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Arbeitslose Akademiker: Mit Promotion zum Arbeitsamt

Von Dorit Kristine Arndt / 3. März 2015
Dorit Kristine Arndt

Berufserfahrung plus Promotion gleich Traumjob – leider ist das nicht immer der Fall. Sebastian Richter* ist trotz beidem als Arbeitssuchender bei der Bundesagentur für Arbeit gelandet – welche eigentlich Agentur für Arbeitslosigkeit heißen müsste.

Sebastian Richter, der seinen Namen nicht hier lesen will, Anfang dreißig, promovierter Geograph, war gerade erst arbeitslos geworden, da verkündete Frank-Jürgen Weise, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit (BA): Wir steuern auf Vollbeschäftigung zu!

Die Firmen versuchten derzeit, so Weise, viel mehr Mitarbeiter an sich zu binden, weil sie befürchteten, später keine Fachkräfte mehr zu finden. „In Bayern zum Beispiel reißen sich die Unternehmen um Fachkräfte“, sagte Weise der Bild Zeitung.

Fachkraft Sebastian Richter wohnt nicht in Bayern, sondern in Leipzig. Und in Leipzig stieg die Arbeitslosenquote im Februar 2015 auf 10,2 Prozent an.

Agentur für Arbeitslosigkeit

Wenn es nach der Agentur für Arbeit geht, dann ist Sebastian Richter gerade eher „Bedarfsgemeinschaft“ als „Fachkraft“. Eine Nummer im System, ein Aktenstapel. Im Fall Richter ist der Aktenstapel zwei Finger breit. Mehr als 200 Seiten Schriftverkehr für sechs Monate Hartz IV. „Die Kommunikation erfolgt zu 99 Prozent postalisch. Es muss ja alles vor Gericht Bestand haben“, sagt der gebürtige Sachse – so will es die BA.

Persönliche oder gar fernmündliche Kommunikation ist nicht erwünscht, hat Richter das Gefühl. Er deutet auf den Briefkopf eines der Schreiben. „Wenn ich zum Beispiel die Durchwahl, die hier auf dem Anschreiben genannt wird, wähle, lande ich im Callcenter. Ich kann dann bitten mich zu kontaktieren, aber ich habe keine Chance, einen Mitarbeiter direkt zu erreichen.“

Diese Callcenter betreibt die Agentur für Arbeit seit einigen Jahren. Sechs Teams mit je mindestens 15 Leuten nehmen Anrufe entgegen. Hermann Leistner, Pressesprecher der Agentur für Arbeit in Leipzig, sieht das als Fortschritt in Sachen Service. „Freitagnachmittag um vier kommt man super durch und kann mit den Kollegen im Servicecenter sprechen, die auch Zugang zu den Akten haben“, sagt Leistner. „Montagmorgen um acht hängt man eher in der Warteschleife.“

Die Agentur entscheidet, wann was passiert. „Der Kunde ist da ganz und gar nicht König“, konstatiert Richter. „In den sechs Monaten hatte ich mit neun Vermittlern zu tun. Ein echter Arbeitsvermittler war davon nur einer. Die Leute stellen sich auch nicht vor und sagen: Ich bin jetzt ihr Neuer.“ Die Briefköpfe wechseln, die Lage währt gleich. „Die Zahl der Vermittler, die Herrn Richter betreut haben, ist ungewöhnlich hoch, aber Strukturveränderungen finden immer wieder statt“, sagt Leistner.

