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Analphabetismus: Tricksen, um nicht aufzufallen

Von Andrea Lindner / 1. Dezember 2015
Andrea Lindner

Millionen Deutsche können nicht richtig lesen und schreiben. Keinen Brief, keine Email und keine Packungsbeilage. Die Digitalisierung ist für sie auch keine Erleichterung. Analphabetin Christina berichtet von einem Leben voller Schamgefühl.Millionen Deutsche können nicht richtig lesen und schreiben. Keinen Brief, keine Email und keine Packungsbeilage. Die Digitalisierung ist für sie auch keine Erleichterung. Analphabetin Christina berichtet von einem Leben voller Schamgefühl.

Analphabetismus ist nicht nur in Entwicklungsländern ein Problem, Analphabetismus gibt es auch in Deutschland. Laut einer Studie der Universität Hamburg gibt es hierzulande 7,5 Millionen Analphabeten.

Diese 7,5 Millionen Männer und Frauen lesen höchstens auf Grundschulniveau. Sie sind sogenannte „funktionale Analphabeten“. Jedes Jahr verlassen 150.000 Jugendliche das Schulsystem mit geringen Schreib- und Lesekenntnissen.

Zu den funktionalen Analphabeten zählen Menschen, die zwar einzelne Wörter lesen können, aber zum Beispiel keine Emails oder Briefe. Eine von ihnen ist Christina aus München. „Manche Wörter verstehe ich gar nicht, die lass ich einfach aus. Aber dann verstehe ich auch oft den ganzen Satz nicht“, sagt die 26-Jährige.

Laut der Studie haben 80 Prozent der funktionalen Analphabeten einen Schulabschluss, gut 60 Prozent gehen einer regelmäßigen Arbeit nach. Der berufliche Status sagt also nicht allzu viel über die Lese- und Schreibkompetenz aus. Auch ist Analphabetismus nicht nur ein Problem von Migranten: Gut 40 Prozent der Analphabeten haben keinen Migrationshintergrund.

Peter Hubertus: „Viele Analphabeten sind clever.“ (Foto: privat)

In sozial schwachen Familien ist die Gefahr größer, dass Kinder zu funktionalen Analphabeten werden. Der soziale Status und die Vermögensverhältnisse sind jedoch nicht allein ausschlaggebend. Viel wichtiger sind die Zuwendung und das Bildungsniveau der Eltern. Peter Hubertus, Gründungsmitglied des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung, erklärt: „Wird nicht vorgelesen oder lesen und schreiben die Eltern nicht, ist die Gefahr größer, dass das Kind später Probleme in der Schule hat.“

Analphabetismus im digitalen Alltag

Hinzu komme die zunehmende Ablösung der Printmedien durch das Telefon und die Bildschirmmedien. „Die Digitalisierung des Alltags ist für Analphabeten Fluch und Segen zugleich“, so Hubertus. Fluch sei sie zum Beispiel, wenn man sich seine Fahrkarte nicht mehr am Schalter kaufen kann, sondern zum Automaten muss.

„Früher wurde mehr geredet. Heute geht alles nur noch online, per Mail oder Whatsapp“, sagt Christina. „Niemand will mehr mit mir telefonieren. Das erschwert vieles für mich.“So verspürten viele Analphabeten einen großen Druck. Sie müssen online mithalten können, da sie sonst Gefahr laufen, ausgeschlossen zu werden.

„Zum Glück kann man bei vielen Apps inzwischen auch Sprachnotizen machen – so merken viele nicht, dass ich nicht richtig schreiben kann“, sagt Christina. „Für viele andere Anwendungen gibt es ja auch schon Spracherkennung, zum Beispiel für das Navi oder Google.“

Die Angst vor dem Outing

Nicht ausreichend lesen und schreiben zu können, das ist ein Tabuthema. „In der Schule wurde ich oft ausgelacht und gehänselt, wenn ich vorlesen musste“, erzählt Christina. Aus Scham nehmen nur sehr wenige Betroffene an Alphabetisierungskursen teil. Laut dem Alphabetisierungs-Bundesverband sind es gerade einmal 20.000 pro Jahr. Besonders junge Menschen seien unterrepräsentiert, heißt es auf der Seite des Bundesverbandes. „Viele Menschen fragen sich natürlich, warum sie an solchen Kursen teilnehmen sollen, wenn es doch in der Schule auch nicht geklappt hat“, so Hubertus.

