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Bilingual und bestens integriert

Von Ariana Dongus / 28. Juli 2016
Credits: Dave King/ flickr; Lizenz CC BY-NC-SA 2.0

Sprache ist der Schlüssel zur Verständigung und damit zur Integration. Trotzdem ist es in Berlin immer noch schwierig, Kurdisch zu lernen.

Riza Baran, 74 Jahre alt, lebt seit 1970 in Berlin. Er gehört zur ersten Arbeitergeneration, er ist der „große alte Mann“ der Berliner Integrationspolitik, war Grünen-Politiker für den Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain. Als Vorsitzender des Kurdischen Zentrums, gegründet 1990 in Kreuzberg, beobachtet er seit Jahren Schwierigkeiten bei der Integration.

„Integration ist ein soziales und gesellschaftliches Problem und keines, das auf ethnische Rahmenbedingungen reduziert werden kann.“ Vor allem Sprachunterricht könne zur Integration beitragen, so Baran. „Sprachunterricht ist elementar, um Konflikte zu lösen, die eigene Identität zu verstehen und konstruktiv mit seiner Herkunftskultur umgehen zu können.“

Alles Türken, oder?

Die heute etwa 70.000 in Berlin lebenden Kurden seien schon immer einer „großen Unklarheit bezüglich ihrer Zukunftsperspektiven“ ausgesetzt gewesen, erzählt Baran. Mit dem Inkrafttreten des Anwerbeabkommens 1961 migrierten viele Kurden aus dem Südosten der Türkei nach Berlin. Die Mehrheit von ihnen hatte in der Heimat auf dem Land gearbeitet, ohne Berufs- und Bildungsabschluss.

In Berlin lebten sie anfänglich mehr oder minder isoliert von der restlichen Bevölkerung. Die deutschen Behörden gingen davon aus, dass alle, die einen türkischen Pass besaßen, Türken seien, also dementsprechend Türkisch statt Kurdisch sprachen. Kultur und Sprache der Kurden wurden wenig beachtet.

„Damals gründeten wir den Verein Kurdisches Zentrum, um den Leuten Deutsch beizubringen“, erzählt Baran. 1995 wurde die deutsch-türkische Aziz-Nesin-Grundschule in Kreuzberg eröffnet, die zwar Türkisch als Muttersprache unterrichtet, jedoch kein Kurdisch.

Selbst die Kurden der zweiten und dritten Generation sind bis heute einer Benachteiligung durch das Bildungswesen ausgesetzt – dabei ist es die Sprachförderung, die für den Zusammenhalt einer multikulturellen Gesellschaft elementar ist, wie das Beispiel der Russlanddeutschen zeigt.

Kinder helfen bei der Integration

Schätzungsweise 200.000 Menschen russischer Herkunft leben derzeit in Berlin. Ein Großteil davon migrierte zwischen 1989 und 1993 in die Bundesrepublik. Vor allem Russlanddeutsche, die eine lange Einwanderungstradition aufweisen, befinden sich unter ihnen.

Die Kinder dieser Migranten sind sehr wichtig für die Integration der Russen in die deutsche Gesellschaft. Das hob auch Wladimir Kotschin von der Stiftung Russkiy Mir („Russische Welt“) in seiner Rede zur Eröffnung des Russischen Zentrums in Berlin-Steglitz im April 2016 hervor. Besonders die Kinder, die bilingual aufwüchsen, seien hervorragende Vermittler zwischen den Kulturen Deutschlands und Russlands.

Daher sind staatliche Mittel für die bilinguale Erziehung bei der Eingemeindung der jungen Generation Russlanddeutscher wichtig. Der Interkulturellen Pädagogischen Vereinigung Mitra e.V. kommt bei der Gründung bilingualer Kindergärten in Berlin eine Pionierrolle zu. Derzeit gibt es mehr als 20 bilinguale Kindergärten, in denen die Kinder bereits vor ihrer Einschulung mit der deutschen Sprache in Kontakt treten, ohne dabei jedoch die Elemente der russischen Kultur und die Kenntnisse der russischen Sprache zu vernachlässigen.

Bereits seit fast 30 Jahren haben Kinder in Europa das offizielle Recht, ihre Muttersprache im Aufnahmeland zu lernen. Einer langen bürokratischen Debatte um die Bedeutung der Muttersprache in Deutschland folgte schließlich 1977 europaweit die rechtliche Möglichkeit, „muttersprachlichen Ergänzungsunterricht” zu besuchen.

Nicht gewollt, aber existent

Trotz dieser legalen Umstände ist das Erlernen der kurdischen Sprache in Deutschland weiterhin ein Problem. 1990 organisierte das Kreuzberger Kurdische Zentrum an einer Grundschule und an einer Gesamtschule Kurdisch-Unterricht als AG. „Als der türkische Generalkonsul dies mitbekam, befragte er die Eltern, warum sie ihren Kindern eine Sprache beibringen ließen, die nicht existiere“, erinnert sich Baran. Dadurch verlagerte sich der Unterricht wieder in die Räume des Vereins.

Derzeit setzt sich Baran dafür ein, an zumindest zwei öffentlichen Berliner Schulen wieder Ergänzungsunterricht anzubieten. Während russische Gemeindevereine mit Hilfe des Integrationsbeauftragten Fördermittel für Russisch-Unterricht akquiriert hätten, gestalteten sich die Verhandlungen mit dem Berliner Senat über eine Förderung für den Kurdisch-Unterricht als langwierig, erzählt Baran.

Die Öffentlichkeit habe bisher nur wenig Notiz von diesen Problemen genommen, so Baran. Oft reduzierten die Medien die Integrationsdebatte auf rein kulturell-religiöse Aspekte. Sprache als Schlüssel zur Integration werde zu wenig beachtet.

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