Richter ist promovierter Geograph - und arbeitssuchend. (Foto: privat)
Richter ist promovierter Geograph – und arbeitssuchend.
(Foto: privat)

Vermitteln für Fortgeschrittene

„Ich habe wenig Interesse wahrgenommen, mich zu vermitteln. Vermutlich auch, weil da eine Unwissenheit ist. Die wissen gar nicht: Was ist ein Geograph? Was kann der?“ Sebastian Richter kann viele Geschichten vom Jobcenter erzählen. „Einmal war ich bei einer Frau, die alle meine Daten für meine Vermittlungsakte aufgenommen hat. Während ich erzählt habe, hat die Frau mitgeschrieben“, berichtet Richter. „Dann hat sie gesagt, sie ginge mein Diplom kopieren.“

Mit seiner Promotionsurkunde in der Hand sei sie zum Kopierer gegangen. Sebastian Richter blieb nach eigener Aussage gelassen. Ihm sei nicht wichtig, dass er mit seinem Doktortitel angesprochen werde. Aber in diesem Fall sei es um eine potenzielle Jobvermittlung gegangen. „Dann habe ich gesagt: Naja, das ist die Promotionsurkunde. Nur dass sich Sie das richtig aufgeschrieben haben.“

Das Jobcenter versucht, Richters Bewerbungsprozess zu unterstützen. „Ein Angebot des Jobcenters ist zum Beispiel, dass ich den Computerpool nutzen darf, um von dort aus die Jobsuche zu machen.“

Die geistige Elite bei der Arbeitsagentur

Einem guten Freund von Sebastian Richter, der sich in der gleichen Situation befindet, hat das Jobcenter auch schon ein Bewerbungstraining angeboten. „Bewerbungstraining bedeutet: Zwei Wochen lang früh aufstehen, eine Woche Theorie, eine Woche Praxis, Basiswissen“, so Richter. Aber er wisse, wie ein Lebenslauf aussehen müsse und was in ein Anschreiben gehöre. „Das weiß ich aus dem Careercenter der Universität und außerdem kann ich ja googlen.“

Pressesprecher Leistner gibt zu: „Ich kann es gut verstehen, dass Leute, die unmittelbar aus dem Bewerbungsprozess kommen, sich in so einem Bewerberseminar fehl am Platz fühlen. Aber das Jobcenter wird Beweggründe gehabt haben, dieser Person dieses Seminar ans Herz gelegt zu haben.“

Die Leipziger Agentur für Arbeit hat ein eigenes Kompetenzzentrum für Hochschulabsolventen. Aber Sebastian Richter kann nicht von diesem Team der Agentur für Arbeit betreut werden, weil er als Hartz IV-Empfänger beim Jobcenter angegliedert ist.

Außerdem verdient er als Gutachter und damit Selbstständiger minimal dazu. Das so verdiente Geld reicht zwar nicht zum Leben, aber dazu, beim Jobcenter von „Team 994“ – zuständig für Selbständige – betreut zu werden. „Als Aufstocker bist du, so scheint es mir, automatisch in diesem Team, das Selbstständige betreut“, so Richter. „Sobald du etwas nebenbei tust, wird es kompliziert. Bist du selbstständig oder hast du einen Minijob oder vielleicht beides, dann kapituliert das System.“

Mehr Arbeitsaufwand für Arbeitslosengeld

Aufstocker sind Personen, die mit ihrer Beschäftigung ein so geringes Einkommen erzielen, dass sie ergänzend finanzielle Leistungen vom Jobcenter erhalten. Im Jargon der Arbeitsmarktstatistik wird offiziell von „erwerbstätigen Arbeitslosengeld II-Beziehern“ gesprochen. Den aktuellen Zahlen nach sind das in Deutschland 1.312.455 Menschen.

Um Hartz IV zu bekommen, müssen sie dem Jobcenter zuarbeiten. „Alle Aufstocker müssen richtig viel machen“, erklärt Sebastian Richter. „Das ist richtig und doch wahnwitzig. Wenn ich keinen Job hätte, hätte ich ein Minimum an Aufwand. Die Leute hingegen, die arbeiten, müssen all ihre Verdienste nachweisen und haben so mehr Aufwand.“ Etwa eine Stunde pro Woche arbeitet Richter dem Jobcenter zu: Anschreiben verfassen, Nachweise erbringen, Kontoauszüge schwärzen und einreichen.

