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Ausbildung braucht Mitbestimmung

Von Yvonne Blos / 16. Oktober 2015
sagwas

Viel wird momentan über die Situation der Ausbildung in Deutschland geredet – doch was sagen die Auszubildenden selbst eigentlich dazu?

Über die Zukunft der Ausbildung in Deutschland wird momentan viel geredet. Sehr selten werden jedoch die Auszubildenden selbst danach gefragt, was besser gemacht werden kann. Das Interview und der daran anschließende Artikel geben Antworten auf die Frage nach den Alltagserfahrungen der Auszubildenden in Deutschland: Welche Themen beschäftigen die Auszubildenden? Welche Probleme haben sie? Und welche Lösungen und Verbesserungsmöglichkeiten schlagen sie vor?

Das Interview und der Artikel basieren auf den Ergebnissen eines Workshops mit ca. 50 Auszubildenden aus verschiedenen Branchen und Berufsschulen zum Thema „Ausbildung und Mitbestimmung – Geht nicht? Geht doch!“, den die Friedrich-Ebert-Stiftung am 15.9.2015 gemeinsam mit der Bildungsinitiative Was bildet ihr uns ein?  organisiert hat.

Wenn man die Auszubildenden nach ihrer eigenen Ausbildungssituation und den damit verbundenen Problemen fragt, werden von ihnen vor allem zwei Themen genannt, die sie beschäftigen: Ausbildungsvergütung und die Ausbildungsbedingungen im Betrieb. Zwei weitere wichtige Themen sind die Rolle der Berufsschulen sowie der Umgang mit Konflikten in der Ausbildung.

Ausbildungsvergütung: große Unterschiede zwischen den Branchen 

Insgesamt lässt sich festhalten: die Ausbildungsvergütung variiert sehr stark zwischen den verschiedenen Branchen, weshalb Vergleichbarkeit nicht vorhanden ist. Während insbesondere die Auszubildenden in Berufen, in denen Tarifverträge existieren (z.B. Bautechnik), sehr gut da stehen, sieht es in anderen Branchen, wo gewerkschaftliche Anbindung und Tarifverträge fehlen, hingegen sehr schlecht aus. Große Unterschiede gibt es zwischen Ost und Westdeutschland sowie bei der Erhöhung der Ausbildungsvergütung im 2. und 3. Ausbildungsjahr. Allgemein wird in vielen Branchen zu wenig gezahlt, denn ab dem 2. Lehrjahr verrichten viele Azubis dieselben Tätigkeiten wie Facharbeiter_innen und arbeiten selbstständig. Dies ist ein Ausdruck mangelnder Wertschätzung, finden die Azubis. Oft reicht die Vergütung nicht einmal aus, um den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten. In solchen Fällen ist es grundsätzlich möglich, Berufsausbildungsbeihilfe zu beantragen. Allerdings ist das nur möglich wenn man nicht bei den Eltern wohnt oder wenn das Einkommen der Eltern sehr gering ist. Außerdem ist die Berufsausbildungsbeihilfe sehr niedrig angesetzt und bedeutet, dass die Azubis trotz einer 40-Stunden-Woche auf staatliche Hilfe bei der Sicherung ihres Lebensunterhalts angewiesen sind.

Forderung: Mindestlohn für Auszubildende

Die Azubis fordern gleiches Geld für gleiche Arbeit. Dies bedeutet für sie, dass es eine angemessene Vergütung für die geleistete Arbeit sowie eine Angleichung der Branchen in Ost- und Westdeutschland sowie zwischen den einzelnen Branchen geben muss. Der Mindeststandard, den man zum Leben braucht, muss durch die Ausbildungsvergütung abgesichert sein. Zudem müssen Überstunden angemessen vergütet werden und Zuschläge angemessen sein. Die zu geringe Ausbildungsvergütung mindert die Motivation für den Beruf. Daher sollte auch für Auszubildende ein Mindestlohn eingeführt werden, so die Azubis.

Viele Überstunden, kaum Ausgleichszahlungen 

Bei den Ausbildungsbedingungen herrschen große Unterschiede zwischen den verschiedenen Ausbildungsbranchen. In einigen Branchen (z.B. im Bereich Veranstaltungsmanagement) sind Überstunden die Regel. Oft werden sie aber nicht angerechnet und es gibt keine Zuschläge für Nacht- oder Wochenendarbeit. Zudem wird erwartet, dass die Auszubildenden rund um die Uhr erreichbar sind; sie haben teilweise weniger als 11 Stunden Pause zwischen zwei Arbeitstagen und müssen regelmäßig am Wochenende arbeiten. In anderen Branchen (z.B. Baugewerbe) werden hingegen kaum Überstunden gemacht bzw. die Überstunden werden direkt in derselben Woche ausgeglichen. Auch der Umgang mit Fehlstunden wird von Branche zu Branche und von Betrieb zu Betrieb sehr unterschiedlich gehandhabt. Oftmals bekommen Azubis weniger Urlaubstage als festangestellte Mitarbeiter_innen. Hier ist laut Meinung der Auszubildenden ebenfalls eine stärkere Angleichung und Abstimmung notwendig.

