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Die Geschlechtsdetektive

Von Amos Laquan / 20. Mai 2015
Wikimedia Commons

Die Lokführer*innen tun es, die Kindergärtner*innen und die Geldtransportfahrer*innen. Eine wichtige, bislang unterschätzte Berufsgruppe trat bislang noch nicht in den Arbeitsausstand: Die Geschlechtsgutachter*innen. Grund genug für eine Recherche: Was hat es mit dieser Zunft auf sich und welches Desaster würde der Gesellschaft bei einem Streik drohen?

Immer wieder geschieht das Undenkbare: Jemand möchte einen neuen Vornamen und ein anderes Geschlecht in seinen Pass eintragen lassen. Grundsätzlich hat jeder deutsche Bürger das Recht dazu. Damit es jedoch nicht dazu kommt, dass die bisher als „Mann“ Lebenden undercover die Frauenwelt ausspionieren, oder ein im Pass als weiblich ausgewiesener Mensch sich als Mann tarnt, um sich in gesellige Bier-und-Bollerwagen-Herrentagsfeierlichkeiten einzuschleichen, oder ein Künstler gar beschließt, seine Kreativität als Weder-Mann-noch-Frau auszuleben, braucht es klare Regelungen.

Was tut der deutsche Staat, um die Bevölkerung vor den gewieften Genderfälschern zu schützen? Und wo bleibt dabei das abendländische Kulturgut der Zweigeschlechterordnung?

Dafür wurde 1981 das Transsexuellengesetz verabschiedet. Wer also Namen und Geschlecht auf seinen Dokumenten ändern möchte, muss einen Antrag beim zuständigen Gericht stellen – und wird von zwei unabhängigen Geschlechtsgutachtern auf Herz und Nieren geprüft.

Die Begutachtung besteht aus einem oder mehreren Gesprächen, in denen die Biografie des Klienten intensiv erforscht wird. Haben die Verdächtigen als Kind lieber mit Puppen oder mit Autos gespielt? Wie viele blaue, wie viele rosa Klamotten im Kleiderschrank? Fußball oder Ballett? Dies alles mit dem Ziel, das „wahre“ Geschlecht des Antragstellers in detektivischer Kleinarbeit herauszufinden. Empfindet er sich wirklich dem anderen Geschlecht zugehörig? Steht er unter dem Zwang, diesen Vorstellungen gemäß zu leben? Wird sich diese Einstellung voraussichtlich lebenslang nicht mehr ändern?

Doch auch kardiovaskuläre Vorbelastungen, stressinduzierter Konsum von Vollmilchschokolade mit ganzen Haselnüssen und die Frisuren der präadoleszenten Teddybärsammlung können wichtige Hinweise auf die geschlechtliche Identifikation des zu begutachtenden Subjekts geben und müssen darum sorgsam geprüft werden.

Die methodisch versierte Prüfung des Genderexperten besteht nicht nur in einer Examinierung der Vergangenheit, sondern deckt unbeirrt selbst kleinste Diskrepanzen zwischen Schein und Sein auf. Dazu verwenden die gewieften Geschlechtsdetektive einige lebenspraktische Interviewfragen („Warum wollen Sie ein Mann werden, wenn Sie doch sowieso auf Männer stehen?“), hintergründige Verhörmethoden („Kommt es Ihnen nicht selbst komisch vor, dass Sie vorgeben, eine Frau zu sein, aber in Hose und ohne Highheels vor mir sitzen?“). Reichen die in der Befragung gewonnen Indizien nicht aus, werden die Männer und Frauen zum Zuhör- und Einparktest einbestellt.

Die kriminellen Genderfälscher ihrerseits entwickeln immer geschicktere Vorgehensweisen, um ihre wahren Absichten zu verschleiern. Darum können selbst vermeintlich nebensächliche Details aufschlussreich sein, um das wahre Geschlecht der skrupellosen Ganoven zu enttarnen.

Handgezeichnete Bauanleitungen der favorisierten Masturbationsinstrumente nebst aller Leserbriefe, die der zu Begutachtende jemals an Dr. Sommer geschrieben hat, sind beispielsweise Grundlage für diese Expertise. Frauen, Quelle: Wikimedia Commons, frei auch zur kommerziellen Weitervedie beim Sex oben liegen wollen, Männer, die eine Schwangerschaft in Betracht ziehen und andere Perversionen haben so keine Chance, als normal zertifiziert zu werden.

Hier und dort ist zudem eine körperliche Examination nebst Untersuchung der Geschlechtsteile notwendig, um letzte Zweifel auszuräumen. Dies erlaubt nebenher die Förderung der Wissenschaft, die auf diese Weise neue bahnbrechende Belege für die innovative Zeigefinger/Ringfinger-Ratio-These sammeln kann. Der Begutachtete hat dadurch außerdem die Möglichkeit, eine genitalastrologische Sonderauskunft zu erhalten.

Angesichts des umfangreichen Leistungsspektrums erscheint der dafür veranschlagte Preis von ca. 500 bis 1.500 Euro pro Gutachten überaus günstig – und es ist nachgerade verwunderlich, dass es bislang zu keinem Streik der Geschlechtsdetektive gekommen ist.

Seit Jahren versuchen verschiedene Initiativen, die kulturelle Bedeutung des deutschen Gutachterwesens endlich auch international angemessen zu würdigen. Die häufig beeindruckend kreativen Interpretationen des Art. 1 GG sind wiederholt als Teil des Immateriellen UNESCO-Weltkulturerbes vorgeschlagen worden.

Selbstverständlich müssen auch die Geschlechterspürnasen keine akkreditierte Detektivakademie besucht haben. Ein Hochschulabschluss scheint zwar vorteilhaft, einen berufsqualifizierenden Studiengang oder entsprechende Weiterbildung gibt es jedoch nicht. Wie auch Sherlock Holmes seine Fälle akquiriert, weil er ein erfahrener Fällelöser ist, schreiben die meisten Gutachter einfach Gutachten, weil sie bereits erfahrene Gutachtenschreiber sind.

Trotz dieser beachtlichen Erfolge wird die Begutachtungspraxis vielfach als verbesserungswürdig betrachtet. Immer noch gelingt es einzelnen Weder-Mann-noch-Frau-Menschen, sich durch das ausgeklügelte System zu mogeln.

Solange für ein Gutachten nicht auch das Facebookprofil des Begutachteten herangezogen würde, könne keine zweifelsfreie Feststellung des wahren Geschlechts erfolgen, argumentieren Kritiker.

Kritik kommt auch aus der Politik. Zwar müssten die Gutachten mindestens zehn Jahre lang gespeichert bleiben. Doch da diese bislang vornehmlich in deutscher Sprache abgefasst sind, müssten sie für den transatlantischen Datenhandel kostenintensiv übersetzt werden.

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