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Fernbeziehung mit Freunden

Von Rebecca Freiwald / 10. Juni 2020
Credits: Photo by Bewakoof.com Official on Unsplash;

„Wer glaubt, dass jeder Facebook-Kontakt ein Freund ist, der weiß nicht, was Freundschaft bedeutet“, verkündet ausgerechnet Facebook-Gründer Mark Zuckerberg selbst. Sein Geschäftsmodell hat unsere Kommunikation für immer verändert. Doch was bedeutet „echte“ Freundschaft und welche Rolle spielt sie in Krisenzeiten?

Das Bedürfnis nach freundschaftlicher Nähe kennt fast jeder, denn in Beziehungen zu anderen finden wir Anregung und Bestätigung, aber auch Trost und Hilfe in schwierigen Situationen. Mit echten Freunden gehen wir durch dick und dünn: Wir teilen Glücksmomente und Tiefschläge. Die Qualität einer guten Freundschaft misst sich an Ehrlichkeit und Vertrauen im Umgang miteinander. Man möchte mit dem anderen über alles reden können und füreinander da sein.

Wie essenziell der Stellenwert von Freunden im Leben vieler Menschen ist, verdeutlicht eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach: 85 Prozent der Befragten gaben an, dass gute Freunde und enge Beziehungen zu anderen Menschen ihrem Leben eine besondere Bedeutung verleihen. Auf der „Sinnskala des Lebens“ erreicht Freundschaft damit sogar den ersten Platz – noch vor Familie und Partnerschaft.

Wie ein Kompass in der Krise

Eine Studie der Psychologin Rebecca Graber von der Universität Brighton kommt zu dem Schluss, dass bei der Bewältigung von Krisen insbesondere beste Freundschaften eine entscheidende Rolle spielen. Sie stärken unsere Resilienz und helfen uns, Hindernisse zu meistern. Wie besten Freunden das konkret gelingt, lässt die Studie allerdings offen. Naheliegend ist, dass der Grund dafür in der Kommunikation liegt: In belastenden Situationen ist nichts wohltuender als ein intensives Gespräch mit der besten Freundin bzw. dem besten Freund. Freunde sind wie ein Kompass, der unser Boot auf hoher See auf Kurs hält.

Doch was passiert, wenn uns eine kollektive Krise wie die Covid-19-Pandemie trifft? Fühlen wir uns bedroht, ist es ein uns angeborener Instinkt, zunächst Hilfe bei unseresgleichen zu suchen. Und wer käme dafür besser in Frage als diejenigen, die uns auch bisher sicher durch jede individuelle Krise navigierten: unsere Freunde. Das Perfide an dieser Pandemie ist jedoch der Umstand, dass genau dieser Impuls verheerende Folgen haben kann. Immerhin gilt nicht umsonst weiterhin das Gebot, Abstand zu halten.

Soziale Medien – Retter in der Not?

Es ist der 12. März 2020, Evas 32. Geburtstag. Sie besorgt eine Torte, Sushi, macht sich zurecht für ihre Party. Um 19 Uhr geht es los, eingeladen sind sieben Freunde. Sie essen und trinken, ein Freund spielt Gitarre, sie lachen, sind vergnügt. Nach dem Essen tanzen sie zusammen und doch jeder für sich, daheim vor dem Bildschirm. Ein typischer „Geburtstag mit Abstand“ im Frühjahr 2020. Instant Messenger Dienste wie Skype, Zoom oder Google Hangouts machen ihn möglich. Auch Partylicious, ein kleines Berliner Partygeschäft, ist auf den Videoparty-Hype aufgesprungen: Insbesondere kleine Gastgeber erhalten hier nützliche Spielanleitungen, Deko und Luftballons für digitale Mottopartys – auf Wunsch schalten sich sogar der Lieblingssuperheld, eine Prinzessin oder ein Zauberer dazu. Gemeinsam einsam sein kann also auch Spaß machen.

Es wirkt, als erführen Internet und soziale Medien gerade eine neue Wertschätzung. Wurde ihnen in der Vergangenheit häufig attestiert, sie würden uns die Zeit für echte Begegnungen stehlen, avancieren sie nun zum Retter in der Not. Wenn fast jede Beziehung plötzlich zur Fernbeziehung wird, überbrücken sie neben örtlichen nun auch soziale Distanzen, die mit ihrer Hilfe viel erträglicher werden. Doch bieten die Videofunktion bei WhatsApp, FaceTime & Co. nicht nur für Partys eine Lösung: Die Psychologin Pia Kabitzsch rät in ihrer Youtube-Reihe „Psychologeek“ dazu, in der aktuellen Situation vor allem Videotelefonie dazu zu nutzen, Freunde emotional zu unterstützen. Da ein Video Call dem persönlichen Gespräch am nächsten komme, ließen sich so Stress, Angst oder Depressionen eher bekämpfen.

Doch halten soziale Medien noch eine andere Form der Stressbewältigung bereit, die man gerne mit Freunden teilt: humorvolle Videos und Bildbotschaften. Insbesondere Hamsterkäufe wurden so satirisch auf’s Korn genommen. Das Video, in dem ein Mann seinen Kaffee mit Klopapier bezahlt und dem Barista großzügig noch ein paar Blätter extra in die Schürzentasche steckt, ist nur eines von vielen, die viral gingen und eine komische Seite der Corona-Krise offenlegen, über die es sich am besten gemeinsam in der (WhatsApp-)Gruppe lachen lässt.

Bier auf Wein – im Park darf’s sein

Die analoge Antwort auf Video Calls sind Balkongespräche. Diese, besonders bei älteren Menschen beliebte Praxis, ist ein weiterer Nebeneffekt der Pandemie. Der mitsechziger Nachbar wird nicht müde, Passanten auf dem Gehweg zum Abstandhalten zu ermahnen, um sich dann wieder dem Gespräch mit dem befreundeten Ehepaar nebenan zuzuwenden.

Dass auch bei vielen jüngeren Menschen seit den Lockerungen der Ausgangsbeschränkungen reale Treffen wieder hoch im Kurs stehen, zeigt ein Blick in die Berliner Parks. Es scheint, als würden sie zum neuen Lebensmittelpunkt in der Krise: Hier unter freiem Himmel treffen sich Kumpel zum Feierabendbier, Freundinnen sitzen mit einer Flasche Wein am Schlossparksee, Teenager tanzen zu ihren Handy-Beats, Fitnesshungrige trainieren mit Stretching-Bändern und Langhanteln. Dass dies ein halbwegs sicherer Weg der Kontaktpflege ist, bestätigt im NDR auch Christian Drosten in seinerPodcast-Reihe. Er rät dazu, „alles was man nach draußen verlagern kann, nach draußen zu verlagern.“

Ob im Park, über das Internet oder den Balkon – durch Gespräche mit Freunden besinnen wir uns auf das, was in Krisenzeiten wirklich zählt: Zusammenhalt.

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