Twitter Icon Facebook Icon

Ein bisschen Flüchtling

Von Christian Stahl / 12. August 2013

So gut wie alle Hollywood-Filme beruhen auf derselben Drehbuchphilosophie: der Heldenreise. Sie geht davon aus, dass wir Menschen immer schon und für alle Zeiten die immer gleiche Story hören wollen. Sehr verkürzt geht sie so: Ein Held oder Heldin, der eigentlich ganz zufrieden ist, hört plötzlich einen Lockruf, bricht auf, trifft auf einen Mentor, der […]

So gut wie alle Hollywood-Filme beruhen auf derselben Drehbuchphilosophie: der Heldenreise. Sie geht davon aus, dass wir Menschen immer schon und für alle Zeiten die immer gleiche Story hören wollen. Sehr verkürzt geht sie so: Ein Held oder Heldin, der eigentlich ganz zufrieden ist, hört plötzlich einen Lockruf, bricht auf, trifft auf einen Mentor, der sie oder ihn in die Unterwelt bittet, wo dann die Höllenfahrt beginnt. Drachen, Monster, Todesangst, unsere Heldin überwindet alles,  die Hölle wird zum Abenteuer, an dessen Ende ein Elixier wartet, nach dessen Genuss Held o Heldin als Herr/in der zwei Welten zurückkehren können, weil sie nun sehen, was kein anderer sieht.

Dieses Grundmuster gibt es in Homers Odyssee, in so unterschiedlichen Blockbustern wie Terminator, Schweigen der Lämmer, Titanic und Avatar. Und nach diesem Grundmuster funktioniert auch die ZDF-Serie „Auf der Flucht“.

Und hierin liegt eines der Hauptprobleme der gut gemeinten ZDF-Idee, sich dem Schicksal von Flüchtlingen mit Mitteln des Mainstreams zu nähern.  Nicht der Mainstream ist das Problem, auch nicht der Trash-Stil, den das Format mit sich bringt. Beides sollte erlaubt sein, wenn es um Aufmerksamkeit für das Elend von Flüchtlingen geht, die hunderttausenden von namenlosen Toten, die in Europa entweder als „Problem“ oder „Gefahr“ gesehen werden, oder beides. Ihnen ein Gesicht zu geben, eine Stimme, egal wie, wäre preisverdächtig und mutig. Aber das ZDF macht das Gegenteil. Statt die Flüchtlinge zu Helden der „ungewöhnlichen Reise“ zu machen, werden sie wieder nur zu Objekten degradiert, sie werden dramaturgisch notwendiger Teil der Gefahr, die auf der fragwürdigen ZDF-Heldenreise in „die Ursprungsländer von Asylsuchenden in Deutschland“ lauert. Die Hubschrauber-Kamera fliegt über die Köpfe von tausenden Flüchtlingen hinweg, die deutsche blonde Protagonistin heult in Großaufnahme.  Die Flüchtlinge bleiben anonym. Stattdessen widmet sich das ZDF ausführlich dem Leid der seltsamen Heldenschar, was, streng nach Hollywoodegeln richtig, aber im konkreten Fall unerträglich bis zynisch ist. Allein die Auswahl der sechs „Helden“ lässt einen erschauern.

Da ist das blonde Klischee-Model Mirja du Mont, die vermutlich durch jeden Integrationstest durchfallen würde, aber sicher ist, „dass die in der Türkei einfach anders denken.“ Ihr assistieren Ex-Nazi Kevin Müller, dem die NPD zu demokratisch war, Sarrazin-Fan Katrin Weiland, die wie alle Sarrazin-Fans behauptet, der Mann habe doch Recht, ohne sagen zu können, womit. Die Alibi-Türkin Songül Cetinkaya, natürlich eine Sozialarbeiterin. Und die beiden „Flüchtlingsversteher“ der Serie, Bundeswehrsoldat Johannes Clair und Ex-Böhse-Onkelz-Sänger Stephan Weidner.

Laut ZDF stellen die sechs einen Querschnitt unserer Gesellschaft dar.

