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To go: Zum Davonlaufen

Von Camilla Lindner / 22. Januar 2015
S. Hofschlaeger / pixelio.de

Der Konsum von Essen und Getränken „zum Mitnehmen“ liegt im Trend. Die Ernährung muss sich dem Lebensstil einer modernen und mobilen Gesellschaft anpassen. Das geht nicht ohne Nebenwirkungen. Montag, kurz nach neun Uhr morgens, Hamburg, in einer Bäckerei. „Ein Latte to go“, sagt eine Frau laut und hackt etwas in ihr Smartphone. Sobald der Kaffee […]

Der Konsum von Essen und Getränken „zum Mitnehmen“ liegt im Trend. Die Ernährung muss sich dem Lebensstil einer modernen und mobilen Gesellschaft anpassen. Das geht nicht ohne Nebenwirkungen.

Montag, kurz nach neun Uhr morgens, Hamburg, in einer Bäckerei. „Ein Latte to go“, sagt eine Frau laut und hackt etwas in ihr Smartphone. Sobald der Kaffee in den isolierten Becher mit der Aufschrift „Enjoy your coffee“ geflossen ist, schüttet sie Zucker hinein, rührt mit einem kleinen Plastikstäbchen um und drückt den Plastikdeckel auf den Becher. Sie verlässt hektisch den Laden. Draußen strömen müde Gesichter in Richtung Bahnhof. In den Händen halten sie Pappbecher aller Größen und Farben.

6,4 Milliarden To-Go-Becher werden laut dem Naturschutzbund WWF jährlich alleine in Deutschland verbraucht, 500 Milliarden sind es weltweit. Nicht nur Ketten wie McDonald‘s und Starbucks füllen Kaffee in Pappbecher. Fast jedes Café bietet auch die Wegschmeiß-Variante an. Das bei der Produktion verwendete Kohlendioxid belastet das Klima massiv.

Laut dem Wuppertaler Institut Unep sind 2010 für den weltweiten Becherbedarf 9,4 Millionen Bäume abgeholzt sowie 5,7 Milliarden Liter Wasser und 293 Millionen Kilowattstunden Energie verbraucht worden.

Der Konsum im Gehen scheint dennoch im Trend zu sein. Er zeigt, dass man multitaskingfähig ist und vor allem einfach zu beschäftigt, um im Sitzen zu essen oder zu trinken. Zeit ist Geld. Während in Deutschland fast alle Cafés Getränke auch in Tassen anbieten, wird in den USA und England häufig ausschließlich in Einweggeschirr serviert.

Konsum mit Nebenwirkungen

Die Verpackungen von Kaffee und Co. sind nicht nur umweltschädigend, sie sind auch ungesund für den Konsumenten.

Umweltwissenschaftlerin und Geschäftsführerin Dr. Jane Mucke vom Food Packaging Forum in Zürich (Foto: privat)
Umweltwissenschaftlerin und Geschäftsführerin Dr. Jane Mucke vom Food Packaging Forum in Zürich (Foto: privat)

Die Chemikalien der Innenbeschichtung gehen in das heiße Getränk über. „Zwar müssen Hersteller garantieren, dass chemische Stoffe nicht in Mengen austreten, die gesundheitsschädlich sind“, sagt die Umweltwissenschaftlerin Jane Muncke, die die Stiftung Food Packaging Forum in Zürich leitet. „Dies bezieht sich aber auf Einzelstoffe und berücksichtigt nicht, dass manche Stoffe hormonell aktiv sind und möglicherweise schon in geringsten Mengen das Hormonsystem nachteilig beeinflussen.“

Zur Zeit liege der Fokus bei der Risikobewertung von Chemikalien auf der Schädigung der DNA. Hormonelle Effekte, die zu chronischen Erkrankungen wie Allergien, Diabetes, Krebs, Fruchtbarkeitsstörungen oder Übergewicht führen können, werden nicht routinemäßig untersucht. „Besonders bedenklich sind die in den Innenbeschichtungen enthaltenen fluorierten Stoffe, die eine lange Verweildauer haben und sich somit im Körper anreichern können“, so Muncke.

Dass sich auch der Geschmack des Kaffees durch den Kontakt mit Plastik und Pappe verändert, scheint viele Konsumenten nicht zu stören. „Ich will einfach nur einen warmen Kaffee in der Vorlesung haben. Wie der schmeckt, ist nicht wichtig“, sagt die 22-jährige Studentin Chen Liu. Meist gibt sie nicht mehr als einen Euro für den Kaffee aus.

