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Die braunen Ökos

Von Judith Dauwalter / 14. August 2014
Günter Havlena / pixelio.de

Veganer in Springerstiefeln und NPD-Anhänger, die gegen Massentierhaltung demonstrieren? Das kann ideologisch zusammenpassen. „Braune Ökologen“ sind kein neues Phänomen. Sie drucken Flugblätter mit der Aufschrift „Schweinemast – Nein Danke“, stellen Landtagsanträge zum Thema Ökostrom, fordern in ihrem Parteiprogramm die Abschaffung von Tierversuchen und produzieren die Zeitschrift „Umwelt&Aktiv“. Sie demonstrieren gegen Gen-Saatgut und Castortransporte und haben […]

Veganer in Springerstiefeln und NPD-Anhänger, die gegen Massentierhaltung demonstrieren? Das kann ideologisch zusammenpassen. „Braune Ökologen“ sind kein neues Phänomen.

Sie drucken Flugblätter mit der Aufschrift „Schweinemast – Nein Danke“, stellen Landtagsanträge zum Thema Ökostrom, fordern in ihrem Parteiprogramm die Abschaffung von Tierversuchen und produzieren die Zeitschrift „Umwelt&Aktiv“. Sie demonstrieren gegen Gen-Saatgut und Castortransporte und haben eine vegane Kochsendung im Internet.

„Sie“, das sind keine linken Umweltschützer oder grüne Parteien. „Sie“, das sind die sogenannten Autonomen Nationalisten, die NPD in Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und auf Bundesebene, rechte Öko-Journalisten und der rechtsextreme Fernsehsender FSN.tv. „Sie“ sind braune Ökologen, verbinden Umweltschutz und rechte Gesinnung.

Ihnen geht es darum, „die deutsche Heimat“ zu schützen. Ausländische Einflüsse müsse man verdrängen – sei es in Form von polnischem Atomstrom oder amerikanischem Genmais. Die (Kultur-)Landschaft solle als „völkischer Identitätsstifter“ bewahrt werden. Das NPD-Parteiprogramm besagt: „Ohne eine ökologisch verantwortliche Politik ist jedes Volk in seinem Bestand bedroht.“

„Wer Vögel schützt, kann gleichzeitig gegen Vielfalt und Akzeptanz in der Gesellschaft sein“, weiß Politikwissenschaftlerin Gudrun Heinrich von der Uni Rostock. Deswegen seien etwa Umweltverbände gefordert, sich klar demokratisch zu positionieren. (Foto: privat)
„Wer Vögel schützt, kann gleichzeitig gegen Vielfalt und Akzeptanz in der Gesellschaft sein“, weiß Politikwissenschaftlerin Gudrun Heinrich von der Uni Rostock. Deswegen seien etwa Umweltverbände gefordert, sich klar demokratisch zu positionieren. (Foto: privat)

Umweltschutz muss nicht links sein

Wer so manches Naturgesetz auf das menschliche Miteinander überträgt, der findet sich schnell in rechtsextremen Argumenten wieder: Rassen mischen sich nicht, nur der Stärkste überlebt, Krieg funktioniert analog zum gegenseitigen Fressen in der Natur. „Umweltschutz ist nicht grün“, behaupteten die braunen Ökos 2007 in der Zeitschrift „Umwelt&Aktiv“.

Dass Naturverbundenheit und rechte Ideologie sich überschneiden können, weiß Gudrun Heinrich. „Umweltschutz ist, entgegen der öffentlichen Wahrnehmung, nicht automatisch ein linkes Projekt. Stattdessen lassen sich auch leicht Brücken zu rechten Ideen schlagen“, sagt Heinrich. An der Universität Rostock arbeitet die Politikwissenschaftlerin seit etwa fünf Jahren zum Thema.

Dennoch ist die Verbindung zwischen Umweltschutz und Rechtsextremismus noch reichlich unbekannt. „Mich überrascht eher, dass der Zusammenhang so viele überrascht“, sagt Andreas Speit. Als Journalist und Sozialwissenschaftler setzt er sich schon seit Jahren mit dem Thema auseinander. „Zwar ist das Phänomen in den vergangenen Jahren sichtbarer geworden, auch weil mehr Aufmerksamkeit in diese Richtung geht. Aber neu ist es nicht.“

