Twitter Icon Facebook Icon

Ein Versprechen des Glücks, das gebrochen wird

Von Max Czollek / 18. Juni 2018
Credits: Unsplash/ nurhan; Lizenz Unsplash

Jugend und Macht. Kunst und Gerechtigkeit. Was scheinbar nicht zusammenpasst, findet vor allem in den sozialen Medien zueinander. Die Resonanz beweist: Dieses Zusammenspiel ist nicht bloß eine Randerscheinung. Oder?

Facebook und Co. haben die globale Kommunikation revolutioniert. Die Frage ist, ob Onlinekampagnen als politische Teilhabe ausreichen. Während Kunstschaffende, Blogger und Aktivistinnen aus verschiedenen Ländern im Rahmen der GW18 in Berlin darüber diskutieren, lassen wir die Kunst selbst zu Wort kommen. Und den Kopf dahinter.

elegie von der peripherie

ich schließe meine augen
als wäre ich mir sicher
dass den gegenständen
keine füße wachsen
sie heimlich kontinente wechseln
schließe die augen
mit einem blauen vertrauen
dass ich sonst nur
von freundinnen kenne
die mich am ende
einer endlosen nacht
durch den schnee navigieren
einen aufgenebelten märz
schließe die augen
wo die stadt entkrampft
und versuche mich
dem tier in meinem bauch
zu nähern
wie mit skalpellen
mit einem blauen vertrauen
dass ich sonst nur
von freundinnen kenne
die für die nächste demonstration
plakatieren gehen
und mich für einen moment
davon überzeugen
wir hätten eine chance

sagwas: Du verarbeitest gesellschaftliche Themen in lyrischen Texten. Inwiefern spielt Gerechtigkeit für dich als Autor eine Rolle, Max?

Max Czollek: Ich glaube, dass Literatur in ihren stärksten Momenten ein Ort ist, an dem eine Gerechtigkeit realisiert werden kann, die den Raum der Gegenwart übersteigt. Dantes Hölle ist schlimmer als lebenslänglich im Gefängnis. Der angeeignete und umgestaltete Mythos ist eine Form der Rechtsprechung.

Kunst kann auch eine Form der politischen Teilhabe sein. Siehst du dich als politischen Künstler an?

Von Kunst erwarte ich, dass sie die Unterscheidung zwischen dem Wir und dem Ihr destabilisiert, was ja ein Strukturprinzip der Politik ist. In diesem Sinne würde ich mich vielleicht als Lyriker mit Gesellschaftsbezug verstehen. Der Philosoph Theodor W. Adorno bezeichnet Kunst an einer Stelle als Versprechen des Glücks, das gebrochen wird. Das gefällt mir.

Gibt die Gesellschaft hier oder anderswo der Kunst genug Raum, um ihre Aufgabe zu erfüllen?

Wenn Kunst wirklich unser Selbstverständnis destabilisiert, dann ist das für Institutionen erst einmal nicht begehrenswert, denen es ja auch um Selbsterhalt geht. Darum müssen Künstler*innen sich ihre Räume immer wieder neu erkämpfen. Die Frage lautet dabei auch, ob Lyrik sich selbst zugesteht, in der Gesellschaft stattzufinden. Mich freut, dass meine Zunft gegenwärtig wieder verstärkt eine Gegenwart thematisiert und dabei den rein sprachlichen Raum übersteigt.

Haben Worte und Wortbilder in Zeiten der Digitalisierung an Macht hinzugewonnen?

Lyrik ist schon immer nah an der Werbung und der Propaganda gewesen. Eine Lesung, ein Theaterstück oder eine Performance ist eine kleine, mehr oder weniger kontrollierte Manipulation des Publikums mit den Mitteln der Ästhetik. Eine Art Aktivimmunisierung, die einem in kleinen Dosen verabreicht, was im Großen mit uns geschieht.

Mit Lyrik und gedruckten Büchern beziehst du formal Stellung in einer Art und Weise, die nicht unbedingt dem Zeitgeist entspricht. Hast du dennoch den Eindruck, dort anzukommen, wo du gehört und gesehen werden willst?

Ein großer Teil der gegenwärtigen Lyrikszene bewegt sich organisch durch digitale Räume. Sie ist eine Bewegung voller kritischer Menschen, die auch politisch aktiv sind. Dass Lyrik dabei häufig unterhalb des Orbits medialer und ökonomischer Aufmerksamkeit liegt, kann auch eine Stärke sein. Strukturen, auf die wir heute zurückgreifen, haben wir selbst schaffen – darum können wir sie auch gestalten. Bildet Banden.

istanbul im märz

ich war bei der besetzung des gezi-parks
und als die polizei tränengas warf
bin ich abgehauen

das erste mal seit dem tod meines vaters
habe ich geweint

ich wusste nicht, dass hunde auch weinen können
postete eine pusteblume unter die aufnahme
brannte in dauerschleife ab

in istanbul steigen hauspreise

in istanbul ist ein erdbeben überfällig

in istanbul heiratet man auf booten

ich berge auerbachs mimesis
und organic olivenöl
im dunklen beutel aus stoff

derzeit beherbergt die stadt
drei millionen geflüchtete menschen, hüzünlü bulutlar

wie weit muss ich mich von ihnen entfernen
um sagen zu können
die geschichte mündet im bosporus?

für die beruhigende gewissheit
nächstes mal werden zuerst moscheen brennen
dann die synagogen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ähnlicher Artikel

Dokumentiert

Hat der Journalismus eine Zukunft?

Theresia Enzensberger, Herausgeberin des BLOCK-Magazin und Krautrepoterin (Bild: Mark Heywinkel) Chefredakteure Tagesspiegel, rechts Lorenz Maroldt (Quelle: dpa / picture alliance) Wir haben am …
Von Sagwas-Redaktion / 3. September 2014

Zufalls Artikel

Dokumentiert

Lettische Lehrjahre

„Alternativlos“, „ein Ankommen“, „die Rückkehr zur europäischen Familie“: Die EU-Mitgliedschaft ihres Heimatlands bewerten viele Letten positiv. Die rosarote Brille haben sie zehn Jahre …
Von Judith Dauwalter / 22. Juli 2014

Meist Kommentierter Artikel

#2017plus

Nicht erst, wenn es zu spät ist

Wer sich weiterbilden will, der könnte schon bald Geld dafür bekommen – eine neue FES-Studie zeigt, wie aus der Arbeitslosen- eine Arbeitsversicherung werden könnte. Eine …
Von Alex Wolf / 5. Mai 2017