivilgesellschaft. Fällt die Finanzierung weg, zerbrechen auch die entsprechenden Netzwerke, welche zum Teil über viele Jahre hinweg aufgebaut wurden.

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