Hartz IV – ein Stigma?

Der Leipziger nimmt das in Kauf. Aber er gibt zu: „Für mich ist es Nervenarbeit. Und es ist Hirnschmalz. Je nach Dicke der Briefe, die man zugestellt bekommt, muss man jede Menge Formulare ausfüllen.“

Damit hat sich Richter für den Moment abgefunden. „Ich denke, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Es dauert einfach nur. Ich muss Geduld haben.“ Während der Promotion selbst hat der Geograph schon einmal Hartz IV beantragen müssen.

Damals hat er mehr gehadert: „Der durchschnittliche Promovent in Deutschland braucht fünf Jahre. Aber nach drei Jahren lief mein Stipendium aus. Da wurde es eklig,“ erzählt er. „Als diese Förderung auslief, habe ich erstmal von meinem Ersparten gelebt, da wollte ich die Stigmatisierung nicht.“ Aber irgendwann sei es nicht mehr gegangen. „Für mich war es nicht drin, erfolgreich zu promovieren und gleichzeitig arbeiten zu gehen.“

Ärger mit der Agentur

Hartz IV zu beziehen ist eine Sache, bei anderen damit hausieren gehen zu müssen, eine ganz andere. Richters Kaltmiete liegt 2,45 Euro über dem Bedarfssatz, ist also zu teuer. Die Arbeitsagentur forderte ihn zur Kostensenkung auf. Ein Umzug, den auch die Agentur hätte finanzieren müssen, habe sich nicht gelohnt, das habe auch die Agentur eingesehen. „Dann sagten sie mir, ich solle mit meinem Vermieter sprechen, damit der die Miete an den vorgesehen Satz des Arbeitsamtes anpasst. Das ist absurd, das habe ich nicht gemacht.“ Richter zahlt den Überschuss jetzt selbst. „Wo aber liegt die Grenze: 2,45 Euro, 10 Euro oder 20 Euro?“, fragt er.

Beschwert hat Richter sich nicht. Auch nicht darüber, dass er mit so vielen verschiedenen Mitarbeitern zu tun hat. Dabei hatte ihm eine Mitarbeiterin nahegelegt, dass er sich beschweren solle. „Ich habe das Gefühl, das wäre ein Kampf gegen Windmühlen. Ich bin oft sehr wütend auf dieses System, aber ich manifestiere das nicht an den Personen.“ Die Sachbearbeiter könnten ja auch nichts dafür.

„Ich habe die Hoffnung, ohne die andere Seite zu kennen, dass man es besser organisieren kann, mit weniger Verwaltungsaufwand“, sagt Richter. „Vielleicht müssen auch mehr Menschen eingestellt werden, damit die Leute besser betreut werden können.“

Hut der Hoffnung

Richter hat sich mit dem Geographiestudium einen Wunsch erfühlt.Bei meiner Studienwahl habe ich auf mein Herz gehört. Und ich bereue es keine Minute.“ Sein nächstes Ziel sei nun ein „normales“ Arbeitsverhältnis, vierzig Stunden, sozialversicherungspflichtig, unbefristet.

„Das ist kein Traum. Das kommt auch, ist nur die Frage, wann.“ An das Jobcenter glaubt er dabei jedoch nicht. „Ich denke nicht, dass die mir einen Job vermitteln. Die können nur sagen: Bewerben sie sich da und da.“ Allerdings könne das Jobcenter auch nur auf Jobs hinweisen, die bei ihnen angezeigt würden. „Wenn ich eine Firma hätte und eine vakante Stelle, dann würde ich die nicht beim Arbeitsamt anzeigen lassen. Ich will ja jemanden einstellen, der Initiative zeigt.“ Sechs Monate bis ein Jahr – so viel Zeit gibt sich der Leipziger noch für die Arbeitssuche. „Wenn es dann noch nicht geklappt hat, denke ich darüber nach, Deutschland zu verlassen.“

