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Besser Gen als gar kein Food?

Von Europa Konferenz / 4. Dezember 2015

Jeder weiß: Ohne sauberes Wasser und fruchtbaren Boden bleiben unsere Teller leer. Trotzdem machen wir uns selten bewusst, dass Ressourcen begrenzt sind. Die Gentechnik verspricht eine einfache Lösung.

Stellen wir uns das Jahr 2050 vor: Nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden auf unserer Erde 9,7 Milliarden Menschen leben. Alle wollen mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Gleichzeitig schwinden die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen durch Klimawandel, Bodenerosion und Bebauung.

Für Martin Häusling liegt das Problem auf der Hand. Er sitzt für die Grünen im Europäischen Parlament und warnt: „Wenn wir sehen, wie wenig Land in Zukunft für jeden einzelnen zur Nahrungsmittelproduktion zur Verfügung steht können wir uns den Verlust von keinem Quadratmeter Boden mehr leisten“.

Zusätzlich sinkt die Fruchtbarkeit der Böden durch einen immer geringeren Grundwasserspiegel, Versalzung und Überdüngung. Forscher tüfteln bereits an der Lösung: Gentechnisch veränderte salz- und trockenresistente Pflanzen könnten auch auf bislang schwer zu bewirtschaftendem Land wachsen.

Hoffnungsträger Golden Rice

Der Biologieprofessor Rüdiger Hell von der Universität Heidelberg zeigt das Potential der Gentechnik auf: „Die klassische Züchtung ist auf die Artgrenzen beschränkt. Das heißt, ein Apfel kann nicht mit einer Birne gekreuzt werden. Im Gegensatz dazu erlaubt es die Gentechnik, interessante Nutzgene, zum Beispiel ein Gen für die Vitamin-C Synthese, aus der Narzisse in Reis einzubauen“.

Diese Überschreitung der Artgrenze haben zwei andere Wissenschaftler bereits erprobt: Ingo Potrykus und Peter Beyer entwickelten gemeinsam vor mehr als 15 Jahren den Golden Rice, eine Reissorte mit mehr Vitamin A. Dieser Reis sollte vor allem Vitamin-A- Mangelkrankheiten in Schwellenländern bekämpfen. Im Time Magazine wurde er damals gefeiert: „Dieser Reis könnte jedes Jahr Millionen Kindern das Leben retten“.

Geworden ist daraus nichts. Der Golden Rice scheiterte an regulatorischen Hürden. Hell ist überzeugt, dass der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen aus politischen Gründen verboten ist: „Die Entscheidungsträger folgen einem Meinungsbild, das systematisch und ideologisch erzeugt wird. Diesem folgt auch die Bevölkerung, die über Details gar nicht informiert sein kann. Von unzähligen Wissenschaftlern erhobene Fakten werden dabei ignoriert“.

Häusling ist da anderer Meinung. Er bezeichnet den Golden Rice als „eine der ältesten Lebenslügen der Gentechnologie“. Für ihn ist genmanipulierer Reis schlichtweg überflüssig: „Ist nicht der Anbau von Karotten und Blattgemüse einfacher und führt besser zu einer ausgewogenen Ernährung? Es gibt Pflanzen, die man in der Sahel-Zone anbauen kann, die haben bestimmt eine höhere Trockenresistenz als Pflanzen, die man in Nordamerika in Gunstlagen anbaut.“ Aber sind diese natürlich trockenresistenten Pflanzen als Nahrungsmittel geeignet?

Von Großkonzernen und guten Geschäften

Unterm Strich schenkt Häusling den Versprechungen der Gentechnikindustrie keinen Glauben. Für ihn ist die Gentechnik vor allem ein gutes Geschäft für große Konzerne: „Das erzählt man uns doch seit Jahrzehnten, dass wir trockenresistente oder salzresistente Pflanzen bekommen. Das ist ein Märchen. Wenn man sich die Realität anschaut, wird eine pestizidresistente Pflanze nach der anderen produziert“. Damit hätten Großkonzerne nicht nur die Möglichkeit, ihre Pflanzen, sondern auch gleich die passenden Pestizide auf den Markt zu bringen.

Bloß nicht in meinem Vorgarten

Die Diskussion scheint festgefahren. Wenn Gentechnikgegner_innen nach den versprochenen trockenresistenten Pflanzen fragen, verweisen die Befürworter_innen auf die strengen Gesetze, die deren Anbau in Europa fast unmöglich machen und die Forschung erschweren. Momentan darf in der EU nur eine gentechnisch veränderte Pflanze, der MON810 Mais, angebaut werden. In Deutschland gilt für diesen Mais ein Verbot. „Kein Quadratzentimeter in Deutschland“, freut sich Häusling und verweist auf die kritischen Verbraucher.

Es scheint, als hätte das Profitstreben großer Konzerne das Image der Gentechnik nachhaltig zerstört. Hell dagegen ist sich sicher: „Die Gentechnik ist bereits Teil unseres Alltags, aber das wird geflissentlich ausgeblendet: Beispiele sind die Baumwolle in unserer Kleidung oder Soja als Futtermittel für Schweine. Nach dem Motto: ‘Bloß nicht auf unseren Äckern‘ werden diese Produkte importiert“. Demnach könnte es falsch sein, eine Technologie mit viel Potential wegen der zweifelhaften Geschäftsmodelle einiger Großkonzerne zu verteufeln.

Text: Laura Armbruster, Foto: Jonas Jordan

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