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Zeit schenken

Von Andrea Lindner / 25. Juni 2015
Andrea Lindner

Lebensqualität kann auch bedeuten, nicht alleine sein zu müssen. Irmgard Schmid bietet kranken und alten Menschen als ehrenamtliche Seelsorgerin im Krankenhaus ein offenes Ohr.

Irmgard Schmid läuft über den Krankenhausflur des Klinikum Dritter Orden in München. Hier und da wird die 67-Jährige gegrüßt, für jeden hat sie ein Lächeln oder ein freundliches „Grüß Gott“ parat.

Sie betritt ein kleines Krankenzimmer. Im Bett liegt eine blasse, alte Frau. Irmgard Schmid rückt einen Stuhl ans Bett heran und setzt sich, dann nimmt sie die Hand der Patientin in ihre eigene. Die alte Dame lächelt und fängt an zu erzählen: Sie berichtet von ihrer Krankheit und sagt, dass sie „zum Glück bald Zuhause ist“. Irmgard Schmid hört ihr aufmerksam zu.

Die Zuwendung zu Kranken ist schon immer eine wesentliche Aufgabe christlicher Seelsorge gewesen. Gemeinden haben von frühester Zeit an Fürsorge für Menschen in Not praktiziert. In Deutschland gibt es viele hauptamtliche Seelsorger, aber auch eine größere Anzahl ehrenamtlicher Mitarbeiter, die in der Klinikseelsorge tätig sind. Irmgard Schmid besucht einmal pro Woche ihr Krankenhaus, ihre Station. Sie geht von Zimmer zu Zimmer, bietet Gespräche, Aufmerksamkeit und Hilfe, aber vor allem ihre Zeit an – ehrenamtlich.

Menschen Lebensqualität geben

Im Krankenhaus kennt man Irmgard Schmid schon lange: Bis vor wenigen Jahren arbeitete sie dort als Chirurgin. Diesen Beruf wollte sie aus dem gleichen Grund ausüben, aus dem sie sich jetzt weiterhin um die Kranken kümmert: „Menschen interessieren und faszinieren mich. Ich wollte anderen schon immer helfen und die Menschen dabei in den Mittelpunkt rücken.“

Als Ärztin in Rente möchte sie den Menschen im Krankenhaus Lebensqualität geben. „Ich zeige den Menschen, dass sie nicht alleine sind. Ich bin für sie da und sie sind mir nicht egal“, so Schmid.

Sie selbst könne ohne Sorgen leben, sei gesund und glücklich – deshalb möchte sie anderen etwas davon abgeben. „Ich lebe auf einer Insel der Glückseligen. Andere tun das auch, schätzen es aber leider viel zu wenig.“ In ihrer neugewonnen freien Zeit nach dem Berufsleben möchte sie sich besonders um die alten und kranken Menschen kümmern. „Auch sie sind ein wichtiger Teil der Gesellschaft und bekommen leider oft zu wenig Aufmerksamkeit“, sagt die Seelsorgerin.

Wer in der Seelsorge tätig sein möchte, kann nicht sofort loslegen: Schmid musste eine halbjährige Ausbildung für 100 Euro absolvieren. Die Klinische Seelsorge Ausbildung Bayern (KSA) bietet diese Kurse an. „Wer Kranke besuchen will, braucht die Fähigkeit, den Menschen in seiner konkreten Situation wahrnehmen und ihm aufmerksam zuhören zu können“, sagt Schmid.

Nicht alle sind für die Seelsorge geeignet. „Wer sich auf diesen Dienst einlässt, muss sich selbst gut kennen und fest im Leben stehen“, so Schmid. „Ich werde schon oft mit nicht so schönen Erlebnissen und harten Geschichten konfrontiert. Besonders natürlich mit dem Tod – aber auch mit Menschen, die ganz alleine sind und niemanden haben.“ Ihr Glaube an Gott helfe ihr in schwierigen Situationen.

Ökumenische Ausbildung

Die Ehrenamtlichen werden nicht nur in Theorie und Praxis ausgebildet, sondern auch kontinuierlich von Mentoren, hauptamtlichen Seelsorgern, begleitet. „In München laufen die Ausbildungen ökumenisch ab“, sagt Irma Biechele. Die Pastoralreferentin der Diözese München ist für die Aus- und Fortbildung der Ehrenamtlichen zuständig . „Auch im Krankenhaus wird kein Unterschied zwischen den Patienten gemacht. Evangelische Seelsorger gehen zu katholischen Kranken und umgekehrt.“

Schmid versuche, jedem Patienten das Gefühl zu geben, dass er die Hauptperson ist. „Ich nehme jeden, wie er ist und mache keine Unterschiede. Das ist sehr wichtig, denn die Menschen sind so vielfältig: Egal welche Religion oder Hautfarbe sie haben, alle sind es wert, dass ich mich ihrer annehme und mich um sie kümmere.“

Auch wenn es manchmal anstrengend und zermürbend sei, sich um Schwerkranke zu kümmern, ist eines für Schmid klar: „Es ist nicht nur ein großen Geben, es kommt auch eine Menge zurück. Ich lerne oft beeindruckende Menschen kennen. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Hoher Bedarf an Ehrenamtlichen

Neben Schmid gibt es rund 130 ehrenamtliche Seelsorger in Bayern. Die meisten von ihnen sind weiblich und älter. Genug ist das nicht, denn es gibt viel zu tun. „Geeignete Ehrenamtliche sind immer erwünscht, gerade im Palliativbereich“, sagt Michael Mädler von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

„Ohne die Ehrenamtlichen ginge bei uns in München gar nichts mehr“, sagt Pastoralreferentin Biechele. „Sie sind eine wichtige Säule geworden.“ Sie wolle besonders junge Menschen motivieren, in der Seelsorge tätig zu werden.

Irmgard Schmid möchte ihre Arbeit als Seelsorgerin noch mindestens zehn Jahre machen. Sie ist überzeugt: „Unsere Gesellschaft braucht ehrenamtliches Engagement.“ Wer könne, sollte immer etwas zurückgeben.

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