Klar. Und, welcher Typ sind Sie?

Der zweite, meines Erachtens unverzeihliche Fehler des Projektes ist, dass es verspricht, was es nicht halten kann. Die ZDF-Promis sind keine Sekunde lang „auf der Flucht.“ Sie sind nie in Gefahr, niemals in Todesangst  – wie auch? – und immer von der Kamera begleitet.

Die sechs Protagonisten werden nicht zu Flüchtlingen, sie werden zu umsorgten Star-Touristen einer peinlichen Flüchtlings-Safari. Zoobesuch im Elend dieser Welt.

Es ist bezeichnend, dass ihr Serien-Mentor, der renommierte Journalist Daniel Gerlach, ihnen zuerst die Handys  – oh Schreck! – und danach erst die Pässe abnimmt, was niemanden zu schocken scheint.

Das ZDF will uns die Serie als Dokumentation verkaufen, in Wirklichkeit ist es Fiktion. Jeder Drehort, jeder Flüchtling, jeder Moment ist gescripted, sorgsam überlegt, streng nach der Heldenreise konstruiert. Das Flüchtlingsheim, in dem einige der Pseudo-Flüchtlinge übernachten, ist ein Luxushotel im Vergleich zu den menschenunwürdigen Notunterkünften, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Die Bootstour auf dem Mittelmeer, bei dem einer der Helden kotzen muss, ein Wochenendausflug.  Auch die immer wieder eingespielten kurzen Nachrichten-Clips, die sekundenlang die echte Flüchtlingswelt zeigen, ändern nichts am Gesamteindruck: Flucht ist ein Abenteuerurlaub und Deutschland das Paradies.

Das haben sie beim ZDF nicht gewollt, da bin ich mir sicher, als sie das preisgekrönte australische TV-Format Go back to where you came from einfach kopierten. ( Selbst die Trailer sind identisch aufgebaut). Auch die Anwesenheit von Daniel Gerlach, dem Mitherausgeber des sehr guten Middle-East-Magazins Zenith gibt der Serie einen Hauch von Seriosität. Gerlach ist es dann auch, der die einzigen sinnvollen Sätze zur Serie beisteuert und mit dem Stereotyp aufräumt, Flüchtlinge seien alles arme Schlucker, die sich in Lebensgefahr begäben, nur um unsere Sozialsysteme auszubeuten.  Gerlach erklärt (endlich!), dass die meisten Menschen auf der Flucht gut ausgebildet sind, schlicht ein lebenswertes Leben führen wollen und dass von den 45 Millionen Flüchtingen weltweit maximal 2 Prozent Asyl gewährt bekommen. Gerlach gibt denen, um die es in der Serie angeblich geht, ein kleines Stück Würde zurück.

In einem 3-Minuten-Clip in der ZDF Mediathek.

Der Rest ist Trash, zynisches Tränentheater und gefährliche Fiktion.

Ob das Abschalten der Serie, wie es eine Online-Petition fordert, sinnvoll wäre, weiss ich nicht. Aber ich würde mich dafür engagieren, den Herren aus der ZDF-Chefetage von meinen GEZ-Gebühren ein Praktikum in einem der Flüchtlingscamps und Elendsviertel dieser Welt zu finanzieren. Freetown in Sierra Leone, Shatila im Libanon, Khayelitsha in Cape Town. Und falls ihnen von dort die Flucht gelingt, und sie diese überleben, dürfen sie auch gern auf ZDF Neo davon berichten. Zur besten Sendezeit.

Ein Crosspost in Kooperation mit CARTA

Foto mit freundlicher Genehmigung von Shutterstock

7 Antworten zu “Ein bisschen Flüchtling”

  1. Von RüdigerHartmann am 13. August 2013

    Vielen Dank für den guten Blogg – das war ja wirklich Zeit, dass man darüber was schreibt. Eine greuliche Sendung, wie kann man nur? Heutzutage wird ja alles „getauscht“: Hausfrauen, Autos, und neuerdings auch Fans – macht das, meinetwegen auch Marsmenschen auf die Erde- aber bitte Menschen auf KEINE ECHTEN FLÜCHTLINGSROUTEN schicken! Das ist zynisch und zeigt die Ignoranz der Macher gegenüber dem Leid dieser Menschen. Stellt es ab bzw. SCHAUT ES NICHT!

