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Lautlos, nicht schweigsam

Von Melina Aboulfalah / 6. Juli 2022
picture alliance / imageBROKER | Ralph Kerpa

Vor 20 Jahren wurde die Deutsche Gebärdensprache als eigenständige Sprache anerkannt. Grund genug, sich mit dieser Sprache zu beschäftigen und mit der Frage, warum sie nicht nur für taube Menschen nützlich ist.

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold – das denke ich mir, wenn ich im ohrenbetäubenden Lärm der Berliner U-Bahn sitze und meine Begleitung anschreien muss, um mich verständigen zu können. Und dann, an einem wuseligen U-Bahnhof angekommen, fallen mir auf einmal zwei Menschen auf, die sich völlig unbeirrt vom Lärm unterhalten. Ihre gegen die Geräuschkulisse immune Geheimwaffe: Gebärdensprache.

Ein Stigma und seine Folgen

Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) wurde erst vor 20 Jahren in Deutschland als eigenständige Sprache anerkannt. Hörende Kinder gehörloser Eltern wachsen somit bilingual auf. So auch die Schauspielerin Annalisa Weyel, die auf Instagram auf die DGS aufmerksam macht. Die 21-Jährige kritisiert in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau, dass viel Unkenntnis herrsche: „Viele wissen nichts darüber. Sie denken noch heute, das ist nur eine Zeichensprache oder gar ‚Affensprache‘.“

Diese Abwertung eines solchen Sprachsystems hatte 1880 zur Folge, dass Gebärdensprache an Schulen verboten wurde. Taube Kinder konnten fortan nur durch fehleranfälliges Lippenlesen am Unterricht teilhaben, ein gleichberechtigter Zugang zu Bildung wurde ihnen verwehrt. Erst die Erkenntnisse des US-Linguisten William Stokoe in den 1960ern, dass die Amerikanische Gebärdensprache mit eigenen Vokabeln und Grammatik eine vollwertige Sprache sei, brachten ein Umdenken in Gang und führten in den 1980ern zu entsprechenden Forschungsergebnissen in Deutschland.

Trotzdem halten sich Klischees über Gehörlose hartnäckig: Die Bezeichnung „taubstumm“ empfinden viele von ihnen als Stigma, gegen das sie sich wehren. Cindy Klink, die auf ihrem YouTube-Kanal Musik in DGS dolmetscht, erläutert in einem Video von Aktion Mensch: „Taubstumm bedeutet, dass Menschen nicht fähig sind, zu hören und zu sprechen. Wir Gehörlosen werden so stumm gemacht. Das sind wir aber nicht. Erstens können Gehörlose durch gezieltes Training sprechen lernen. Zweitens haben wir die Gebärdensprache, können also auch ohne Stimme sprechen.“ Gehörlose sind also keineswegs zum Schweigen verurteilt, wie die Fremdzuschreibung „stumm“ suggeriert.

Nach Angaben des Vereins Deutscher Gehörlosen-Bund leben hierzulande 80.000 Taube und 16 Millionen Schwerhörige – das sind rund 20 Prozent der Bevölkerung. Nicht alle davon sind auf DGS angewiesen. Doch auch wenn Cochlea Implantate (elektronische Hörprothesen) oder Hörgeräte eine Abhilfe verschaffen, wäre Gebärdensprache ein sicheres Kommunikationsmittel, wenn die Technik versagt oder durch Störgeräusche beeinträchtigt ist. Barrierefreiheit kann es nur geben, wenn DGS-Muttersprachler*innen auch in so einem Fall mit Hörenden kommunizieren können. Um das biblische Diktum „Wer Ohren hat, der höre“ an die Moderne anzupassen: Wer Hände hat, der gebärde!

Auch für Hörende hilfreich

Gebärdensprache ist letztlich auch nur eine (in verschiedenen Ländern teilweise unterschiedlich ausgeprägte) Sprache, die man lernen kann. Und sie kann sich auch für Hörende als hilfreich erweisen. Schwerhörigkeit ist meist nicht angeboren, sondern stellt sich im Alter ein oder ist Folge einer Krankheit. Da Hörgeräte keine Garantie bieten, das Hörvermögen vollständig wiederherzustellen, empfiehlt der Deutsche Gehörlosen-Bund die „gleichberechtigte Verwendung der Gebärdensprache“ im Sinne der totalen Kommunikation.

Vielleicht ist es dieser Nutzen, vielleicht die Faszination an einer nahezu lautlosen, aber nicht schweigsamen Sprache, die das Interesse an DGS wecken: Auf Instagram folgen Weyel 32.000 Menschen, Klink hat auf YouTube über 47.000 Abonnent*innen. Mittlerweile kann man DGS im Bachelor an sieben deutschen Universitäten studieren. Und die Kultusministerkonferenz empfahl im Oktober 2021, DGS als Wahl- oder Wahlpflichtfach in Schulen einzuführen. Einerseits im Sinne der Inklusion, andererseits um die besonderen „kognitiven und motorischen Leistungen“ der DGS als visuell-manuelle Sprache zu fördern.

Sicherlich gibt es wichtige Kommunikationsformen für Menschen mit anderen Behinderungen, man denke an die Brailleschrift für Blinde oder das Blinzelalphabet für Locked-in-Patient*innen. Die Inklusion Gehörloser durch DGS ist nur ein Stein im Mosaik der Rechte von Behinderten. Diese zu gestalten ist Aufgabe der ganzen Gesellschaft, zu der Menschen mit und ohne Behinderungen gehören.

Der Zugang zu Bildung ist dabei entscheidender als man denkt: Es ist alarmierend, dass viele Taube kein Abitur machen, auch weil dieser Abschluss an Förderschulen schlicht kaum angeboten wird. Manche wechseln also an eine Regelschule und sind auf Dolmetscher*innen angewiesen. Jedoch gibt es hierzulande nach Angaben des Bayerischen Rundfunks nur 800 DGS-Dolmetscher*innen (Stand 2020).

Ich jedenfalls habe mich inzwischen für einen DGS-Kurs angemeldet. Wenn ich das nächste Mal am Bahnsteig Menschen sehe, die sich mittels Gebärdensprache unterhalten, kann ich vielleicht schon ein bisschen verstehen und mich auch dann noch verständigen, wenn die U-Bahn lärmend einfährt.

Wer mehr zu Cindy Klink wissen will, hier ist unser Feature über sie zu lesen. Viel Spaß!

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