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Ghostwriting in der Wissenschaft: Eine rechtliche Grauzone

Von Diana Knezevic / 30. April 2015
Hobvias Sudoneighm

Akademische Grade sind in Deutschland mit hohem Prestige verbunden und versprechen größeren Erfolg im Beruf. Doch wie viel sind solche Universitätsabschlüsse eigentlich wert, wenn die dafür verfasste wissenschaftliche Arbeit vom Ghostwriter stammt? Und ist Ghostwriting überhaupt legal?

Ein Ghostwriter, der akademische Arbeiten schreibt, spielt im „System Wissenschaft“ eine wichtige Rolle: Er ist für die Auftraggeber einer solchen Arbeit der Garant für wirtschaftlichen Erfolg, der oftmals mit dem Titel verknüpft ist. Hinter Ghostwritern verbergen sich häufig Akademiker mit Universitätslaufbahn, die sich spielend in alle Disziplinen einarbeiten können.

Die meisten Auftraggeber sind entweder inhaltlich mit der Bearbeitung eines Themas überfordert oder aber bereits beruflich tätig, so dass ihnen die Zeit fehlt, das Studium abzuschließen oder eine Doktorarbeit selbst zu schreiben. In solchen Fällen wenden sich die Betroffenen gerne an Agenturen, die zwischen Ghostwriter und Interessenten vermitteln.

Bis zu 25.000 Euro für eine Doktorarbeit
Für die Agenturen ist dies ein lukratives Geschäft. Die Preise für die wissenschaftlichen Arbeiten variieren: Eine Seite kostet zwischen 25 und 100 Euro. Je nachdem, ob es sich um eine Haus-, Bachelor- oder Masterarbeit – oder gar um eine Doktorarbeit handelt. Für letztere muss der angehende Doktorand zwischen 15.000 und 25.000 Euro zahlen, wovon in der Regel die Hälfte des Honorars an die Agentur entrichtet wird. Der Ghostwriter erhält den Rest.

Die Agenturen werben mit Vertraulichkeit. Und in der Tat: In den seltensten Fällen kennen sich Ghostwriter und Auftraggeber persönlich. Meist wird nur über die Agentur kommuniziert und alles bleibt anonym. Die Texte, so wird versichert, seien Unikate und hielten jeder Prüfung durch gängige Plagiatssoftware stand.

Unnötige Ehrfurcht vorm Schreiben
Friederike Gerber* ist eine solche Ghostwriterin, die regelmäßig Arbeiten für Betriebswirtschaftsabsolventen gegen Geld verfasst. Wissenschaftliche Texte zu schreiben fällt ihr nicht schwer. „Das ist im Prinzip eine klassische Methode, eine Schablone, die ich dafür nutze“, erklärt sie. „Bei akademischen Texten handelt es sich um ein Genre, vor dem viele Absolventen einfach unnötige Angst oder Ehrfurcht haben.“

Die Vorgaben, die Gerber von ihrer Agentur bekommt, seien meist minimalistisch. Oftmals erhalte sie lediglich den Titel der Arbeit und ein nicht sehr stimmiges Inhaltsverzeichnis. „Literaturhinweise fehlen in der Regel ganz.“

Dann recherchiert sie, schafft eine Struktur, ein Gerüst und taucht ein in ein Thema, an das sie sich nach Abgabe des Textes und der Rechnung kaum noch erinnern kann. „Das ist für mich ein normaler Job“, so die Ghostwriterin über ihre Motivation. „Ich schreibe, weil ich für etwas Geld bekomme, das mir Spaß macht und weil ich die Aufträge zügig bei freier Zeiteinteilung bearbeiten kann.“

System mit Schwächen
Bekommt sie in Ausnahmefällen E-Mails des Auftraggebers mit Rechtschreibfehlern zu lesen, fragt sie sich, warum die wissenschaftlichen Betreuer der Arbeit – wie Doktoren und Professoren an den Universitäten – keinen Verdacht schöpfen, wenn ihnen das Ergebnis vorliegt. Die Ghostwriterin kann sich an einen besonders außergewöhnlichen Fall erinnern. Der Auftrag für eine Seminararbeit kam direkt von einem Studenten, der sich ständig im Ausland aufhielt. Er brauchte den Schein, um zur Bachelorarbeit zugelassen zu werden, hatte aber selbst keine Zeit, die Arbeit zu verfassen.

