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Gekommen, um zu führen

Von Andrea Lindner / 28. September 2016
Privat

Erzogen, um den Sozialismus aufzubauen: Was 400 namibische Kinder in der DDR gemacht haben und wieso alles am Ende umsonst war. Ein Theaterstück arbeitet sich an einem fast vergessenen Teil der Geschichte ab.

Wir kamen im Dezember 1979 in der DDR an. Ich war vier. Es war ein eiskalter Winter. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass viele Tage vergingen, bis wir zum ersten Mal raus durften. Draußen wartete die größte Überraschung unseres Lebens auf uns: Der ganze Boden lag voller Zucker! Ich begann mir Hände voll in den Mund zu schaufeln, bis ich feststellten musste, dass es gar kein Zucker war.

(Hangula Werner, Teil der ersten Gruppe namibischer Kinder, die in die DDR kamen)

In den 1970er Jahren kämpfte Namibia für seine Unabhängigkeit von Südafrika und gegen das vorherrschende Apartheidssystem.Die DDR half der marxistischen Befreiungsbewegung des Landes, der damaligen Südwestafrikansichen Volksorganisation SWAPO (South-West Africa People’s Organisation), indem sie 400 namibische Kinder bei sich aufnahm. Manche Kinder waren Kriegswaisen, andere stammten aus Familien von SWAPO-Funktionären. Das Ziel: Sie sollten im Schloss in Güstrow weit weg vom Krieg in ihrer Heimat zur sozialistischen Elite erzogen werden, um später ein unabhängiges Namibia zu führen.

In der DDR wuchsen die Kinder mit einer fremden Sprache und Kultur auf, die ihnen bald vertrauter als ihre eigene wurde. Doch kurz bevor die DDR 1990 zusammenbrechen und Namibia seine Unabhängigkeit erlangen sollte, mussten die Kinder plötzlich zurück in ihre alte Heimat, die nicht mehr ihre Heimat war.

Theaterstück als Doku-Drama

Wie fühlt es sich an, wenn man aus einem Land gerissen wird, in dem zwar Krieg herrscht, das aber zugleich auch als Zuhause fungiert? Wie fühlt es sich an, von einem Tag auf den anderen in einer ganz anderen Umgebung leben zu müssen? Wie fühlt es sich an, wenn man nicht weiß, wo seine Heimat ist?

Das Theaterstück „Oshi-Deutsch“ versucht Antworten auf diese Fragen zu finden. Denn die Geschichte der DDR-Kinder ist vor allem eine Geschichte von Entwurzelung und erzählt vom Spagat zwischen zwei Welten . Die Zuschauer sind dabei ganz nah dran am Alltagsszenerie der Kinder: Morgenapelle, strenge sozialistische Erzieherinnen, Ertüchtigung, Musikerziehung und Ausbildung an der Waffe. Aber auch ein traditionelles deutsches Weihnachtsfest, viele Freundschaften und jede Menge Spaß finden Eingang in das Stück. Die Aussage: Das Leben in Deutschland war schön und hässlich zugleich. 400 Kinder isoliert in einer sozialistischen Seifenblase.

Immer glücklich

„Wir lebten in diesem schlossähnlichen Haus. Wir haben viel gespielt und gemalt, eigentlich alles was Kinder gerne machen. Wir haben sogar Eis gekriegt! Unser Leben war ganz vergnügt und sorgenfrei“, erzählt Anna Otavi, die von 1979 bis 1990 in der DDR aufgewachsen ist. Stasi oder Mauertote? Kommen praktisch nicht vor. Ihre DDR ist für sie ein friedliches Land. „Der Ort, an dem ich immer glücklich war“, meint die 36-Jährige Anna heute.

Sandy Rudd aus Namibia, die „Oshi-Deutsch“ gemeinsam mit Gernot Grünwald aus Deutschland geschrieben und inszeniert hat, hat sich viele Jahre nicht an diese Thematik herangetraut. „Die Geschichte der DDR-Kinder ist für viele eine traurige, ohne Happy-End“, sagt Rudd. „Das möchte ich eigentlich nicht zeigen. Die Menschen sollen glücklich sein, wenn sie aus dem Theater kommen.“ Tatsächlich schaffen es Macher und Schauspieler immer wieder, schöne Augenblicke zu kreieren und beglückende Gefühle in den Zuschauern auszulösen. Wenn die Kinder durch den Schnee springen zum Beispiel oder von der vielen Schokolade an Weihnachten erzählen.

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Auch Tanzen stand auf dem straffen Programm der Kinder. Dabei lernten sie deutsche und auch namibische Tänze (Quelle: privat)

400 einzelne Schicksale

Der Hauptteil des Stückes spielt in Deutschland. Die Ankunft und die Zeit in Namibia werden auf wenige Szenen begrenzt. „Ich hätte nicht gewusst welche Geschichte ich hier hätte erzählen sollen. Welches der 400 Schicksale“, so Rudds Erklärung. „Es lief für alle so unterschiedlich nach der Zeit in der DDR.“ Erneut spielen Verlust, Entwurzelung und Neueingewöhnen die Hauptrolle im Leben der DDR-Kinder. Das Schlimmste aber: Alles was ihnen versprochen wurde, traf nicht ein. Sie wurden weder Führungskräfte, noch gehörten sie zur Elite der SWAPO. Die Funktionäre hatten fürdie Kinder keine Verwendung mehr. Man wollte keinen sozialistischen, sondern einen kapitalistischen Staat aufbauten.

„Frustrierend war, dass wir uns anfangs kaum mit unseren Familien verständigen konnten – unser Oshivambo war zu schlecht“, erinnert sich Anna. Die DDR-Kinder galten als verwöhnt, weil sie andere Lebensstandards gewohnt waren. Sie sprachen perfekt Deutsch und somit hatten einige die Chance, „weiße“ Privatschulen zu besuchen. Doch die Weißen dort akzeptierten die Heimgekehrten nicht. Schwarze galten noch immer als minderwertig.

Drogensüchtig und heimatlos

Missachtet und ihrer ursprünglichen Identität beraubt, rutschten einige ab, verloren sich in Drogen und im Alkohol. Sie leben heute auf den Straßen Windhoeks, der namibischen Hauptstadt. Andere konnten ihre Sprachkenntnisse und Ausbildung nutzen. Sie arbeiten als Unternehmer oder Ärzte. „Ich musste mich plötzlich im fremden Land zurechtfinden“, erinnert sich Anna. Doch sie hatte Glück: Nachdem Anna ihre Eltern wieder gefunden hatte, konnte sie auf die Deutsche Schule in der namibischen Hauptstadt Windhoek gehen. Mittlerweile arbeitet sie als Anwältin.

Das Theaterstück endet mit der Ankunft der Kinder in Namibia. Einem Namibia, das mit dem einstigen Land, das die Kinder Jahre zuvor verlassen mussten, nichts mehr gemein hat. So wie das heutige Ostdeutschland nicht mehr mit der ehemaligen DDR gleichgesetzt werden kann. Zugehörigkeit und Orientierung, das ist wohl die endgültige Botschaft des Stückes, bedingen Identität. Das eine wie das andere zu entbehren zeigt, wie gnadenlos brutal das Leben sein kann. Und dass es für die Zukunft, von der wir träumen, keine Gewähr gibt.

Das Theaterstück ist eine namibisch-deutsche Co-Produktion zwischen dem College of Arts Windhoek und dem Emma Theater Osnabrück. An beiden Orten wurde das Stück bereits erfolgreich in diesem Jahr aufgeführt.

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