  2. Von ROTEMILAN am 13. August 2013

    Das Schlimmste ist für mich an der Sendung, dass die
    Macher es scheinbar gut gemeint haben. Sie wollen die „Flüchtlingsproblematik in die Öffentlichkeit“ bringen. der Streit, den sie zwischen echten Flüchtlingen verursachen, ist echt. Und das Essen, was sie denen, die es wirklich brauchen, wegessen – leider auch. um alles ganz authentisch zu halten. Wir kennen ja diese Trash-Formate von RTL& Co, aber vom ZDF? Auch erinnert mich der Name „Das Experiment“ an wirklich schreckle Szenarien, wo aus Menschen Bestien wurden. Diese Dinge erleben die Flüchtlinge auf ihrer Flucht nach Europa wirklich – sie müssen hungern, verdursten und werden irgendwo ausgeladen. Ich sehe es auch so: man darf es nicht schauen, so dass die Macher es absetzen müssen.

  3. Von TanjaB am 13. August 2013

    Ja, aber die Leute schauen es und für manche ist es auch eine Form von politischer Bildung! Die sechs Kandidaten kommen in wirkliche Flüchtlingslager – manche Zuschauer werden dadurch vielleicht berührt und bekommen so gefühlsmäßig Zugang zu dem Thema.

  4. Von TVgucker2013 am 13. August 2013

    Ich finde, TanjaB hat Recht! Niemand kümmert sich um Flüchtlinge. Und eine Trass-Lobby beim ZDF ist mir lieber als gar keine Lobby.

  5. Von EineErde am 13. August 2013

    Ich bin vollkommen anderer Meinung. Die Serie ist rassistisch, post-kolonialistisch und gehört abgeschafft. Alles Weitere steht hier: http://www.change.org/de/Petitionen/zdf-intendant-thomas-bellut-sofortige-absetzung-der-dokusoap-auf-der-flucht-das-experiment

  6. Von Oscars: am 13. August 2013

    Tanja Bs Meinung, dass es die Leute sehen und über die Flüchtlingsthematik informiert werden – diese Einschätzung halte ich auch für zu optimistisch!!!
    Bisher wurde sich in der Presse nur über das Format und die Aufmachung ausgelassen!! Und ein Ex-Nazi bekommt dazu noch ein Forum für seine Fremdenfeindlichkeiten!! Nichts mit Sensibilisierung und Verständnis.

  7. Von AnnaR am 13. August 2013

    Danke EineErde für die Petition, die ich gleich unterschrieben und weitergeleitet habe. Diese menschenverachtende Doku gehört abgeschafft – und da die Leute aber fleißig weiter schauen werden, hilft nur Druck auf die Verantwortlichen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ähnlicher Artikel

Hintergrund

Keine ideale Welt

Zuerst war die Notunterkunft in Moabit nur als temporäre Lösung gedacht. Mittlerweile gibt es sie seit fast einem Jahr – und sie ist nötiger denn …
Von Katharin Tai / 16. September 2015

Zufalls Artikel

Pro-Contra-Themen

Ein falsches Signal zur falschen Zeit

Die wehrhafte Demokratie hat in der Bundesrepublik Deutschland ihre historische Berechtigung. Ein Parteienverbot würde inzwischen aber mehr Schaden anrichten als verhindern – und das System schwach …
Von Daniel Lehmann / 5. März 2015

Meist Kommentierter Artikel

Hintergrund

Oh, du göttliche Frucht

Viele Menschen kehren sich vom traditionellen Glauben an Gott ab. Stattdessen wenden sie sich einer Art Gesundheitsreligion zu: Sie huldigen veganen Köchen, folgen Fitnessbloggern und glauben an die …
Von Sophia Hofer / 1. September 2016