Ausbildungsinhalte und Betreuungssituation

Was die Zusammenarbeit mit den Ausbilder_innen angeht, so ist der Kontakt zu ihnen teilweise sehr schwierig oder es gibt keine Ansprechpartner_innen im Betrieb – so entsteht der Eindruck, dass die Ausbilder_innen an ihrer Rolle eigentlich kein Interesse haben. Teilweise werden Ausbildungspläne nicht eingehalten oder die Auszubildenden werden für die Ausübung fachfremder Tätigkeiten wie Kaffeekochen missbraucht, was laut den Auszubildenden unter anderem auf eine fehlende Kontrolle der Ausbilder_innen zurückzuführen ist. In anderen Betrieben wiederum müssen die Azubis zu viel Verantwortung übernehmen und machen die Arbeit von Fachkräften, werden hierfür aber nicht entlohnt. Auch bei den Ausbildungsinhalten existieren von Branche zu Branche wieder große Unterschiede. Während in einigen Betrieben der Ausbildungsplan für alle sichtbar an der Wand hängt und abgearbeitet wird, sind die Ausbildungsinhalte in anderen Betrieben und Branchen überhaupt nicht transparent oder der Ausbildungsplan wird nicht eingehalten.

Reformbedürftig: die Rolle der Berufsschulen

Wenn man die Auszubildenden nach ihrer Meinung zur der Rolle der Berufsschulen in der Ausbildung fragt, antworten viele, dass sie sich eine Reform der Berufsschulen wünschen. Ein Crashkurs zur Vermittlung der wichtigsten ausbildungsbezogenen Inhalte würde ihrer Auffassung nach ausreichen, da die restlichen Inhalte direkt im Betrieb besser erlernt werden können. Je nach Betrieb wird sehr spezifisches Wissen benötigt, das die Berufsschulen nicht wirklich vermitteln können. Vor allem bei den Auszubildenden, die bereits Abitur haben, doppeln sich die Inhalte in der Berufsschule mit denen in der Regelschule, beispielsweise in den Fächern Deutsch und Englisch. Die Berufsschullehrer_innen sollten darüber hinaus stärker aus der Praxis kommen, um den Unterricht realitätsnah gestalten zu können.

Was tun bei Konflikten und Problemen in der Ausbildung?

Eigentlich ist die Industrie- und Handelskammer der erste Ansprechpartner der Auszubildenden bei Beschwerden. Allerdings wird dies in der Praxis nicht immer als hilfreich angesehen. Dies zeigt das Beispiel einer Auszubildenden, deren Beschwerde von der IHK zurück an den Betrieb gereicht und dort ignoriert wurde. Hinzu kommt, dass der Arbeitgeber eine Machtposition gegenüber den Auszubildenden innehat und es schwer ist Probleme anzusprechen, weil die Angst vor Entlassung und Abmahnung immer präsent ist. Die Auszubildenden fühlen sich daher bei Problemen hilflos, weil Ansprechpartner_innen, die sich mit ihren Problemen beschäftigen, fehlen. Oft trauen sie sich auch nicht, Probleme offen anzusprechen. Die meisten Azubis sind nicht gewerkschaftlich organisiert; ein Betriebsrat oder eine Jugendausbildungsvertretungen existieren nur in wenigen Betrieben.

Fazit: Auszubildende müssen mehr mitreden dürfen!

Auch wenn die Ausbildungsbedingungen von Branche zu Branche sehr unterschiedlich sind, steht eines fest: die Auszubildenden sind sich vieler Probleme in der Ausbildung bewusst und haben viele gute Ideen, um ihre Ausbildungssituation zu verbessern und diese Probleme zu lösen. Wichtig ist jedoch, dass sie dazu angehört werden und es Möglichkeiten für sie gibt, sich im Kontext ihrer Ausbildung – und darüber hinaus – aktiv in gesellschaftliche Debatten einzubringen und diese mitzugestalten. Dies erscheint gerade in Zeiten sinnvoll, in denen die Ausbildung zunehmend unbeliebter wird und Betriebe Schwierigkeiten haben, Lehrstellen zu besetzten. Momentan besteht hier noch großer Handlungsbedarf, denn solche Möglichkeiten der Mitgestaltung für Auszubildende fehlen bisher größtenteils.

 

Der Artikel entstand unter Mitarbeit von Was bildet ihr uns ein? e.V.

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