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Arm im Wohlfahrtsstaat

Von Sophie Hubbe / 12. März 2015
Mareike Ventur, www.youthmedia.eu, CC-Lizenz

Wer in Deutschland keine Arbeit besitzt, gilt als arm. Wir leben in einem ausgeprägten Wohlfahrtsstaat, der es jedem ermöglicht, Arbeit zu beziehen und davon zu leben. Aber wie arm ist Deutschland wirklich?

2015 läuft die Frist der Millennium-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen aus. In dem vor neun Jahren vereinbarten Katalog machten es sich die 189 Staats- und Regierungschefs der VN zur Aufgabe, die Anzahl der unter Armut leidenden Menschen weltweit zu halbieren.

Doch was bedeutet „arm“ eigentlich? Bei der absoluten Armut beträgt das eigene Einkommen weniger als einen US-Dollar pro Tag. In Wohlstandsgesellschaften gibt es eine solche absolute Armut praktisch nicht. Hier sprechen wir von einer armen „Unterschicht“, wozu in Deutschland jeder Mensch mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens gehört. 2013 lag diese Schwelle laut Statistischem Bundesamt bei 979 Euro netto pro Monat.

Armut bedeutet jedoch mehr, als auf materielle Güter verzichten zu müssen. Fehlende Bildung, mangelnde soziokulturelle Einbindung ebenso wie eine unzureichende gesundheitliche Versorgung sind auch Formen der Armut. Oftmals bedingen sie sich gegenseitig. Auch in Deutschland kennen wir all diese Aspekte der relativen Armut.

Die Kluft zwischen arm und reich wächst

Das Gefälle zwischen jenen Menschen, denen es in all diesen vier Bereichen sehr gut geht und denen, die relativ schlecht dastehen, ist sehr groß. Seit 1990 ist diese Kluft zunehmend angewachsen und Armut in den verschiedensten Ausprägungen in Deutschland auffälliger geworden.

Prof. Klaus Hurrelmann sieht Nachholbedarf bei der frühzeitigen Armutsprävention im Vorschulalter von Kindern. (Foto: Hertie School of Governance)
Prof. Klaus Hurrelmann sieht Nachholbedarf bei der frühzeitigen Armutsprävention im Vorschulalter von Kindern.
(Foto: Hertie School of Governance)

Im europäischen Vergleich steht Deutschland jedoch nicht an der Spitze dieser Ungleichheit. „In Ländern wie Großbritannien und zunehmend den Krisenländern im Süden fällt der Ungleichheits-Index höher aus als in Deutschland“, erklärt Klaus Hurrelmann, Professor für „Public Health and Education“ an der Hertie School of Governance. „Dennoch sind wir nicht so gut wie beispielsweise die skandinavischen Länder, sondern liegen in einem passablen Mittelfeld“

Auch regional gibt es innerhalb Deutschlands Unterschiede bei der Ausprägung von Armut. Vor allem Gebiete in der Grenzregionen zu Polen und Tschechien sowie einige Zonen des Ruhrgebietes sind von verstärkter Armut betroffen. Allgemein sei die Armut im Norden Deutschlands stärker ausgeprägt als im Süden, so Hurrelmann.

„Nach wie vor ist Arbeitslosigkeit einer der Hauptfaktoren, um in Deutschland von Armut betroffen zu sein“, sagt Jörg Fischer, Leiter des Instituts für kommunale Planung und Entwicklung an der Fachhochschule Erfurt. Von zentraler Bedeutung für eine erhöhte Armutswahrscheinlichkeit seien aber ebenso das Vorhandensein von Kindern im Haushalt, Krankheiten oder die Trennung vom Lebenspartner. „Daraus ergibt sich ein Blick auf die Gesellschaft, in dem Armut zwar von einer Unterversorgung durch ein zu geringes Einkommen geprägt ist, der darüber hinaus aber die vielfältigen Benachteiligungs- und Ausgrenzungsmechanismen einbindet.“

Arbeit schützt nicht vor Armut. Auch in Deutschland gibt es Menschen, die trotz einer Anstellung am Existenzminimum leben. Laut des Statistischen Bundesamtes bezogen Ende 2013 circa 3,1 Millionen Erwerbstätige ein Einkommen, das unterhalb der Armutsgrenze lag – 25 Prozent mehr als im Jahr 2008. Jeder fünfte Bürger Deutschlands war 2013 von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen. Was aber bedeuten diese alarmierenden Zahlen in einer Industrienation wie Deutschland?

