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Wege aus dem (islamistischen) Extremismus

Von Patricia Grähling / 1. Dezember 2017
Credits: Pixabay/ pixel2013; Lizenz CC0

Auch in Deutschland radikalisieren sich Männer und Frauen muslimischen Glaubens – oftmals unbemerkt von der Gesellschaft. Verschiedene Institutionen bieten Möglichkeiten zur Deradikalisierung und helfen bei der Präventionsarbeit.

„Wie baut man eine Bombe?“, lautete die Frage in einem Onlineforum. Die Anleitung soll ein Mann mit Verbindungen zur Terrormiliz IS einem Fragesteller verraten haben, der als Flüchtling nach Deutschland gekommen ist. Neben diesem gibt es noch weitere Beispiele Geflüchteter, die hier Anschläge verübt oder zumindest geplant haben – etwa der Weihnachtsmarkt-Attentäter Anis Amri.

Aber die Gefahr kommt nicht nur aus dem Ausland. Im April 2016 verübten drei 16-Jährige einen Anschlag in Essen, die Staatsanwaltschaft vermutet islamistische Motive. Die Täter sind allesamt in Deutschland geboren und aufgewachsen. Wie kann es sein, dass sich Angehörige der freiheitlichen bundesdeutschen Republik – augenscheinlich unbemerkt oder aber ignoriert – radikalisieren und so zur Gefahr für sich selbst und die Gesellschaft werden?

Benachteiligte sind besonders anfällig

Oft handelt es sich um junge Menschen, die diskriminiert werden, die sich ausgeschlossen fühlen und sich darum extremen Ansichten zuwenden. Realitische Erfolgsaussichten für ihre Zukunft haben die wenigsten. Häufig kommen sie aus einem problembelasteten Elternhaus, haben Schwierigkeiten in der Schule.

Das kann anfällig machen für die Predigten von Islamisten oder auch anderen Extremisten. Gemeinsam ist ihnen allen die Fähigkeit, eine immer komplizierter scheinende Welt in Schwarz und Weiß einzuteilen, in Gut und Böse – und die Schuld für die Unzufriedenheit ihrer Zuhörerschaft anderen zuschreiben. Wenn sie ihre Botschaft gut verpackt immer wieder orientierungslosem Publikum vortragen, verwundert es kaum, dass sich einige davon angesprochen fühlen.

Religion spielt dabei nicht immer die zentrale Rolle. Es gibt verschiedene Ursachen, die zu einer Radikalisierung führen können. Meist aber verläuft gerade dort das Ganze nach einem längst bekannten Schema: Einzelgänger und Sinnsucher begeben sich auf die Suche nach einer Gemeinschaft, die sie aufnimmt, ihnen wieder (mehr) Hoffnung bietet. Aus der sinnstiftenden islamischen Lehre, die im Koran festgehalten ist, fabrizieren Menschenfänger geschickt ein Handbuch zur Unterdrückung anderer. Diesen Widerspruch reden sich viele schön, denn die Unterdrückung anderer scheint Gottes Wille, also eine gute Tat. Und ganz nebenbei überwindet man so die passive Position, in man sich scheinbar befindet.

Präventionsarbeit geht uns alle an

Verhindern lässt sich so ein Verlauf nur durch die Zusammenarbeit verschiedener Akteure der Zivilgesellschaft. Zu diesen gehören Pädagogen und Schulen, Psychologen, Kulturträger, Jugendhilfeträger, die Polizei und nicht zuletzt Politiker – aber auch die Angehörigen solchermaßen Gefährdeter.

Eine offene Kinder- und Jugendarbeit kann jungen Menschen eine Perspektive bieten – fernab von Kriminalität, Drogen, Salafismus, Rechtsextremismus und anderen gefährlichen Ideologien. Ausreichend geförderte Präventionsarbeit kann es schaffen, Jugendlichen einen Platz in der Gesellschaft zu sichern. Ihnen ihren eigenen Wert vor Augen zu führen und sie so immun zu machen gegen menschenverachtende Weltanschauungen.

Aber wie können Betreuer und Pädagogen den Sinn und Zweck demokratischer Willensbildung verdeutlichen und die Bedeutung von Toleranz vermitteln, wenn eine pluralistische Gesellschaft sich selbst immer wieder in Frage stellt?

In der Jugendarbeit gibt es dafür kein Patentrezept, sondern verschiedene Ansätze. Einer basiert darauf, radikalen Gesinnungen keinen Raum zu lassen, Anhänger menschenfeindlicher Einstellungen Platzverweise auszusprechen. Ein anderer argumentiert, den Kontakt zu Jugendlichen aus der salafistischen Szene nicht abbrechen zu lassen. Gerade dann einen geschützten Raum bieten, wenn sonst keiner vorhanden ist! Besser ein kontroverses Gespräch führen als gar keines!

Stärkung der Angehörigen

Das Augsburger Netzwerk zur Prävention von Salafismus hat enge Kontakte zu Migrantenorganisationen und Beratungsstellen. Zu den Adressen für Deradikalisierung gehören etwa Hayat oder Wegweiser. Sie sollen nicht nur als Aussteigerhilfe fungieren, sondern insbesondere Angehörigen unterstützen.

Das Violence Prevention Network (VPN) berät frühzeitig, wie Familien mit Radikalisierten umgehen und sie noch erreichen können. Das Selbsthilfeprojekt Aufbruch Neukölln zeigt Vätern, wie sie sich an Erziehung und Bildung ihrer heranwachsender Kinder beteiligen, sie gewaltfrei und vorurteilsfrei erziehen und eine respektvolle Beziehung aufbauen können.

Derartige Netzwerkstrukturen braucht es umso mehr, wenn Jugendliche bereits dabei sind, in extremistische Strukturen abzudriften. Sie kennen Mittel und Möglichkeiten der Deradikalisierung. Spenden und ehrenamtliche Mitarbeit stellen sicherlich keine hinreichende, aber eine definitiv notwendige Voraussetzung für einen Weg aus dem Extremismus dar. Nur wenn viele verschiedene Akteure an einem Strang ziehen, werden wir unserer Verantwortung gerecht. Prävention und Deradikalisierung sind gesamtgesellschaftliche Aufgaben.

 

Dieser Beitrag ist im Vorfeld der FES-Live-Debatte „Islamistische Radikalisierung – und was wir dagegen tun können“ verfasst worden. 

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