Kümmerstrategie

Beim Umweltschutz haben schon von Beginn an rechte und linke Gesellschaftsvorstellungen miteinander konkurriert. „Im Verlauf der Ökologiegeschichte waren es entgegen der heute vorherrschenden Meinung nicht etwa anarchistische, marxistische, sozialdemokratische oder liberale Strömungen, die den Charakter der Ökologie entscheidend prägten“, schreibt Oliver Geden in seinem Buch „Rechte Ökologie“. „Es war zumeist konservatives bis faschistisches Gedankengut, das sowohl der ökologischen Wissenschaft als auch den ökologischen Bewegungen seinen Stempel aufdrückte.“

Journalist Andreas Speit beschäftigt sich seit Jahren mit Rechtsextremen und weiß: „Glatze, Bomberjacke und Springerstiefel sind lang nicht mehr der einzige Style.“ Über vegane Nazis mit Jutebeutel wundert er sich deshalb nicht. (Foto: privat)
Journalist Andreas Speit beschäftigt sich seit Jahren mit Rechtsextremen und weiß: „Glatze, Bomberjacke und Springerstiefel sind lang nicht mehr der einzige Style.“ Über vegane Nazis mit Jutebeutel wundert er sich deshalb nicht. (Foto: privat)

Andreas Speit verweist auf Strömungen, die im 19. Jahrhundert ihre Kritik an Industrialisierung und Verstädterung mit völkischer Argumentation verbanden. Gudrun Heinrich erinnert an die Artamanen in der Weimarer Republik, eine völkisch-nationalistische, naturnahe Siedlungsbewegung. Auch die NPD verfolgt seit ihrer Gründung ökologische Ziele, hat den Umweltschutz früh im Parteiprogramm verankert.

„Glatze, Bomberjacke und Springerstiefel sind lang nicht mehr der einzige Style“, sagt Speit im Hinblick auf bisher eher unbekannte Neonazi-Strömungen wie vegane Rechtsextreme mit Jutebeutel, die gegen Umweltzerstörung auf die Straße gehen.

Seit 1996 mache sich die NPD nicht mehr nur klassisch extreme Positionen, sondern auch lokale Themen der gesellschaftlichen Mitte gezielt zu eigen: ob die Schulschließung im Ort, Gemeindezusammenlegungen oder eben die Gefährdung heimischer Böden. „Eine Kümmerstrategie“ nennt Gudrun Heinrich das. „Diese dient aber nicht nur der Wählerwerbung, sondern wird vor allem auch aus der rechten Ideologie heraus begründet.“

Augen auf bei Verbandsarbeit und Konsum

Es ist laut Heinrich wichtig, sich bewusst zu machen, dass Ökologie nicht automatisch mit einer liberalen Gesellschaftsvorstellung einhergeht. „Wer Vögel schützt, kann gleichzeitig gegen Vielfalt und Akzeptanz in der Gesellschaft sein“, so Heinrich. Eine demokratische Grundlage müsse in ökologischen Zusammenhängen also aktiv hergestellt und hinterfragt werden – auch im Interesse der „echten“ grünen Naturschützer.

Umweltverbände sollten offen über eventuell rechte Tendenzen in der Szene sprechen und solche durch eine klare Positionierung möglichst von vornherein verdrängen. „Wer Bio kauft, muss sich nicht nur um Herkunft und Herstellung der Produkte sorgen, sondern auch auf das Menschenbild der Erzeuger achten“, sagt Speit. Mittlerweile, so loben beide Experten, sind sowohl aktive Umweltschützer als auch Bio-Konsumenten für braune Ökologie sensibilisiert. Die wichtigsten Herausforderungen in der Diskussion um braune Ökos sind laut Heinrich, „Wissen über das Phänomen schaffen, Präventionsarbeit leisten und Akteure stärken, um im ökologischen Bereich ein Bollwerk gegen rechte Tendenzen zu errichten.“

2 Antworten zu “Die braunen Ökos”

  1. Von anthro am 20. August 2014

    Das Phänomen ist auch schon im Ausland bemerkt worden:

    http://www.rollingstone.com/culture/news/heil-hipster-the-young-neo-nazis-trying-to-put-a-stylish-face-on-hate-20140623

  2. Von Wolf-Dieter am 19. September 2014

    Umweltschutz ist, entgegen der öffentlichen Wahrnehmung, nicht automatisch ein linkes Projekt.

    Die Inhalte von Umweltschutz haben mit politisch linken Inhalten nicht das geringste zu tun! (Beispiel: Erhaltung des Jagdgebiets eines Grundbesitzers ist vollinhaltlich dem Umweltschutz zuzuschlagen.)

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