Twitter Icon Facebook Icon

Zum Schießen, diese Spezies

Von Christina Mikalo / 13. November 2019
Credits: Photo by Alexander Andrews on Unsplash;

Nach dem Anschlag von Halle haben konservative Politiker endlich die Ursache für rechtsextreme Gewalt entdeckt. Es ist der Homo ludens.

Eine invasive Art sorgt für Leid und Zerstörung. Weltweit bedroht sie die natürliche, friedfertige Vielfalt durch ihren Terror.

Besorgte Wissenschaftler schlagen Alarm, und das völlig zu Recht. Denn über diese gefährliche Spezies ist noch wenig bekannt. Manche munkeln, dass vor allem die Männchen zu aggressivem Verhalten neigen. Andere behaupten, ihr Habitat liege vor leuchtenden Bildschirmen, zwischen leeren Pizzakartons und Cola-Dosen.

Letzteres halten vor allem konservative Politiker für so sicher wie das Amen in der Kirche. Ähnlich wie Kryptozoologen, die die Existenz des Yetis im Himalaya bezeugen, ohne ihn wahrscheinlich je zu Gesicht bekommen zu haben, wissen sie einfach intuitiv, dass diese Spezies bevorzugt in Wohnzimmern und Kinderstuben haust.

Eine millionenfache Bedrohung

Kaum identifiziert und lokalisiert, haben die selbsternannten Forscher auch schon einen Namen für die Spezies gefunden: „Gamer“. Oder, lateinisch, Homo ludens, der spielende Mensch. Ersten Erkenntnissen nach handelt es sich um eine hochentwickelte Art, die sich – wie der Homo sapiens – in Verbänden, ja in einer ganze Szene zusammenschließt und sogar selbst erforscht. Davon zeugt beispielsweise der 2018 veröffentlichte Jahresreport des Verbands der deutschen Games-Branche. Die konservativen Politiker haben ihn wohl nicht (richtig) gelesen. Sonst wüssten sie, dass die Bedrohung, die von der Gamerszene ausgeht, noch weitaus größer ist als bislang angenommen.

So soll es laut Bericht allein in Deutschland etwa 34,3 Millionen Exemplare des Homo ludens geben. Eines davon bin, nebenbei bemerkt, ich. Denn als „Gamer“ gilt umgangssprachlich jeder Freund von Videospielen. Seit meiner Kindheit zocke ich – mal allein, mal unter Freunden – Spiele auf Konsolen, am PC oder im Internet. Manchmal geht es dabei brutal zu. Wenn meine Freunde und ich beispielsweise auf Pixel schießen, die an Homo sapiens erinnern, kann uns das für Stunden ans Sofa fesseln.

Homo ludens effektiv bekämpfen

Womöglich merken wir gar nicht, dass wir uns mit dieser Beschäftigung radikaliseren? Dabei behauptet selbst die Wissenschaft, dass Gewaltspiele Erwachsene nicht aggressiver machen. Zum Glück wissen immerhin die konservativen Politiker, welches Monster im Homo ludens schlummert. Hellsichtig schlagen sie vor, die spielende Spezies zu überwachen. Gut so! Hoffentlich filmt mich bald eine Drohne bei meinem gefährlichen Hobby und leitet die Daten an die Labore der selbsternannten Forscher weiter.

Denn ohne deren Fürsorge laufe ich Gefahr, auf diejenigen Plattformen zu gelangen, auf denen tatsächlich nicht mehr zwischen Spiel und Ernst unterschieden wird. In bestimmten Foren – der Plattform Steam etwa oder auf Image-Bords wie 4chan und 8chan – kommt es laut Christian Schiffer, Chefredakteur des Magazins WASD, zu neuen Formen des Hasses. Rechtsextremisten rekrutieren dort bevorzugt junge, sozial vermeintlich isolierte Männer. Auch die Attentäter im neuseeländischen Christchurch und Halle haben sich auf Image-Bords radikalisiert und ihre Amokläufe live wie Spiele kommentiert und ins Internet gestellt.

Von dieser „Gamifizierung des Terrors“ verstehen Behörden und Politiker noch wenig. Doch anstatt nun die gefährliche Unterart des Homo ludens intensiv zu erforschen, verabschieden sie lieber eilig ein „Maßnahmenpaket gegen Rechtsextremismus und Hasskriminalität“ im Netz. Wie Glyphosat auf den Feldern bewirken die neuen Regulierungen allerhand, keine Frage – sie lösen nur leider nicht das eigentliche Problem. Image-Bords betrifft das Maßnahmenpaket nämlich nicht.

Sie wollen (nicht mehr) bloß spielen

Dadurch haben sich die selbsternannten Wissenschaftler entlarvt: Im Grunde haben sie keinen blassen Schimmer von ihrem Forschungsgebiet. Jetzt muss der Homo ludens wohl selbst hinter dem Bildschirm hervorkommen und einen Debattenbeitrag leisten, der hoffentlich nützlicher ist als Verallgemeinerungen und Hysterie.

Gerne trage ich als Angehörige der Spezies also dazu bei und erkläre, dass es weder ein klassischesGewaltspiel“ noch eine homogeneGamerszene“ gibt, wie manche Politiker annehmen. Spieleentwickler und Gamer gehen unterschiedlich mit virtueller Brutalität um. Für viele ist diese tatsächlich nur ein Spiel, für manche aber möglicherweise mehr. Immer wieder stehen gewalthaltige Games im Verdacht, sich vor allem auf Heranwachsende negativ auszuwirken. Als Beleg dafür muss die Reihe GTA herhalten, die Jugendliche anfälliger für Sexismus und empathieloser machen könnte.

Ob das tatsächlich so ist, daran scheiden sich allerdings die Geister. Fest steht lediglich, dass viele Spiele Gewalt durchaus für einen unverzichtbaren Spielspaß-Faktor halten und mitunter regelrechte Schlachtfeste ermöglichen. Vielleicht täte der Homo ludens gut daran, sich mal – in allem Ernst – zu fragen, ob seine Spiele nicht auch auf friedfertigere Weise Spaß machen können.

Die allgegenwärtige Gewalt in Games könnte selbst ernannte Forscher sonst weiterhin zu dem Vorurteil verleiten, dass Menschen durch Videospiele zu wilden Bestien verrohen. Und immer wieder darüber zu reden, macht nun wirklich keinen Spaß mehr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Ähnlicher Beitrag

Pro & Contra

Um die Bildung spielen

Computerspiele machen süchtig, faul und aggressiv. Und sie können bilden, selbst wenn sie nicht in erster Linie Lernspiele sind. Fast jeder zweite Jugendliche zwischen zwölf und 19 Jahren nutzt …
Von Judith Dauwalter / 7. August 2014

Neues Thema

Meist Kommentierter Artikel

Hintergrund

„Wir alle sind rassistisch sozialisiert“

Sie ist Aktivistin, Autorin und Expertin in Sachen Rassismus: Tupoka Ogette will mit ihrem Buch „Exit Racism“ zeigen, dass mehr Diversität möglich ist. Im Interview erklärt sie, wie ein weniger …
Von Christina Mikalo / 5. September 2018