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Anders normal

Von Özge Kabukcu / 24. Januar 2019
Credits: Cindy Klink;

Jung, dynamisch und schwerhörig: Cindy Klink besitzt mit ihren 21 Jahren nur noch 30 Prozent ihrer Hörfähigkeit. In ihrem Buch „Hören wird überbewertet“ schreibt sie offen über ihre Erfahrungen und bezaubert nebenbei ihre Fans auf Youtube.

Winken, dann den Zeigefinger auf jemanden richten und anschließend beide Daumen nach oben strecken – das heißt, „Hallo, wie geht’s dir?“ in Gebärdensprache.

Mit den Händen zu sprechen ist für Gehörlose selbstverständlich. So auch für Cindy Klink. Die junge Verwaltungsfachangestellte aus Rheinland-Pfalz ist seit ihrem dritten Lebensjahr hörgeschädigt. Ihre Muttersprache ist die Gebärdensprache. Und diese lehrt sie in ihren Videos ihre fast 10.000 User umfassende Fangemeinde auf Youtube. Nicht wenigen gilt sie deshalb als „Influencer“ oder gar Youtube-Star.

Aufgrund ihrer Andersartigkeit – sie verfügt über nur noch rund 30 Prozent Hörvermögen – hat sie schon früh Ausgrenzung erfahren müssen. Via Skype-Chat erzählt mir Cindy Klink, wie sie damit umgeht.

Anderssein ist nicht besser oder schlechter

„Es sind sehr wenige Leute, die sich mit dem Thema auseinandersetzen“, beklagt die 21-Jährige. Sie ist der Meinung, dass schwerhörige und gehörlose Kinder viel früher mit hörenden Menschen in Kontakt treten müssten. „So können frühzeitig Vorurteile aus dem Weg geräumt werden und niemand würde sich ausgegrenzt fühlen“, erklärt sie. Dass sie anders ist und anders wahrgenommen wird, hat Cindy Klink bereits im Kindergarten zu spüren bekommen. Das blonde Mädchen wird zu der Außenseiterin mit den komischen bunten Ohren abgestempelt, wie sie in ihrem Buch „Hören wird überbewertet“ beschreibt. „Dabei müsste man die hörenden Kinder aufklären, warum und weshalb schwerhörige Kinder nichts hören können oder eben diese ‚bunten‘ Hörgeräte tragen“, lautet ihr Appell für mehr Bildungsarbeit.

Vor allem Eltern sollten zur Verantwortung gezogen werden. Integrative Kindergärten, findet die Autorin, deren Buch 2018 erschien, zwar wünschenswert, aber nicht zwingend notwendig. „Es kommt auf die Umgebung und auf die Leute an, inwieweit sie vorurteilbehaftet sind.“ Kindern sollte erklärt werden, dass es immer Menschen gibt, die anders sind. „Das heißt es nicht, dass sie schlechter oder besser sind. Sie sind Menschen wie wir auch, und sie sollten so behandelt werden, wie wir auch behandelt werden möchten.“ Dabei steht das Verständnis füreinander im Vordergrund. „Manche Menschen brauchen allerdings mehr Hilfe, andere wiederum nicht. Und das ist nichts Schlimmes.“

Kuriose Begegnungen

Wenn hörende Menschen auf gehörlose Menschen treffen, können mitunter skurrile Dinge passieren. Klink hat dafür den Selbsttest gewagt. So besuchte sie ohne Hörgerät ein Elektro-Geschäft, um etwas zu kaufen. Sie wollte herausfinden, wie Hörende auf eine solche Situation reagieren. „Natürlich ist dieses Experiment total in die Hose gegangen. Der Verkäufer hat mich aus dem Laden geschmissen und meinte, ich solle erst wiederkommen, wenn ich einen Dolmetscher an meiner Seite hätte. Er hatte wohl einfach keine Lust, sich schriftlich auf einem Blatt Papier zu verständigen“, erinnert sie sich.

Auch sonst stößt die selbstwusste junge Frau in ihrem Alltag immer wieder auf Unverständnis. Obwohl Cindy Klink als bilingual gilt, weil sie sich sowohl in Gebärden als auch in Lautsprache unterhalten kann, zeigen sich nicht alle Leute um sie herum davon beeindruckt. Als sie einst am Flughafen einen Mann bat, die Durchsage für sie zu wiederholen, erntete sie Kritik. Es hieß, sie solle sich bessere Hörgeräte kaufen.

Musik fühlen, Texte gebärden

Dass sie sich von solchen Erlebnissen nicht unterkriegen lässt, beeindruckt nicht nur mich. Es ist ein Glück, dass der kleine Berliner Verlag Hirnkost auf sie aufmerksam geworden ist. Bereits davor hat Cindy Klink geschrieben. Zunächst auf der Blogging-Plattform Tumblr, unter Pseudonym. „Texte schreiben war schon immer mein Ventil“, erzählt sie im Verlauf unseres Chats. Sich öffentlich als diejenige zu präsentieren, die sie ist, gelang ihr bei ihrer Schulabschlussfeier. Dort übersetzte sie „Imagine“ von John Lennon in Gebärdensprache.

Ermutigt durch ihre Eltern, stellte sie schließlich ein Video des Auftritts auf Facebook ein. Sie musste sich regelrecht überwinden. Sie zweifelte nicht nur an sich, auch hatte sie Angst vor Mobbing. Doch sie traf auf so positiven Resonanz, dass sie sich traute, immer mehr Videos zu drehen und auf Youtube zu veröffentlichen. „Es kam ziemlich gut an und das hat mich total überrascht.“

Auf ihrem Kanal erzählt sie nicht nur von sich oder gibt Tutorials. Vor allen Dingen übersetzt sie Popsongs in Gebärdensprache. Die Emotionen, die die Lieder auslösen, fühle sie. Und so bewegt sie auch ihren Körper im Takt der Musik. Dazu gebärdet sie die Liedtexte der Popsänger. „Ich wollte sowas eigentlich schon immer machen, aber ich hatte nie wirklich einen Content. Ich wollte nichts Unsinniges betreiben, wie manche erfolgreiche Youtuber es heute machen“, betont Cindy Klink.

Wie erfolgreich sie selbst ist, zeigt sich nicht nur an den tausendfach aufgerufenen Videos, sondern auch daran, wie locker sie mittlerweile mit Hasskommentaren und Beleidigungen umgeht. „Manche schreiben mir, dass ich hässlich oder oberflächlich sei. Darauf reagiere ich gar nicht, dafür ist mir meine Zeit zu schade. Sollen diese Hater mir doch schreiben, das amüsiert mich eher.“ Und sie warnt mit einer für ihr junges Alter ziemlich auffälligen Reife: „Wenn man solche Dinge zu nah an sich heranlässt, geht man in der Öffentlichkeit leider kaputt.“

Plant sie schon das nächste große Ding? Auf diese Frage erwähnt Cindy, dass es einmal ihr Traumberuf gewesen ist, Rechtsmedizinerin zu werden. Schließlich wird sie ernst und spricht offen über ihre Furcht, ihr Hörvermögen komplett zu verlieren. Die Gefahr besteht tatsächlich. „Das kann ich mir nicht vorstellen“, erwidert sie nachdenklich. Denn dann verlöre sie ja die Musik.

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