Teilhabechancen prägen maßgeblich das heutige Verständnis von Armut und werden etwa im Bildungsbereich immer ungleicher verteilt, erklärt Prof. Jörg Fischer. (Foto: privat)
Teilhabechancen prägen maßgeblich das heutige Verständnis von Armut und werden etwa im Bildungsbereich immer ungleicher verteilt, erklärt Prof. Jörg Fischer.
(Foto: privat)

Im Teufelskreis gefangen

Wer einmal in Armut lebt, hat große Schwierigkeiten, dieser wieder zu entkommen. „Die Verweildauer in Armut steigt kontinuierlich und deutlich an. Wer einmal von Armut betroffen ist, hat eine signifikant erhöhte Wahrscheinlichkeit, wieder in eine Armutssituation zurückzufallen“, sagt Fischer. Dabei sei Deutschland traditionell ein ausgebauter Wohlfahrtsstaat, der durch Transferleistungen wie Hartz IV versuche, die wirtschaftliche Ungleichheit einzudämmen.

„Doch zufrieden können wir damit nicht sein“, sagt Hurrelmann. Die rein materielle Ausgleichsleistung sei nicht ausreichend. Stattdessen müsse das Augenmerk verstärkt auf den Bildungssektor gerichtet werden, wo Deutschland bisher noch zu wenig tue. „Hierzulande ist die Abhängigkeit des Bildungserfolges von der sozialen Herkunft so stark wie in nur wenigen anderen Ländern. Das ist ein Hinweis darauf, wo die Probleme liegen.“ Hurrelmann plädiert dafür, den Vorschulbereich auszubauen, um die Vorbereitung der Kinder auf das spätere Leben und ihre Qualifikationen besser zu fördern.

Auch Fischer kritisiert die fehlende Unterstützung im Bildungsbereich. „Obwohl gerade junge Menschen und insbesondere Jugendliche dem höchsten Armutsrisiko ausgesetzt sind, ist Kinder- und Jugendarmut ein Begriff, der in den Programmen der etablierten Parteien vergeblich gesucht wird.“ Es scheint, als könne man den Teufelskreis nur durchbrechen, wenn auch tatsächlich die Möglichkeit besteht, in der nächsten Generation durch einen guten Bildungsstand in eine gute berufliche und ökonomische Position zu kommen.

Millennium-Entwicklungsziele verfehlt?

Das vorläufige Fazit aus den Millennium-Entwicklungszielen fällt negativ aus. Hurrelmann bezweifelt, dass sich die Armutssituation in Deutschland verbessert hat. „Wir sind ein bisschen weiter gekommen, aber Deutschland hat es trotz sehr hoher Anstrengungen bei der materiellen Umverteilung nicht geschafft, die Ungleichheit und damit das hohe Ausmaß von Armut wirklich zu reduzieren.“

Fischer erklärt, dass der Prozess der Millennium-Entwicklungsziele in der nationalen Diskussion über Armut nur eine untergeordnete Rolle spiele. „Eine erfolgreiche Armutsprävention hängt stark von der Wahrnehmung und Wirkungsmessung ab. Es gibt in den Kommunen und Ländern vielfältige Ansätze – gleichzeitig werden teilweise lediglich aus Vermutungen heraus Angebote entwickelt, die mit der tatsächlichen Armut nur wenig gemein haben.“ Eine bessere Unterstützung der Armen müsse vor allem langfristig angelegt sein.

 

 

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