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Darum bleibt Wulff im Amt

Von Timotheus Tiger / 10. Januar 2012

Neulich spottete ein österreichischer Journalistenfreund über mich als Deutschen und meinte, es gehöre schon etwas dazu, in einem Land zu leben, dessen Präsident den moralischen Kampf mit einem Boulevardblatt verliert. Mal abgesehen davon, dass ich mich per se ungern von Österreichern verspotten lasse – es sei denn, wir sitzen im Griensteidl und sie bezahlen – […]

Neulich spottete ein österreichischer Journalistenfreund über mich als Deutschen und meinte, es gehöre schon etwas dazu, in einem Land zu leben, dessen Präsident den moralischen Kampf mit einem Boulevardblatt verliert.

Mal abgesehen davon, dass ich mich per se ungern von Österreichern verspotten lasse – es sei denn, wir sitzen im Griensteidl und sie bezahlen – auf DIESEM Feld ist es gleich doppelt ärgerlich:

Das sagt mir jemand aus dem Land, das sich einst Kurt Waldheim zum Präsidenten wählte. Und überdies hat er auch noch Recht. (Mein Freund, nicht Kurt Waldheim.)

Ach, ich schreibe mich in Rage und komme vom Thema ab.

Die Wulff-Affäre, hört, hört. Wie kleingeistig muss eine Republik sein, bei der selbst die Skandale mit dem Häuslebauen zu tun haben.

Und wie ärmlich muss es um den Journalismus stehen, wenn eine solche Staatsaffäre nicht von SPIEGEL, Dingens (das aus München) oder NDR-Panorama ins Rollen gebracht wird, sondern direkt aus der Mailbox des größten Boulevardgenerals?

Als sich Helmut Kohls Stern allmählich aufmachte, den Meeresspiegel zu streicheln, als die Umfragen schlechter wurden und Rudolf Scharping noch aufrecht ging, weil Lafontaines Dolch noch nicht in seinem Rücken steckte, da dachten sich die Berater des Kanzlers, es müsse etwas geschehen, man benötige einen medialen Befreiungsschlag.

Da hoben Kohls Adlaten Zur Sache, Kanzler aus der Taufe. Ein Talkformat, wie es sich Nicolas Sarkozy nicht besser hätte erdenken können.

„Zur Sache, Kanzler“ wurde vom hoffentlich nicht unvergesslichen Heinz Klaus Mertes moderiert, dem Ulrich Wickert den einzigen lustigen Satz seiner journalistischen Karriere zu verdanken hat: „Es folgt nun ein Kommentar von Kleins Haus Mertes vom Bayerischen Rundfunk.“ Und die einzige kritische Frage in der Sat.1-Sendung war, ob Kohl sein Wasser mit oder ohne Kohlensäure wolle. (Ich glaube, auch diese Frage wurde dann aber schließlich rausgeschnitten.)

Es war bezeichnend, dass sich Christian Wulff in einer ähnlich brenzligen Image-Lage nicht für Sat.1, sondern für ARD und ZDF entschieden hat. Richtig gefährlich wurde das Interview nicht für ihn. Ergiebig für den Zuschauer war es auch nicht. Haften blieb nur die Frage, ob Bettina Schausten wirklich 150 Euro von Freunden verlangt, die bei ihr übernachten wollen. In ganz Berlin findet sich keine Tiefgarage, die weit genug hinunterreichte, um das Niveau dieser Debatte dort parken zu können.

Als FOCUS im Januar 1993 an den Start ging, prangte Dietrich Genscher auf der Titelseite. FOCUS versuchte, den FDP-Star als möglichen nächsten Bundespräsidenten zu platzieren. Die großartige Zeitung DIE WOCHE bemühte sich im selben Jahr, Ignatz Bubis zur Kandidatur zu bewegen.

Heute ist DIE WOCHE längst eingestellt und FOCUS machte zuletzt damit Schlagzeilen, einer rechtsradikalen Partei-Neugründung das Feld bereiten zu wollen.

Deutschlands einstige Leitmedien sind kaum noch Orte politischer Debatte. Sie reihen politische Versatzstücke aneinander, personalisieren und skandalisieren und haben letztlich doch nicht den Mut, sich klar zu verorten (okay, von FOCUS abgesehen). Wann haben Sie zuletzt einen Kommentar der „Tagesthemen“ gesehen, der greifbarer war als ein halbes Pfund Gummibärchen?

Verzeihung, es ging wieder mit mir durch. Was ich schreiben wollte, ist: Christian Wulff wird im Amt bleiben, falls ihm kein Verstoß gegen das niedersächsische Ministergesetz nachgewiesen werden sollte.

Dem Bundespräsidenten wird vorgeworfen, sich nicht an moralische Standards gehalten zu haben, die den Großteil der Würde seines Amtes ausmachen. Nur, warum sollte er daraus Konsequenzen ziehen? Aus moralischen Gründen?

Der Alte schrieb vor genau 90 Jahren:

„Und über allem thront dieser Präsident, der seine Überzeugungen in dem Augenblick hinter sich warf, als er in die Lage gekommen war, sie zu verwirklichen.“

Denken Sie mal drüber nach.

