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Ein Bissen Verantwortung

Von Ines Bresler / 16. Februar 2018
Credits: Pixabay/ stevepb; Lizenz CC0

Ernährung ist längst ein Politikum. Veganer oder Karnivore? Bio oder Chemie? Essen verkommt immer mehr zu einem Statussymbol. Das tut der gesellschaftlichen Verantwortung Unrecht, die jeder Mensch mit jeder Mahlzeit hat.

Essen ist lebenswichtig. Essen ist schön. Wir genießen nicht nur den Geschmack, sondern auch das Zusammensein mit anderen. Die gemeinsame Nahrungsaufnahme ist die universellste Kulturtechnik. Bei allen Völkern der Welt werden besondere Ereignisse mit Essen gefeiert. Essen bringt Menschen zusammen. Doch es kann auch Distanzen schaffen: Etwa zwischen Menschen, die sich vegan ernähren, und denen, nicht auf ihr Wurstbrötchen verzichten wollen. Die Fronten verhärten sich zusehends. Die Frage, was auf den Tisch kommen darf, hat mittlerweile eine Brisanz angenommen, die früher am ehesten die Themen Politik oder Religion hatten.

Mit der neuen Vielfalt an Ernährungsweisen hat auch die Identitätsstiftung Einzug erhalten: Mit der Überzeugung, dass mein Kühlschrankinhalt der richtige ist, verbinde ich einen Teil meiner Persönlichkeit. So wie andere ihren Gott oder ihre Partei haben, habe ich nun meine vegane, glutenfreie oder biologische Esseinstellung. Damit verwirkliche ich mich, gehöre einer Gruppe an und kann mich noch weiter von anderen abgrenzen.

Bio-Essen ist so inzwischen zum Statussymbol geworden. Menschen, die im Bioladen einkaufen, beweisen damit einerseits ihr Bewusstsein für Nachhaltigkeit: Sie greifen ins Bioregal, weil sie regionale Betriebe und eine artgerechte Tierhaltung unterstützen wollen. Darüber hinaus zeigen sie aber auch, dass sie sich teurere Nahrungsmittel leisten können.

Ist immer Bio besser?

Jeder vierte Deutsche achtet beim Einkaufen mittlerweile auf Bio-Lebensmittel. Zu diesem Schluss kommt eine Umfrage des baden-württembergischen Überwachungsprogramms „Ökomonitoring“. Ob diejenigen, die Bio-Produkte kaufen, alleine damit viel für ihre Gesundheit tun, lässt sich wissenschaftlich nur bedingt feststellen. Dem Max-Rubner-Institut zufolge ernähren sich Bio-Konsumenten ohnehin oft gesünder, sie sind sportlich aktiver und häufiger Nichtraucher. Tatsächlich gesünder sind Bio-Produkte nicht zwangsläufig. Wenn sie jedoch aus der Region stammen, sind sie definitiv besser für die Umwelt.

Auf der Strecke bleibt der Preis. Bio-Lebensmittel sind im Schnitt 70 Prozent teurer als konventionelle, so Forscher der Hochschule Pforzheim. Sicherlich gibt es auch Wege, ökologisch einzukaufen und dabei den Geldbeutel zu schonen: immer frisch kochen, langfristig planen und kurz vor Schluss auf den Markt gehen, um Gemüse günstiger zu kaufen. Sie kosten allerdings eine andere, rare Ressource: Zeit.

Skandale um Biosiegel

Ein anderes beliebtes Argument gegen Bioessen sind Positionen wie das allgemeine „Am besten isst man gleich gar nichts mehr!“ mit dem Verweis auf allerhand Skandale. Übersetzt heißt das meist soviel wie: „Ich fühle mich unwohl und habe jetzt keine Lust mehr auf diese Debatte.“ Es mangelt aber auch an Vertrauen in die Biosiegel. Viele Leute verstehen nicht, warum sie mehr Geld in Bio-Karotten investieren sollten, wenn diese mit Pestiziden vom konventionell bewirtschafteten Nachbarfeld belastet sein könnten. Doch für diese Skeptiker gibt es eine gute Nachricht: Der BUND und viele andere Organisationen bieten auf ihren Internetseiten übersichtlich aufbereitete Auskunft über Biosiegel. Wer sich also wirklich interessiert, für den sollte die Frage nach dem richtigen Siegel kein Hindernis sein.

Und noch ein Argument sollte in dieser Diskussion nicht zu kurz kommen: Insgesamt geben die Deutschen zwölf Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus, so wenig wie in kaum einem anderen europäischen Land. Würde es da nicht möglich, ein bisschen mehr Zeit und Geld zu investieren, nur ein klein wenig? Für uns selbst, unsere Familie und unsere Gesellschaft.

Deutsche geben zwölf Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus, so wenig wie in kaum einem anderen europäischen Land

„Das Private ist politisch“, hieß es bei den Aktivistinnen der zweiten großen Frauenbewegung. Ein trefflicher Slogan, der sogleich von den Spontis, linken politischen Akteuren der 1970er und ’80er Jahre, übernommen wurde. Dass damit Essen ebenfalls politisch ist, sollte eigentlich jedem klar sein. Zumal sich vom Aussterben bedrohte oder bestialisch gequälte Tiere wahrlich nicht zum Verzehr eignen.

Gesittet streiten, bedächtig essen

Zum Glück kommt vor dem Fressen immer häufiger die Moral. Viele Menschen greifen aus reinem Verantwortungsgefühl in die Bio-Kiste. Laut WWF verursacht ein Kilo Gemüse zwanzig Mal weniger Treibhausgase als ein Kilo Schweinesteak. Wer das weiß und sich vor Augen führt, dass die Nachfrage das Angebot bestimmt, denkt vielleicht nochmal über seine Kaufentscheidung nach.

Das muss nicht bedeuten, dass niemand mehr Fleisch essen soll. Es soll auch nicht heißen, dass wir aufhören sollen, manierlich über unsere Ernährungsgewohnheiten zu streiten. Aber: Über Essgewohnheiten zu reden ist auf Dauer langweilig. (Beziehungsweise hat wenig Sinn, wenn sich nur noch Ernährungsextremisten gegenübersitzen.)

Die simple Weisheit, dass die Geschmäcker verschieden sind, sollte dort wieder Gehör finden, wo sie hingehört: an den Esstisch, wo gesittetes Benehmen auch bedeutet, einander auszuhalten, Toleranz zu üben. Denn am Ende des Tages können wir uns unsere Überzeugung vorleben, aber nicht vorschreiben.

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