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Corona – eine unendliche Geschichte?

Von Christina Mikalo / 5. Januar 2022
picture alliance / Zoonar | Oleksandr Latkun

Im Pandemiealltag haben viele zu neuen Gewohnheiten gefunden, die durchaus wert sind, beibehalten zu werden.

Rund zwei Jahre hält Corona die Welt mittlerweile in Atem und nach wie vor ist kein Ende der Pandemie in Sicht. Fraglich auch, ob der Erreger Sars-CoV-2 jemals wieder ganz von der Bildfläche verschwinden wird. Aktuell gehen Fachleute wie der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, davon aus, dass das Virus endemisch werden wird. Es könnte wie die Grippe saisonal für Infektionswellen sorgen, dabei Menschen aber nicht mehr wie im jetzigen Ausmaß schwer erkranken lassen, hofft Wieler.

Die Folgen dieser womöglich „unendlichen Pandemie-Geschichte“ sind heute schon spürbar. Im Arbeitsleben, im privaten Alltag. Fast täglich überbringen die Medien neue Hiobsbotschaften. Von steigenden Infektionszahlen und daraus resultierenden (Neu-)Regelungen über abgesagte Veranstaltungen bis hin zu einer deutlichen Zunahme psychischer Erkrankungen. Viele dieser pessimistisch stimmenden Entwicklungen werden das Jahr 2022 prägen, nicht wenige wohl auch noch eine ganze Weile darüber hinaus anhalten.

Personen, nicht nur Personal

Bereits jetzt offensichtlich: Corona verändert die Arbeits-, Denk- und Lebensweisen langfristig – und damit auch viele Gewohnheiten. Dies prognostizierten Forscher:innen Anfang vergangenen Jahres. Klaus Fiedler, Leiter des Lehrstuhls für Sozialpsychologie in Heidelberg und Mitglied der Nationalen Akademie für Wissenschaft Leopoldina, erwartet ein „Gemisch aus alten Gewohnheiten und der Abkehr von überkommenen Routinen“ für die Zeit nach Kontaktsperren und Ausgangsverboten. Und von denen klingen keineswegs alle so schlimm, wie die derzeitige Stimmungslage einen glauben macht.

Beispiel Digitalisierung: Glaubt man den Wissenschaftler:innen, hätten inzwischen viele Menschen während der Pandemie erkannt, wie sehr Videokonferenzen den Arbeitsalltag entlasten können. Manche umständliche Anreise entfalle durch die Möglichkeit digitaler Zusammenkünfte, so die Forscher:innen. Und nicht nur das. Einem Bericht des ZEIT-Magazins zufolge könnten Videokonferenzen auch dazu beitragen, die normalerweise meist strikte Trennung zwischen Arbeits- und Privatleben aufzubrechen. Denn ausgerechnet die Inanspruchnahme des legendären Homeoffice habe „aus Angestellten Menschen mit quengelnden Kindern, übersprudelnden Kochtöpfen, traurigen Zimmerpflanzen und ungeputzten Fenstern gemacht“, schreiben die Journalist:innen. Menschen mit Privatleben und Problemen also, die mehr sind als ausführendes Personal.

Vielleicht ist es dieses Eingeständnis, das uns alle in Zukunft in der Arbeitswelt sensibler und toleranter machen wird. Die Verfasser:innen des Artikels jedenfalls wagen eine optimistische Prognose für „die Zeit danach“, wenn wieder (fast) alle an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren werden.

Neue Freiheiten durch Einschränkungen

Doch nicht nur die Neuausrichtung in der Arbeitswelt deutet sich an. Im Rahmen einer repräsentativen Panelbefragung 2020, der sogenannten Vermächtnisstudie, fand der Berliner Sozialwissenschaftler Jan Wetzel heraus: Die Krise hat auch latent vorhandene Themen stärker ins Bewusstsein gerückt. Durch die Pandemie haben manche erst erkannt, dass beispielsweise ein Urlaub in Deutschland genau so schön sein könne wie ins Ausland zu fahren. Eine solche Erkenntnis kann tatsächlich von einem häufig verspürten Druck befreien, durch die Wahl eines weit entfernten, kostspieligen Urlaubsorts soziale Anerkennung zu generieren.

Andere Gewohnheiten – wie der häufige, regelmäßige Gang zum Friseur – sind plötzlich nicht mehr als unbedingt notwendig für das eigene Wohlbefinden gewertet worden, ergänzt Sozialpsychologe Fiedler gegenüber der Apotheken-Umschau. So hätten die Einschränkungen für manche neue Sichtweisen auf ihre eigenen Lebensumstände eröffnet. Frei nach dem Motto: Not macht erfinderisch; oder unter Corona-Vorzeichen: Weniger prätentiös lebt es sich auch gut.

Halt durch Routine, Sehnsucht nach Freiheit

Sicher ist sich Fiedler aber auch: Sobald die Corona-Maßnahmen wegfallen und der Alltag wieder selbstbestimmter werde, würden viele Menschen ihre vor der Pandemie gepflegten Routinen auch wieder aufnehmen. Eine Studie des ADAC unterstreicht diese Prognose. Demnach haben im Sommer 2021 während der Lockerungen doch wieder deutlich mehr Menschen im Ausland Urlaub gemacht als im gleichen Zeitraum im Vorjahr.

Spontaneität und Freizügigkeit wollen nachgeholt werden, erklärt der Sozialpsychologe Jan Wetzel das Verhalten vieler im Sommer. Vor allem Jüngere betreffe das, ergänzt Klaus Fiedler. Ältere werden ihm zufolge nach der Pandemie noch eine gewisse Vorsicht beibehalten, da sie tendenziell anfälliger für Krankheiten seien.

Bei vielen löse die aktuelle Situation weiter ambivalente Gefühle aus, resümiert Wetzel. Einerseits seien da die neuen Möglichkeiten, andererseits entstehe ein Bedürfnis nach Gewohnheiten, die vor der Pandemie im Alltag Halt gegeben haben.

Hinter den eigenen vier Wänden sichtbar

Nicht vergessen werden sollte, dass die Pandemie manche Ungleichheiten verschärft habe, so der Sozialpsychologe weiter – etwa, dass Frauen während der Lockdowns neben der Erwerbsarbeit weiter den Großteil der Hausarbeit übernommen haben. Aber diese sprichwörtliche Einsicht kann letztlich den Blick dafür schärfen, wie sich künftig anders über Arbeit und Freizeit nachdenken lässt – was für 2022 gar nicht mal so schlechte Aussichten sein dürften.

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