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Zurück zum Glück

Von Danilo Rößger / 28. Januar 2016
Danilo Rößger

Schon seit Jahrzehnten gibt es immer wieder Menschen, die aus der Gesellschaft aussteigen, die alles hinter sich lassen wollen. Die Gründe dafür können sehr unterschiedlich sein.

Das Streben nach Glück ist in unserer so hochmodernisierten westlichen Welt nicht immer einfach umzusetzen. So mancher sehnt sich nach individueller Freiheit, ist aber außerstande, sie im gewohnten Umfeld zu finden. Viele Menschen möchten auf die Bremse treten, um ein wenig zu verschnaufen. Weg von der Hektik, weg aus dem Alltag, weg vom Gewohnten.

Diese Sehnsucht ist kein ein Phänomen der Neuzeit. Bereits im Jahr 1900 versuchte man in der Schweizer Künstlerkolonie Monte Verità, sogenannten Zivilisationskrankheiten, die dem Alltagstrott entsprungen waren, vorzubeugen. Dort fanden sich Intellektuelle und Pazifisten, um ein entschleunigtes Leben fernab von Sachzwängen und Hierarchien zu führen.

Ähnlich wie die symbolträchtige kalifornische Hippie-Stadt Drop City verlief jedoch auch dieses kühne Projekt nach wenigen Jahrzehnten aufgrund unterschiedlicher Zielvorstellungen der Bewohner im Sande. Doch das Scheitern spielt keine Rolle. Auch heute sind derartige Gemeinschaften noch zu finden. Weltweit haben sich zahlreiche Kommunen gebildet, deren Bewohner sich vom Hamsterrad der Routine abwenden und ihre Bedürfnisse postmateriell zu befriedigen versuchen. Tatsächlich findet sich nach kurzer Recherche eine Vielzahl von alternativen Lebensräumen.1

Nächste Ausfahrt: Freiheit

Auch Auswandern kann eine Form des Ausstiegs sein. Die Studie „International mobil“ vom Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration2 belegt, dass Deutschland jährlich rund 25.000 Bürger durch Auswanderung verliert. Bei der Frage nach den Motiven gaben 41,1 Prozent von insgesamt 1.700 befragten Auswanderern an, dass die Unzufriedenheit mit Deutschland ein Grund sei, auszuwandern. Ein Großteil erhofft sich in der Ferne ein besseres Lebensgefühl als hierzulande. Für mehr als zwei Drittel soll das Verlassen der Heimat die Erweiterung des eigenen Horizonts ermöglichen.

Elisa aus Lüneburg hat sich entschieden, einen neuen Weg einzuschlagen. Die Motivation dafür lieferte ein verheerendes Ereignis: Ein Wohnungsbrand, der 2013 fast ihren ganzen Besitz vernichtete, sorgte für ein Umdenken in ihrem Kopf. „Was im ersten Moment ein Schock war, hat mich im Laufe der Zeit erleichtert“, erzählt die 24-Jährige. Sie wollte das Geld der Hausratsversicherung nicht für neue, sinnlose Besitztümer ausgeben. Stattdessen wollte sie einen Traum verwirklichen: ein eigenes Gästehaus auf der indonesischen Insel Lombok.

Die Welt dreht sich in Indonesien etwas langsamer und das empfinde ich als unglaublich angenehm“, sagt Elisa. „Ich habe keine Zeit“ bedeute in Indonesien „ich nehme mir keine Zeit“. Auch das Gemeinschaftsgefühl sei völlig anders als in Deutschland. „Als ich das letzte Mal in Deutschland war, ist mir bewusst geworden, dass unsere Gesellschaft mehr und mehr aus Einzelgängern besteht. Hier auf Lombok kenne ich meine Nachbarn und deren Kinder beim Namen.“ Wenn sie die Straße zu der Baustelle des Gästehauses hochfahre, rufe es von allen Seiten „Selamat pagi, Elisa!“ – „Guten Morgen, Elisa“.

Haben ist nicht gleich sein

Natürlich gebe es auch unter manch Indonesiern den Wunsch, auszusteigen, gibt Elisa zu. Einige ihrer indonesischen Freunde suchten ihr Glück in Irland, Italien und Österreich. Die meisten kehrten allerdings wieder zurück in ihre Heimat, weil das Verhältnis zwischen Arbeitszeit und Lebenszufriedenheit einfach nicht stimmte. Man müsse so viel arbeiten, um über die Runden zu kommen, sagten sie. Dagegen sei das Leben in Indonesien einfach entspannter und gemeinschaftlicher.

Im Moment leben, sich auf das Hier und Jetzt besinnen, das scheinen viele Europäer verlernt zu haben. Das Hier und Jetzt liegt für Elisa seit 2015 auf Lombok. „Seit ich viel hier bin, habe ich das Gefühl, dass ich näher an mir selbst bin, was definitiv durch die Lebensweise der Menschen in Indonesien beeinflusst ist.“

Konsequenz ist alles

Eine Rückkehr in ihre alte Heimat Deutschland ist für Elisa nur schwer vorstellbar. Auch wenn sie sich ab und an gewünscht habe, wieder an der Uni zu sein, wisse sie genau, wofür sie aktuell ihre Energie aufwende. Im Frühling soll ihr Gästehaus eröffnet werden.

Es gibt viele Gründe für einen Neubeginn außerhalb der gewohnten Muster. Parallelgemeinschaften wie Monte Verità sind nur eine Möglichkeit des Ausstiegs. Elisas Beispiel zeigt, dass es sogar alleine geht. Sie alle vermitteln vor allem eine Botschaft: Die Gelegenheit, sich einem vermeintlich vorbestimmten Leben zu entziehen, sind vielfältiger denn je. Sie zu nutzen, ist ein Privileg. Denn in einigen Ländern hat dieser Schritt nämlich weitaus weniger mit individueller Katharsis zu tun. Hierzulande eher hämisch konnotierte Sprüche à la „Wander doch aus, wenn’s dir hier nicht passt“ werden anderswo zu einer schieren Notwendigkeit.

Wir können es uns nämlich leisten, freiwillig zu flüchten. Das ist ein Luxus, der allzu oft übersehen wird.

1 http://www.mondamo.de/linklist/weltkarte.php bietet eine allgemeine Übersicht über alternative Kommunen auf der Welt verteilt; allerdings mit starkem Deutschland-Fokus.

2 http://www.svr-migration.de/wp-content/uploads/2015/03/Studie_International-Mobil_Web.pdf

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