Dieser Student habe ihr Teile seiner Korrespondenz mit seinem Professor weitergeleitet, erzählt Gerber. „Daraus ging hervor, dass der Student kein deutscher Muttersprachler war.“ In solchen Fällen schraubt Gerber automatisch das Sprachniveau herunter, vermeidet Schachtelsätze und reduziert den Text auf knappe Kapitel. Dass der Schwindel niemandem auffällt, kann Gerber dennoch nicht verstehen. „Allerdings ist das ja nicht meine Aufgabe, das System mit seinen Schwächen zu reformieren“, findet die Ghostwriterin.

Der Ehrliche ist der Dumme
Aber ist das überhaupt legal, was Gerber und viele andere Ghostwriter im Auftrag der Schreibagenturen tun? Selbst wenn es keine direkten rechtlichen Implikationen gibt, wird hier gegen das wissenschaftliche Berufsethos und gegen die gute wissenschaftliche Praxis verstoßen. Die Auftraggeber, die missbräuchlich akademische Grade führen, obwohl sie an Eides statt versichert haben, ihre Texte eigenständig verfasst zu haben, begehen Betrug, um zu höheren Profiten, Prestige und Einkommen zu gelangen.

Der Doktortitel wird in Deutschland häufig zum Türöffner für die Chefetagen der Wirtschaft und Politik. Er wird nicht zwangsläufig für eine wissenschaftliche Laufbahn genutzt, wie es in anderen europäischen Ländern meistens Usus ist. Dennoch dürfte die weit überwiegende Zahl der Doktorarbeiten in der Bundesrepublik unter Aufwendung von viel Zeit, Ehrgeiz und Disziplin eigenständig verfasst worden sein. Es sind letztlich die wenigen schwarzen Schafe, die den Eindruck erwecken: Der Ehrliche ist der Dumme.

"Das ist nicht rechtens", findet die Fachanwältin für Urheber- und Medienrecht Anne Ohlen.
„Das ist nicht rechtens“, findet die Fachanwältin für Urheber- und Medienrecht Anne Ohlen.

„Das spottet der akademischen Würde.“
„Dass es solche Schlupflöcher gibt, spottet der akademischen Würde“, findet auch Rechtsanwältin Anne Ohlen aus Köln. Die Spezialistin für Medien- und Urheberrecht sieht hier eine Grauzone. „Die meisten Agenturen sichern sich rechtlich dadurch ab, dass sie behaupten, sie würden lediglich eine Vorlage liefern und die Nutzungsrechte auf den Auftraggeber übertragen. Die Urheberrechte dagegen verbleiben per Gesetz immer bei demjenigen, der schreibt, also beim Autor.“ Somit würde der schwarze Peter dem Auftraggeber zugeschustert, der dann hoffen müsse, dass seine Prüfer keinerlei Hinweise für den Betrug finden. „Im schlimmsten Fall wird ihm der Titel aberkannt oder er muss einen Verweis von der Hochschule in Kauf nehmen.“

Das Problem sei, dass die Plagiatssoftware nur in Verdachtsfällen von den meisten Universitäten eingesetzt würde, so Ohlen. „Und wenn der Ghostwriter ordentlich gearbeitet hat, lässt sich schließlich gar nichts beweisen.“ Dennoch fordert die Rechtsanwältin an dieser Stelle, dass die Universitäten aufmerksamer werden müssen. Bereits zu Beginn des Studiums sollte zudem ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, was „gute wissenschaftliche Praxis“ bedeutet. „Die Erklärungen, die die Studenten abgeben, müssen unter Umständen weiter ausgebaut werden, damit jedem deutlich wird: Das ist nicht rechtens.“ Auch fehlt der Urheberrechtsexpertin in dem Zusammenhang ein ethisches Bewusstsein für die Tat. „Es wird Zeit, dass daraus ein Straftatbestand wird, der auch konsequent verfolgt wird“, fordert sie.

