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Die Kunst des Nichtsagens

Von Anna Steinmeier / 27. Juli 2022
picture alliance/United Archives | Publicity Still

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold? In Kunst und Kultur gilt oft: Je lauter und schriller etwas daherkommt, desto mehr wird es wahrgenommen. Audioformate erleben im Zuge dessen einen wahren Boom. Doch auch leise Kunst kann sich Gehör verschaffen.

Im Jahr 1927 in New York gab es eine Revolution: Schauspieler Al Jolson war als erster Mensch überhaupt in einem Spielfilm zu hören. Ein einzelner Satz beendete die Ära des Stummfilmes und das Genre schien verschwunden. Doch nicht ganz 100 Jahre später ist eine besondere Folge einer Comedy-Murder-Mystery-Serie für vier Emmys nominiert. In „The Boy From 6B“ verständigen sich die Charaktere mit Gebärden, Gesten oder dem Legen von Buchstaben zu Wörtern. In der ganzen Folge wird nur ein einziger Satz gesprochen – und zwar am Ende.

Stumme Filme und Serien haben schon so manche vorherrschende Meinung auf den Kopf gestellt. Und sie begleiten uns auch in einer Zeit, in der sonst vor allem das gesprochene Wort in audiovisuellen Medien wie Podcasts und Soundschnipseln in Social Media die Menschen anzieht. Doch sind Stummfilme und -serien heute nicht nur eine Abwechslung vom Mainstream. Ihnen liegt ein ganz eigener Reiz zugrunde.

Stumm bedeutet nicht leise

Kinofans der ersten Stunde wissen: Oft sind Stummfilme gar nicht “stumm“, also geräuschlos, sondern mit einem speziellen Sounddesign aus Geräuschen und Musik untermalt. Um Stimmungen zu erzeugen. Wer erzitterte nicht, als er Darth Vaders Soundtrack zum ersten Mal hörte?! Wer dem imperialen Marsch vom Moll ins höhere Dur lauscht, weiß unmittelbar: Da kommt der Bösewicht, ohne dass dieser auch nur ein Wort sagen muss. Eine bestimmte Atmosphäre entsteht nicht zwangsläufig nur durch das gesprochene Wort, sondern gerade durch das Kolorit der Hintergrundmusik. Dies zeigt sich auch daran, dass die instrumentellen Soundtracks teilweise bekannter sind als so mancher Film selbst.

In Sergio Leones Filmklassiker „Spiel mir das Lied vom Tod“ spielen Geräusche eine der Hauptrollen, besonders deren Lautstärke: Drei Männer kommen am Anfang des Films in eine Stadt – ihre Gestik und Mimik verheißen nichts Gutes. Diesen Eindruck unterstreicht das störende Quietschen eines Windrades. Mit der Zeit wird es immer lauter und durchbricht die harmonische Ruhe des friedlichen Städtchens. Der Effekt dieses akustischen Symbols begleitet damit die Ankunft der “Störenfriede“.

Auch im künstlerischen Aktivismus, der eigentlich von Lautstärke lebt, wird ausgerechnet Schweigen zunehmend als Kunstform genutzt. Schweigende Spaziergänge sind in Autokratien zum regelrechten Sprachrohr, der zugeklebte Mund zu einem überdeutlichen Protestsignal geworden. So können Menschen ihre Meinung zum Ausdruck bringen, ohne sich strafbar zu machen. Diese Art des Stillschweigens wird damit zu einer überaus machtvollen, weil schwer fass-, aber umso wahrnehmbareren Form der Meinungsäußerung und des Protestes.

Die Spannung der Stille

Der erste Teil des stummen Horrorthrillers „A Quiet Place” kam 2018 in die Kinos. 2021 folgte Teil zwei und ein weiterer ist für 2023 in Planung. Laut Aussagen der verantwortlichen Sound Designerin fessele der Film die Zuschauer durch seine Stille so sehr, dass im Kinosaal ebenfalls absolute Stille herrsche. Von Popcorn essenden Kinofans keine Spur.

Dass Spannung auch ohne Dialoge entstehen kann, ist dabei keine Neuigkeit. In Horrorfilmen ist der Moment, der die Klimax aufbaut, oft der leiseste. Auf diesen folgt in der Regel der sogenannte Jumpscare. So wird der Augenblick genannt, in dem in Horrorfilmen plötzlich der Killer hinter der Tür auftaucht und sich nicht nur die Filmfiguren erschrecken.

Während man zu Zeiten der originären Stummfilme keine hörbaren Dialoge erwartet, das heißt: mangels Technik keine erwarten konnte, bedient man sich in der Filmkunst inzwischen wieder öfter des Wechselspiels aus Ton und Stille. Regisseure setzen die “Sprache der Stille“ als Stilmittel ein, wann immer möglich. Sogar um Dialogszenen noch mehr Gewicht zu geben. Frei nach dem Motto “Show, don’t tell“ nutzen sie Bilder, um die Botschaften ihrer Filme zu transportieren, nicht Worte.

Totgesagte schweigen länger

Auch wenn mit der zunehmenden Verbreitung von Tonfilmen der Stummfilm immer seltener wurde, handelt es sich dabei immer noch um einen Vertreter der audiovisuellen Kunst. Ob eine Murder-Mystery-Serie, ein Horrorfilm oder auch ein animierter Kinderfilm über einen Roboter: Stummfilme haben keinen Mangel an Fans. So gibt es ganze Stummfilm-Festivals, wo sich Interessierte generationsübergreifend alte und moderne Stummfilme anschauen.

Bei der Oscar-Verleihung 2011 wurde übrigens der französische Stummfilm „The Artist” vor bekannten Regisseuren und bildgewaltigeren Filmen zum besten Film gekürt. Auch wenn Stummfilme nicht mehr die Norm und eher was für experimentelle Filmschaffende sein mögen, zeigt sich doch, dass sich auch ohne viel Worte fesselnde Geschichten erzählen lassen.

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