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Auf der anderen Seite

Von Lennart Lokstein / 25. Januar 2023
picture alliance / Sergey Nivens/Shotshop | Sergey Nivens

Wild Standpunkte auszutauschen oder sogar darauf zu beharren, kommt in Debattierclubs praktisch nicht vor. Stattdessen lernt man, Argumente sachlich zu hinterfragen, auch die eigenen.

Vor einigen Jahren, ich hatte gerade mein Studium begonnen, kam eine Gruppe von Kommiliton:innen in die Einführungsvorlesung und stellte ihren Verein vor: den Debattierclub. Dort, so hieß es, setzten sie sich wöchentlich mit aktuellen Themen aus Politik und Gesellschaft auseinander und wägten Pro und Kontra dazu ab. Mich sprach das sehr an, allerdings machte mir als Pendlerstudent die Zugverbindung einen Strich durch die Rechnung.

Ein wenig später hatte es sich ausgependelt, geblieben aber war die Neugier auf diese “Vereinsarbeit“. Also ging ich zu meinem ersten Debattenabend. Eine Entscheidung, die mein Leben nicht unwesentlich beeinflusst hat.

Nicht nur eine Meinung

Als Neuling identifiziert wurde ich sofort willkommen geheißen. Eine erfahrene Debattantin erklärte mir die Abläufe.

Wer mitdebattieren wollte, meldete dies per Handzeichen an. Lose wurden gezogen, Redner:innen daraufhin in Teams und sogenannte Fraktionsfreie Redner eingeteilt. Erst dann wurde das Thema selbst bekanntgegeben – immer eine Ja-Nein-Entscheidungsfrage, die sich nicht empirisch beantworten lässt.

Alle, die als Redner:innen benannt worden waren, gingen zunächst in eine fünfzehnminütige Vorbereitungszeit: drei Redner:innen auf der Pro-Seite (die „Regierung“), drei Redner:innen auf der Kontra-Seite (die „Opposition“) und drei sogenannte „Fraktionsfreie Redner:innen“ – ich war einer von ihnen. Als Fraktionsfreier Redner darf man sich aussuchen, welche der beiden Seiten man argumentativ unterstützen möchte.

Fünfzehn Minuten zur Vorbereitung ist nicht viel Zeit, um Argumente für eine Position zu finden, die einem zugelost worden ist. So passiert es regelmäßig, dass sich Redner:innen auf einer Seite wiederfinden, die ihrer eigenen Meinung zuwiderläuft.

Nicht nur ein Hobby

Mir hat bereits beim ersten Mal sehr imponiert, wie selbstbewusst die Redner:innen aus den beiden Teams ans Pult gingen, um mit großer Überzeugungskraft für ihre vorgegebene Haltung zu plädieren. Die Debatte dort hat wenig gemein mit Diskussionen, wie man sie aus Schule, Seminar, Familien- oder Freundeskreis kennt, wo wild durcheinanderargumentiert wird.

Bei der Clubsitzung halten beide Fraktionen abwechselnd vorne am Pult ihre Rede, immer bis zu sieben Minuten lang. Das führt zu einer wesentlich strukturierteren Auseinandersetzung, sodass ich als Zuschauer beidseitig gute Argumente zu hören bekam. Gestattet waren auch Fragen direkt an den oder die Redner:in, mit denen man unmittelbar auf Gegenargumente aufmerksam machen konnte. Die Schlagfertigkeit und Kreativität, mit der die erfahreneren Debattant:innen nach so kurzer Vorbereitungszeit zu Werke gingen, erstaunte und beeindruckte mich. Und dann kam ich an die Reihe.

Ich hatte mir Argumente überlegt und ein paar Notizen gemacht. Meine erste Rede war natürlich bei weitem nicht so gut wie die der Debattenerprobten und, seien wir ehrlich, besonders souverän habe ich sicher nicht performt. Umso mehr freute ich mich, dass nach der Debattenrunde – die Reden dauerten insgesamt etwa knapp eine Stunde – alle nach kurzem Handschlag noch von den besonders erfahrenen Mitgliedern Feedback bekommen konnten, um sich für die nächste Rede zu verbessern. Das fand ich super und so begann mein nahezu wöchentlicher Gang zum Debattenabend!

Auch an Wettbewerben nahm der Debattierclub teil. Das war kein Muss und nicht jede:r wollte jedes Mal dabei sein, aber für mich war das eine spannende Entdeckung: Es gibt nicht nur einfach Debattierclubs, sondern einen regelrechten Debattiersport mit Turnieren und Meisterschaften. Obwohl – oder gerade weil – ich ein wenig scheu bin, habe ich dann sehr schnell mit zwei weiteren Neulingen an einem Einsteigerturnier teilgenommen.

Mehrere Debattenrunden durchstehen, dazwischen interessante Gespräche mit anderen Teilnehmer:innen führen und, ja das auch, eine wirklich gute Party am Abend des Turniers feiern – der Debattiersport hatte mich vollends überzeugt. Ich hatte ein neues Hobby. Nein, mehr als das.

Nicht nur eine Debatte

Heute, einige Jahre später, pflege ich diese Leidenschaft immer noch. Und auch nach dem Berufseinstieg bin ich dem Debattieren treu geblieben. In meinem aktuellen Debattierclub debattiert eine bunte Mischung aus Oberstufenschüler:innen, Studierenden, Azubis und jungen Berufstätigen und es macht nach wie vor richtig viel Spaß. An mein erstes Debattenthema erinnere ich mich nicht mehr. Aber an das der letzten Woche: „Sollte Containern legalisiert werden?“

Aus dem Debattieren mitgenommen habe ich neben Freundschaften in vielen unterschiedlichen Städten die Fähigkeit, mir jederzeit zu jedem x-beliebigen Thema eine Meinung zu bilden und Argumente hinterfragen zu können, das souveräne Reden spontan und auch vor Publikum zu meistern und ganz nebenbei noch eine ziemlich breite Allgemeinbildung zu bekommen. Fazit: 10/10. Would certainly do it again.

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