Fakt ist: Je weniger aufwändig eine Arbeit ist, desto größer ist die Dunkelziffer derjenigen, die Ghostwriter mit dem Schreiben der Texte beauftragen. Eine bekannte Agentur äußerte sich unlängst in einem Interview zu den Umsatzzahlen der „Schreibfabrik“. So sorgten im Jahr 2014 ungefähr 350 Mitarbeiter für einen Umsatz von 2,4 Millionen Euro.

Mehr Schein als Sein
Ghostwriting in der Wissenschaft ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein Geschäft, bei dem es um Eitelkeiten und Karrieresucht geht, aber auch um Profitgier, kriminelle Energie und handfesten Betrug. Die Universitäten werden von Einzelnen hintergangen und benutzt, um die eigenen beruflichen Chancen zu verbessern. Mehr noch: Gekaufte Abschlüsse entwerten den akademischen Grad.

Bleibt zu hoffen, dass die trickreichen Betrüger wenigstens im Job mit Wissen glänzen, das sie tatsächlich vorweisen können. Denn wer seinen akademischen Grad unrechtmäßig erwirbt, dem ist auch zuzutrauen, dass sein berufliches Wirken von mehr Schein als Sein getragen wird.

* Name von der Redaktion geändert

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11 Antworten zu “Ghostwriting in der Wissenschaft: Eine rechtliche Grauzone”

  1. Von Bert am 7. Juni 2015

    die Dozenten sind ja auch nicht gerade ein Vorbild für die Studenten und betreiben auch Ghostwriting http://business-and-science.de/aktuelles/doppelmoral-der-dozenten-ghostwriter

  2. Von Hanna Strunz am 29. Juni 2015

    Ich hatte eine totale Scheissphase und kam mit meiner Hausarbeit nicht klar. Habe viel rumtelefoniert.
    Dann habe ich eine gute ghostwriterin bei writeservice gefunden. es gab ne 2, war echt ok. jetzt geht es mir auch wieder besser und ich schreibe meine hausarbeiten selbst

  3. Von Jens am 16. Oktober 2015

    Ghostwriting ist in der Tat eine rechtliche Grauzone und findet in fast jedem textlastigen Bereich statt. Selbst Politiker bedienen sich bei ihren Reden und Biographien solchen Ghostwriter. Auch akademische Ghostwriter-Agenturen beschäftigen sich zuweilen mit dem Thema der rechtlichen Grauzone. Hierzu habe ich einen spannenden Artikel gefunden, der sich auf ein Urteil des OLG Düsseldorf stützt: http://ghostwriterjames24.de/blog/ghostwriting-legal-ghostwriter

  4. Von Jelenia am 2. Februar 2016

    Ehrlich gesagt bin ich froh, dass es solche „Idioten“ gibt, die sich ihre Arbeiten schreiben lassen. Wenn die bereits im Studium nicht mitkommen, wird es mir im Berufsleben umso einfacher sein sie zu überholen.
    Ich finde es nur krass, wie offen solche „Dienstleister“ mit dem Ghostwriting umgehen. Wenn man sich z.B. das Interview in Zeit Online http://www.zeit.de/studium/uni-leben/2012-08/ghostwriting-agentur-kritik anschaut, wundert man sich nur, dass so jemand bisher noch nicht bestraft werden konnte. Es ist doch ganz offensichtlich was mit den Arbeiten passiert.

  5. Von Cosima am 11. Februar 2016

    Wer durch Ghostwriting-Arbeiten sein Studium durchzieht und nie einen eigenen wissenschaftlichen Text geschrieben hat, hat eindeutig nicht verstanden, welchen Sinn das Studium hat. Aber ich habe gerade zum Schluss immer meine Arbeiten noch einmal Korrekturlesen lassen und das wird zum Beispiel auch auf sogenannten Ghostwriterseiten wie http://www.lass-andere-schreiben.de/ angeboten…

  6. Von Marie am 5. April 2016

    Ghostwriting zu verdammen ist leicht, aber man liest kaum etwas, dass die Auswirkungen der Bologna-Reform in vielen Studiengängen zu einem reinen Bulimie-Lernen und Schreiben geführt hat. So gehts jedenfalls mir und vielen meiner Kommilitonen. Dass man zumindest überlegt, hier einzelne Arbeiten auszulagern (muss ja nicht gleich die Abschlussarbeit sein) oder sich in sonst einer Form Unterstützung holt, scheint mir das fast konsequent zu sein. Mehrere meiner Bekannten haben sich bei http://www.textundwissenschaft.de unter die Arme greifen lassen, wobei ich nicht weiss, ob sie bei denen wirklich Ghostwriting gemacht haben, oder nur Lektorat und Coaching.