Dr. Thorsten Sander, Gründer und Geschäftsführer von Inspe-ct (Foto: privat)
Dr. Thorsten Sander, Gründer und Geschäftsführer von Inspe-ct (Foto: privat)

„Wie Kaffee schmeckt, hängt hauptsächlich von der Maschine, der Bohne und dem Barista ab. Aber auch das sensorische Mundgefühl beim Trinken durch den Deckel beeinflusst das Geschmackserlebnis“, sagt Thorsten Sander, Gründer und Geschäftsführer von Inspe-ct. Seine Firma berät Unternehmen der Lebensmittel- und Getränkeindustrie. „Vor allem Heißgetränke in Bechern verändern je nach Material des Bechers ihren Geschmack durch die austretenden Stoffe“, so Sander.

Veränderung der Geschmacksnerven

Ist die neue To-Go-Gesellschaft durch den schnellen Konsum „geschmackstaub“ geworden? „Unsere Akzeptanz von Fast Food und To-Go verändert sich häufig durch psychologische Effekte wie Langeweile oder positives Gewöhnen durch regelmäßigen Konsum“, so Sander. „Durch den regelmäßigen Konsum verändern sich auch bestimmte Wahrnehmungsschwellen.“ Bei häufigem Genuss aus Pappbechern werde der Geschmack immer mehr als „normal“ wahrgenommen.

Das könnte so weit führen, dass das Essen in Restaurants gar nicht mehr geschätzt werden wird. „Es ist tatsächlich möglich, dass wir nicht mehr auf das Genusserlebnis reagieren werden“, sagt Sander. Sein Unternehmen hat mit Konsumententests untersucht, wie ein Lebensmittel, das üblicherweise in der Gastronomie verzehrt wird, für den Einzelhandel schmecken soll, wo es schon vergleichbare Produkte gibt.

„Das Ergebnis war, dass die Originalgerichte aus dem Restaurant gegen die Industrieware verloren hat, was wir mit der Gewöhnung an den Geschmack von Produkten im Handel erklärt haben.“

Supermarktketten reagieren auf den Wandel der Essgewohnheiten. Der Handelskonzern Rewe gründete 2011 „Rewe to go“. Der Schwerpunkt dieses Sortiments liegt auf verzehrfertigen Produkten wie Salat, Sandwiches, Sushi und Backwaren.

Der Discounter Penny, der zur Rewe-Gruppe gehört, reagierte mit der Linie „Penny to go“. Neben sogenanntem Convenience-Food („bequemes Essen“) bietet Penny Smoothies und Sandwiches zum Mitnehmen an. „Die Kundenresonanz ist sehr gut. Penny verzeichnet bei einigen dieser Produkte zweistellige Zuwachsraten“, so der Pressesprecher der Rewe-Gruppe, Andreas Krämer.

To-Go ist längst nicht mehr nur ein Produkt zum Mitnehmen. To-Go ist zu einem Lebensstil geworden. Dieser trifft auf den Lebensstil der Umweltbewussten. Während sich die einen für fair gehandelte Kaffeebohnen einsetzen, trinken die anderen weiterhin ihren To-Go-Kaffee, egal, woher die Bohnen kommen.

Gegenmaßnahmen

Doch es gibt auch Maßnahmen gegen den Abfallwahn von To-Go-Produkten. So produziert die australische Firma KeepCup seit 2009 erfolgreich Wiederauffüllbecher. Mit den stylischen farbigen Plastikbechern und einer Sonderedition aus Glas und Kork wollen sie einen Beitrag gegen die Wegwerf-Mentalität leisten. Die Verbraucherzentrale Hamburg startete im November 2014 die Kampagne „Der Becher soll gehen“. 700 Thermosbecher mit der Aufschrift „Der ist nicht von Pappe“ sowie Flugblätter sind schon an Passanten verteilt worden.

Was viele nicht wissen: Bringen die Kunden ihren eigenen Mehrwegbecher mit, bieten viele Cafés einen Preisnachlass an.

 

Eine Antwort zu “To go: Zum Davonlaufen”

  1. Von Chrisina am 6. Februar 2015

    Sehr interessanter Artikel. Ich habe letztens nämlich gedacht, dass mir der Kaffee aus dem Pappbecher nicht so gut schmeckt wie aus der Tasse.
    Unserer Gesellschaft ist das anscheinend ziemlich egal, wie was schmackt und was die „Nebenwirkungen“ sind. Wir sollten wirklich anfangen, uns einen Refill-Becher zuzulegen.
    Danke dafür!

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