*Name von der Redaktion geändert

3 Antworten zu “Arbeitslose Akademiker: Mit Promotion zum Arbeitsamt”

  1. Von Dr. Peter Fellenberg (Leipzig) am 1. Juni 2015

    Hier sind Zustände und Verhältnisse zur Normalität geworden, die persönlich hoch dramatisch und gesellschaftlich absurd sind. Das Hochschulteam am Arbeitsamt Leipzig ist letzten Herbst aufgelöst worden. Jüngst ist arbeitslosen Akademikern in einer Veranstaltung im Jobcenter, die wir als Lovania Akademie gemeinsam mit dem nea.eV. organisiert hatten, erklärt worden, dass statistisch gesehen bei Akademikern Vollbeschäftigung herrscht!!! Der überfüllte Raum kommt in Wallung. Überdies werden „Busfahrer und Schweißer gesucht“… Der Raum erreicht einen höheren Erregungszustand. Das war es dann auch.
    Dabei gibt es nachweislich Alternativen. Seit 14 Jahren gelang mit einem speziellen ganzheitlichen Konzept und Kompetenzen, die für akademische Quereinsteiger besonders geeignet sind, der Nachweis, dass sich „die Kreise“ schließen können und jeder seine „Landebahn“ im Arbeitsmarkt finden kann – und zwar ohne, dass er sich verstümmeln lassen muss. Dutzende unserer Abschlussberichte mit entsprechenden Nachweisen (nicht selten mit 100% Erfolgsquote) liegen bei der Sächsischen Aufbaubank. Aber offenbar besteht daran kein Interesse mehr. Jedenfalls kommen arbeitssuchende Akademiker mit Beginn der neuen ESF-Förderperiode 2014 – 2020 in Sachsen nicht mehr vor – Strafgefangene und funktionale Analphabeten sehr wohl (was an sich nicht zu kritisieren ist.) Seit zwei Jahren bieten wir dieses Konzept nun Arbeitsamt und Jobcenter an – mit AZAV-Zertifizierung und Kursnet und persönlichen Gesprächen mit Verantwortlichen und dem ganzen Drumherum: Das Ergebnis ist NULL. Nicht ein einziges Projekt konnte seither realisiert werden – verbunden mit einem breiten Spektrum an „Argumenten“. Politisch nicht gewollt – BASTA!

    Dr. Peter Fellenberg
    Lovania Akademie
    Business School
    http://www.lovania.de
    Mail: info@lovania.de
    Te. 0341-3198656

  2. Von com-n-tatoa am 4. Oktober 2016

    Ich bin auch Akademiker auf Jobsuche. Meine Fallmanagerin im Jobcenter zeigte mich polizeilich an und ihr Chef regte meine gesetzliche Betreuung an.

    So habe ich nicht mal das Geld für die Krankenversicherung, denn die hohen vierstelligen Anwaltskosten deswegen verschlangen das geliehene Geld für mein fest eingeplantes Masterstudium.

    Sowas gibts aber wohl nur in Bayern, „um die Statistik dieses Jobcenters zu verbessern“, wie die Fallmanagerin mir vorher gesagt hatte.

  3. Von com-n-tatoa am 4. Oktober 2016

    PS. Die Fallmanagerin hatte mir ins Gesicht aufgestoßen un mich beleidigt. Das kann ich zwar nicht beweisen, sagte es aber weiter. Das kam der Fallmanagerin zu Ohren beziehungsweise in ihr E-Mail Postfach (mein Versehen). Das nutzt sie, auch bekräftigt vom Chef des Jobcenters, um mich anzuzeigen, und regte auch gleich meine gesetzliche Betreuung an- und das Glück im Unglück war, dass ich mit anwaltlicher Hilfe die Betreuung samt einer geplanten sofortige Unterbringung abwenden konnte. Aber sonst ist D ein korrektes, gutes Land!

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