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Auf dem Weg zur optimierten Arbeitskraft

Von Aga / 13. November 2014
dpa / © Claude Cortier/OKAPIA

Die Debatte um Social Freezing zeigt, dass wir an einer dringenden Frage vorbeidiskutieren. Wir müssen klären, wie stark Unternehmen unser Leben beeinflussen dürfen. Sonst könnten sie bald eine Macht bekommen, die sich nicht mehr begrenzen lässt. Ein unmoralisches Angebot oder eine sinnvolle Hilfe für die Karriereplanung: Sollten Firmen ihren Mitarbeiterinnen das Einfrieren von Eizellen bezahlen, […]

Die Debatte um Social Freezing zeigt, dass wir an einer dringenden Frage vorbeidiskutieren. Wir müssen klären, wie stark Unternehmen unser Leben beeinflussen dürfen. Sonst könnten sie bald eine Macht bekommen, die sich nicht mehr begrenzen lässt.

Ein unmoralisches Angebot oder eine sinnvolle Hilfe für die Karriereplanung: Sollten Firmen ihren Mitarbeiterinnen das Einfrieren von Eizellen bezahlen, damit diese erst später Kinder kriegen? Derartige Angebote von den US-Firmen Apple und Facebook sorgen derzeit international für Debatten.

Meist geht es in den Diskussionen um die Rolle der Frau in der Arbeitswelt – doch es steckt noch mehr dahinter. Das Beispiel Social Freezing – das vorsorgliche Einfrieren von Eizellen ohne medizinischen Grund – zeigt, dass unsere Gesellschaft dringend die Frage klären muss, wie viel Einfluss Unternehmen auf unser Privatleben nehmen dürfen.

Christian Neuhäuser, Professor für Praktische Philosophie an der TU Dortmund und Autor des Buches „Unternehmen als moralische Akteure“. (Foto: Valentin Dornis)
Christian Neuhäuser, Professor für Praktische Philosophie an der TU Dortmund und Autor des Buches „Unternehmen als moralische Akteure“. (Foto: Valentin Dornis)

„Meine Studierenden wissen heute ganz genau, wann sie welche Schritte machen müssen, um ihre Karriere voranzutreiben“, sagt Christian Neuhäuser, Professor für Praktische Philosophie an der TU Dortmund und Autor des Buches „Unternehmen als moralische Akteure“. Er erforscht, wie Unternehmen durch immer neue Anforderungen Einfluss auf die Entscheidungen junger Menschen nehmen und damit sogar Lebensläufe prägen. Vor allem große Firmen haben mittlerweile einen Lebensentwurf entwickelt, den sie gerne ihren Mitarbeitern aufs Auge drücken würden.

Das Kinderkriegen ist ihnen dabei ein Dorn im Auge. Weil die biologische Uhr tickt und die Fruchtbarkeit schon ab einem Alter von 35 Jahren deutlich abnimmt, unterbrechen Frauen ihre Karriere zu einem relativ frühen Zeitpunkt. Mit Social Freezing können sie ihre biologische Uhr anhalten und ihre Fruchtbarkeit auf dem aktuellen Stand bewahren – während sie sich um ihre Karriere kümmern können, was den Unternehmen offensichtlich in die Hände spielt.

Tradition und Religion verlieren an Bedeutung

Wenn Unternehmen Social Freezing unterstützen und dies etwa aus Wettbewerbsgründen von Frauen angenommen wird, gewinnen die Unternehmen als Biografie gestaltende Institutionen an Bedeutung, während andere Institutionen ihren Einfluss verlieren. „Religion und auch Tradition treten immer mehr in den Hintergrund“, sagt Neuhäuser.

Ob Unternehmen nur gesellschaftlichen Veränderungen folgen oder diese selbst eigennützig anstoßen, ist noch nicht final geklärt. Rein statistisch wird Arbeit für Frauen immer bedeutender. In immer mehr Haushalten gibt es zwei Erwerbstätige.

Die Frauenerwerbsquote lag laut Eurostat 2013 in Deutschland bei 68,8 Prozent und ist damit in den vergangenen zehn Jahren um mehr als zehn Prozentpunkte gestiegen. Das hat zur Folge, dass sich gesellschaftliche Rollenbilder verändern. So wird die Haushaltsführung von Familien im Stile einer modernen Firma häufig „outgesourced“.

Laut einer Studie der Robert-Bosch-Stiftung werden typische Aufgaben im Haushalt wie Putzen, Kochen oder Kinderbetreuung immer häufiger nicht mehr durch die Familie selbst, sondern durch externe Dienstleister wie Reinigungskräfte und Haushaltshilfen getragen.

Das Familienleben wird für den Arbeitsmarkt optimiert

Die Optimierung des Privatlebens ist keine neue Herausforderung. Nur die Richtung, in die optimiert wird, hat sich verändert. Die Arbeit hat als zentrales Element des Lebensentwurfs an Bedeutung gewonnen.

Die Frage lautet weniger: Wie optimiere ich meine Arbeitszeiten, um mehr für die Familie da sein zu können? Stattdessen lautet sie oft: Wie kann ich mein Familienleben so organisieren, dass ich den Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht werde?

Zwar ist die Entscheidung, wie weit ökonomische Zwänge das eigene Leben beeinflussen sollen, noch immer auch individuell. Doch durch neue gesellschaftliche Konventionen kann auch ein externer Druck entstehen, den Trends der Selbstoptimierung folgen zu müssen, um als Arbeitnehmer überhaupt wettbewerbsfähig bleiben zu können.

Eine Frau, die das Angebot des Social Freezing ablehnt, könnte dadurch für den Arbeitgeber weniger attraktiv sein als Mitbewerberinnen, die dieses Angebot annehmen. Um solch eine Entwicklung zu vermeiden, fordert Philosophieprofessor Neuhäuser eine gesellschaftliche Debatte. „Es braucht einen öffentlichen Diskurs darüber, wie man Unternehmen wieder in gesellschaftliche Strukturen einbetten kann, die vorgeben, wie Biografien gestaltet werden“, so Neuhäuser. „Momentan gibt es eine Entwicklung, die es den Unternehmen ermöglicht, diese Gestaltung selbst zu bestimmen.“

Die moralische Bewertung von Social Freezing als Teil einer erfolgreichen Karriere wird nicht nur die Frauen selbst betreffen – sondern auch ihre Angehörigen und Freunde. Es entwickelt sich ein von Unternehmen getriebenes System, das einem Muster der Optimierung folgt.

Eigentlich sollte aber die Gesellschaft die treibende Kraft sein. Neuhäuser: „Wenn die Gesellschaft nicht bestimmt, dann kommen wir irgendwann an einen Punkt, an dem wir uns komplett dem Willen der Unternehmen beugen müssen und nicht mehr selbst entscheiden können, wie wir als Arbeitnehmer unser Leben gestalten wollen.“

Eine Antwort zu “Auf dem Weg zur optimierten Arbeitskraft”

  1. Von Sabse am 14. November 2014

    Ich finde es unmöglich, wie sehr der Gedanke der optimalen Arbeitskraft und der Wettbewerbsfähigkeit um jeden Preis unser Leben bestimmt. Fortpflanzung ist der im Menschen angelegte Sinn des Lebens. Alles andere sind Konstrukte, die uns langfristig nicht glücklich machen.

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