  7. Von Juliane @acadoo® am 5. August 2016

    Guten Tag,
    es ist ein sehr interessanter Beitrag. Allerdings verstehen wir „Ghostwriting“ anders. Wir erstellen eine Vorlage, die der Student oder Doktorand als VORLAGE verwenden soll, um die Arbeit dann in seinen eigenen Worten auszudrücken.

    Wir sind davon überzeugt, dass es richtig ist, den Studenten „akademisch an die Hand“ zu nehmen. Heute sind viele Studenten auf sich alleine gelassen.

    Unsere Mustervorlage soll als Hilfe zur Selbsthilfe dienen!

    Hier gibt es weitere Informationen zum Ablauf:

    http://www.acadoo.de/de-ghostwriter-hausarbeit.html

    http://bachelorarbeitschreibenlassen.com/ghostwriter-ablauf.html

  8. Von von Raithenstedt am 8. Februar 2017

    Gerade Studenten, egal ob es sich um Bachelor- oder Masterstudiengänge handelt, sind überfordert, wenn es darum geht, einerseits den Erfordernissen der Dozenten und Professoren zu genügen und anderseits, parallel zum Studium im letzten Semester an ihrer Bachelorarbeit oder Masterarbeit zu schreiben. Oftmals kommen Kommentare, wie: „Ich zwinge mich an den Schreibtisch, bin häufig unkonzentriert und kann manchmal Wesentliches nicht von Unwesentlichem trennen.“ Das Problem für diese Studentinnen und Studenten besteht dann häufig darin, dass sie lediglich keine Übung und Erfahrung im Abfassen wissenschaftlicher und akademischer Texte haben. Keineswegs bedeutet es, dass sie unfähig wären, in dem, was sie die letzten 3 oder 5 Jahre gelernt haben. Und aus meiner Erfahrung hilft bei solch einer Blockade bei vielen Studenten ein Coaching, um die Abläufe mit ihnen zu strukturieren. Wenn es gar nicht geht, oder aber andere Dinge wichtiger sind, dann kommt der ein oder andere um einen Ghostwriter nicht herum. Für diesen Fall lohnt sich ein Blick ins Netz und man sollte in jedem Fall im Hinterkopf behalten, was im Artikel durch Frau Knezevic recherchiert und beschrieben wurde. Herzlichen Dank für den umfassenden Artikel!
    A.-E. von Raithenstedt
    http://www.ghostwriting4u.org

  9. Von Dirk B. am 31. März 2017

    Pflegebedürftige Eltern, kranker Nachwuchs oder das Baby, das sich nicht an die persönliche Planung der nächsten Jahre halten konnte und einfach ein paar Jahre früher auf der grossen Bühne erschien. Okay, ich gebe zu: Das sind Extreme, die Studenten dazu bringen, sich Hilfe von Ghostwritern zu sichern. Aber auch das ganz normale Leben kann dafür sorgen, dass sich Zeitpläne in Wohlgefallen auflösen, Abgabetermine wie aus dem Nichts auftauchen und damit schnelle Hilfe vonnöten ist. Ghostwriter sind hier meist eine sehr gute Wahl um Anschluss zu halten.

    https://www.ghostwriter-arbeiten.de/ghostwriter-hilfe/

  10. Von Hanna Strunz am 25. September 2017

    Beim akademischen Ghostwriting ist Vorsicht geboten. Es ist eine schwere Entscheidung und sollte nicht voreilig und unreflektiert getroffen werden.
    https://www.writeservice.de/blog/ghostwriter-vergleich.html

  11. Von alejandra am 26. Juni 2018

    Ich persönlich habe nichts gegen Ghostwriting, manchmal braucht man wirklich professionelle Unterstützung.

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