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Barrierefreie Sexualität

Von Sophie Rieger / 20. März 2017
Credits: Pixabay/ bubulina65; Lizenz CC0

Nicht jeder Mensch ist in der Lage sich oder seine_n Parnter_in sexuell zu berühren, dennoch haben fast alle Menschen entsprechende Bedürfnisse. Sexualbegleitung kann dabei helfen, diesen gerecht zu werden. Aber wer soll das bezahlen?

Ist Sexualität ein Menschenrecht? Diese Frage ist der Ausgangspunkt für einen Diskurs, der Anfang diesen Jahres von der pflegepolitischen Sprecherin der Grünen, Elisabeth Scharfenberg, angestoßen wurde. Die Politikerin schlug den Kommunen vor, Kosten für Sexualbegleitung von Menschen mit Behinderung zu übernehmen und sorgte damit für heftige Diskussionen.

Nun sind Sexualität im allgemeinen und Sexarbeit im Besonderen grundsätzlich Themen, an denen sich die Geister scheiden. Insbesondere in feministischen Kreisen wird seit Jahren intensiv darüber diskutiert. Ist Sexarbeit pauschal als frauenverachtend zu verurteilen oder kann es so etwas wie selbstbestimmte und damit auch emanzipierte Prostitution geben?

Yes, we fuck!

Bei der Frage zur Sexualassistenz aber geht es um die Empfangenden, also jene Menschen, für die Sexualassistenz der vielleicht einzige Weg ist, ihren Körper erotisch zu erfahren. In Film und Fernsehen ohnehin marginalisiert, werden Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft in der Regel nicht als sexuelle Akteur_innen wahrgenommen. In der Pornographie, aber auch in Spielfilmen und Serien ist ihre Sexualität nahezu unsichtbar.

Antonio Centeno, selbst durch eine körperliche Behinderung mit der Frage nach Sexualassistenz konfrontiert, beleuchtet mit seinem Film Yes, we fuck! (der 2015 beim Pornfilmfestival in Berlin als beste Dokumentation geehrt wurde) das Thema „Sexualität und Behinderung“ aus verschiedenen Blickwinkeln. Ihm geht es um die Sichtbarmachung von körperlicher Vielfalt ebenso wie um die Wiederaneignung des „behinderten“ Körpers über den Weg sexueller Erfahrungen. Sexualassistenz ist hierbei nur eine von vielen Möglichkeiten.

Sexuelle Hilfestellung

Aber was genau ist eigentlich Sexualassistenz? „Sexualassistenz oder auch Sexualbegleitung ist ein Angebot, in dem sich Sexualbegleiterinnen und Sexualbegleiter mit Menschen mit körperlicher, geistiger oder seelischer Behinderung, schweren Krankheiten oder hohem Alter einfühlsam und sinnlich mit ihren Körpern und Herzen begegnen können“, erklärt Deva Bhusha. Ihrer Meinung nach gibt es zahlreiche Unterschiede zwischen Sexualassistenz und klassischer Prostitution. So bietet Bhusha selbst beispielsweise keinen Dienstleistungskatalog, sondern gemeinsame Zeit an. Die Preise richten sich dabei nach dem Einkommen ihrer Klient_innen, nicht aber nach den Praktiken, die ein Treffen beinhalten kann. Darüber hinaus möchte Deva Bhusha den Menschen auf Augenhöhe begegnen, Respekt ausstrahlen wie auch empfangen: „Dazu gehört, dass ich auch mal Nein sage, wenn ich etwas gar nicht mag oder mir die Art nicht gefällt, wie etwas bei mir erreicht werden möchte.“

Auch Antonio Centeno unterscheidet verschiedene Formen von Sexarbeit für Menschen mit Behinderung, findet für Sexualassistenz aber eine andere Definition. Im Unterschied zur Surrogatpartnerschaft, wie sie beispielsweise im US-amerikanischen Film „The Sessions“ dargestellt wird, ist die Sexualassistenz für Centeno keine Form der sexuellen Beziehung, sondern eine Hilfestellung, die Einzelpersonen wie auch Paare in Anspruch nehmen können, um die eigene Sexualität zu erforschen und zu gestalten. Auf diese Weise sollen auch Menschen mit körperlichen Einschränkungen einen Weg finden zu masturbieren – ein Aspekt, den Menschen ohne Behinderung selten bedenken, haben sie doch niemals erfahren, wie es ist, sich nicht selbst berühren zu können.

Ist Sex Luxus oder Menschenrecht?

Eine unbestreitbare Gemeinsamkeit von Sexarbeit und Sexualbegleitung sind die Kosten. Während etwa in den Niederlanden einzelne Kommunen Zuschüsse gewähren, wenn auch mit erheblichem bürokratischen Aufwand stieß der Vorschlag von Elisabeth Scharfenberg in Deutschland vornehmlich auf Unverständnis. Pflegeforscher Wilhelm Frieling-Sonnenberg spricht gar von einem „menschenverachtenden“ Ansatz, dem es lediglich um Triebabfuhr ginge. Andere wiederum, wie SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, betrachten Sexualassistenz in der Pflege als einen vernachlässigbaren Nebenschauplatz.

Somit bleibt Sexualität für Menschen mit Behinderung hierzulande in vielen Fällen ein Luxus. Zusätzlich sorgen das mit Sexarbeit noch immer verbundene Stigma sowie restriktive Gesetzgebungen, wie beispielsweise die Sperrbezirksverordnung in München, für ein begrenztes Angebot und erhebliche Hürden – für Empfangende und Gebende. Insbesondere für Frauen mit Behinderung ist der Zugang zu Sexualassistenz schwer. Hier verschränken sich, so Antonio Centeno, zwei Formen der Diskriminierung: die auf Grund von Behinderung und jene auf Grund des Geschlechts. Weibliche Sexualität ist deutlich stärker tabuisiert als männliche, Sexarbeit wiederum wird vornehmlich von Frauen und seltener von Männern ausgeübt. Allerdings hätten es laut Deva Bhusha Frauen mit Behinderung auch etwas leichter, einen Partner zu finden.

Ob das Recht auf Sexualassistenz jemals gesetzlich festgeschrieben werden kann, scheint momentan eher unwahrscheinlich. Auch wenn klar sein sollte, dass sie Menschen mit Behinderungen einen sonst erschwerten oder gar verstellten Zugang zu (ihrer eigenen) Sexualität und damit auch eine Form der Freiheit ermöglicht. Und die wiederum steht laut unserem Grundgesetz jedem Menschen zu.

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