Christina merkte schon früh, dass sie Probleme beim Lesen und Schreiben hat. „Ich dachte, ich würde das dann später in der Schule lernen, aber das war nicht so.“ Ihren Schulabschluss hat sie trotzdem geschafft.

Erst jetzt hat sie einen Alphabetisierungs-Kurs begonnen. „Am Anfang dachte ich, ich bin die Einzige, die nicht lesen und schreiben kann. Im Kurs habe ich dann andere getroffen, denen es wie mir geht“, erzählt die junge Frau. Manchmal wolle sie aufgeben. Doch sie sagt auch: „Ich kämpfe mich durch diese Phase, indem ich mir immer wieder sage: Ich will das! Ich will lesen und schreiben lernen!“

Christinas Alltag ist voller Beschwernisse. Briefe von Behörden sind eine riesige Herausforderung und ohne Unterstützung von Freunden für sie nicht zu bewältigen. Oft werde ihr Blöd- und Faulheit vorgeworfen. „Fremde Leute begegnen mir oft respektlos. Sie sagen ‚lern erstmal deutsch’ oder fragen ‚bist du dumm?’“, erzählt Christina.

Die Schwäche verbergen

Deshalb legen Analphabeten oft großen Wert darauf, nicht als solche „entlarvt“ zu werden. Mit viel Energie versuchen sie, ihre Schwäche zu verbergen. Ausreden wie „Brille vergessen“ gehören zum Alltag. Im Restaurant zeigen sie auf die bunten Bildchen in der Speisekarte. Christina erzählt: „Ich habe zum Beispiel den kompletten Führerscheinbogen auswendig gelernt, damit es auch ja niemandem auffällt und ich die Prüfung trotzdem schaffe.“

Christina arbeitet in einem kleinen Zoogeschäft. Ihr Chef weiß nichts von ihrem Lese- und Schreibproblem. „Meistens muss ich putzen und Regale einräumen. Bestellungen mache ich nur am Telefon.“ Schwierigkeiten bekommt Christina aber, wenn Kunden etwas Spezielles über ein Produkt wissen wollen. Dann muss sie Ausreden finden.

„Viele Analphabeten sind sehr clever, und der Arbeitgeber findet nie heraus, dass sie nicht lesen und schreiben können“, sagt Hubertus. „Bei den verschiedenen Putzmitteln helfen sie sich beispielsweise mit den Farben: rot für den Boden, blau fürs Fenster.“ Generell blieben sie im Beruf oft unter ihren Möglichkeiten.

Zusätzliche Infos

7,5 Millionen – eine verdammt hohe Zahl!

Alphabetisierung zählt neben den Grundrechenarten, Umgang mit Alltagstechnik und sozialen Grundkenntnissen zur „Grundbildung“. Diese brauchten wir, um an der Gesellschaft aktiv teilnehmen zu können. Die etwa 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten in Deutschland unterteilen sich in drei Gruppen.

  • Alpha 1, circa 300.000 Menschen: Die Betroffenen unterschreiten die Satzebene und haben schon bei der Verknüpfung von Buchstaben Probleme.
  • Alpha 2, circa 2 Millionen Menschen: Sie können zwar einige Wörter lesen, haben aber schon bei einfachen Sätzen Probleme.
  • Alpha 3, circa 5,2 Millionen Menschen: Sie können Wörter und einfache Sätze lesen sowie schreiben, haben aber starke Probleme mit Rechtschreibung und Satz- und Textzusammenhängen. 12,9 Prozent von ihnen haben dennoch einen Real- oder Gymnasialabschluss.

 

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