9 Antworten zu “Darum bleibt Wulff im Amt”

  1. Von Holly G. am 10. Januar 2012

    „Und über allem thront dieser Präsident, der seine Überzeugungen in dem Augenblick hinter sich warf, als er in die Lage gekommen war, sie zu verwirklichen.“ Wenn dieses Zitat auf Wulff gemünzt war, dann würde das ja bedeuten, dass er vor seiner Amtszeit als Bundespräsident Überzeugungen hatte – also solche, die über puren Machterhalt hinausgehen – die er jetzt hinter sich werfen könnte. Ich kann solche wirklich nicht erkennen.
    Aber dennoch hat Timotheus Tiger recht – leider. Wulff wird im Amt blieben.

  2. Von Gerdens am 10. Januar 2012

    Leider werden Holly und Herr Tiger recht behalten. Wulff wird im Amt bleiben.
    Meiner Meinung nach ist dies aber eine Unverschämtheit seinerseits.
    Wie kann es sein das dieser Herr, welcher sich Bundespräsident schimpft, nicht den Weitblick hat über ein, zwei Interviews weit zu denken und sich so immer wieder in Lügen und Widersprüche verstrickt?
    Ebenso traurig ist das es kein/e Partei / Politiker (mit Ausnahme der Piraten) schafft konkret, kritisch und verbindlich Stellung zu beziehen. Und damit ist nicht das Politikgewäsch gemeint das wir seit Wochen zu hören bekommen.
    Bundespräsiwas?

  3. Von Fletch am 12. Januar 2012

    Ja, leider wird es wohl tatsächlich so sein, dass wir Wulff noch länger ertragen müssen. Dabei ist es einfach nur noch peinlich. Oder besser: Er ist peinlich. Und dann ist es mir auch egal, ob es auch den Medien jede Menge auszusetzen gibt und man hier ganz allgemein keine hohe Moralstandards finden wird (vor allem im BOulevard) – wer sich da so unsäglich dämlich und kleingeistig verhält ist unser Bundespräsident. Und das hat er sich alles selbst zuzuschreiben. Niemand hat ihn gezwungen den Medien so viele Steilvorlagen zu geben. Ich hoffe nur, dass die nicht nachgeben…

  4. Von Sophie B. am 13. Januar 2012

    Ich finde es gut, wenn Herr Wulff im Amt bleit. Was hat er denn schon verbrochen? Ja klar, da gibt es Ungereimtheiten und die Art und Weise, wie er die Krise versucht zu managen, ist eine Katastrophe. Aber deshalb zurücktreten? Ich finde, das wäre übertrieben. Ich habe das Gefühl, die Medien ärgern sich, weil sie nun professionell durchgeführter Hetzjagd nun doch keine Beute zwischen den Zähnen haben. Aber darum sollte es ja auch nicht gehen. Sie haben recherchiert und aufgeklärt und er tritt nicht zurück. Gut. Nun aber wieder an die Arbeit – Deutschland hat wichtigere Probleme.

  5. Von Chango am 13. Januar 2012

    Der Krisenhergang des Herrn Wulff ist mittlerweile mit dem des Herrn Guttenberg vergleichbar – gut, bei KT war der Ausgangspunkt ein schlimmerer, aber letztendlich ist er am Ende an seiner Salamitaktik gescheitert. Und genauso wird es auch Herrn Wulff ergehen (müssen). Er ist nicht mehr haltbar!

  6. Von Henryks Bruder am 13. Januar 2012

    Warum sollte Wulff sich nicht von der BILD besiegen lassen? Es ist doch schon längst nicht mehr ein bloßer Kampf oder Schwanzvergleich zwischen ihm und Diekmann. Die Wulff-Skeptiker werden immer mehr. Er macht es ihnen und der BILD nicht gerade schwer (s. Weigerung der Anwälte, die 400 Fragen und Antworten zu veröffentlichen). Die BILD hat es doch perfekt inszeniert. Das alles ist doch schon längst zum Selbstläufer geworden. Und zwar soweit, dass Wulff gar nicht mehr NUR das Massenblatt als Grund benötigt.

  7. Von Henryks Bruder am 13. Januar 2012

    Wäre er gut beraten gewesen, dann hätte er sich nicht einer Salamitaktik hingegeben, sondern sich von Anfang an für eine Gelstrategie entschieden. Kai wird ihm dankbar sein!

  8. Von Aga am 17. Januar 2012

    Hätte, wäre, wenn… Wulff bleibt auch deshalb im Amt, weil wie er selbst richtig bemerkte, die Öffentlichkeit schnell vergisst… seit die Rating Agenturen einige europäische Staaten abgestuft haben, stürzen sich die Medien wieder voll und ganz auf die Finanzkrise. Noch ein weiterer Supergaul und Wulff kann sich getrost wieder seine Brötchen aus Hannover liefern lassen…
    Übrigens sagte mir jemand, in Niedersachsen sei schon lange bekannt, welch ein „Charakter“ Wulff sei, nun da habe man sich kaum über diesen Vorfall gewundert. Also alles eine Frage der Perspektive 😉

  9. Von Molinari am 18. Januar 2012

    Wulff ist nur noch peinlich. Will man von einem Menschen vertreten werden, der sich jeden Upgrad, jedes Bier und jedes Hotelzimmer bezahlen lässt? Nein. Aber das ändert nichts daran, dass Wulff an der Macht klebt. Passt auch zum Zusatnd unserer Demokratie. Warum aufs Volk hören, wenn es doch um die eigene Vorteile geht? Pfui.

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