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Herausforderungen für das Stromnetz

Von Sebastian Stachorra / 3. Dezember 2020
picture alliance / Goldmann | Goldmann

Droht Deutschland ein Blackout? Seit einigen Jahren warnen Netzbetreiber und Versicherer vor einem flächendeckenden, anhaltenden Stromausfall. Dabei deutet wenig auf eine solche konkrete Gefahr hin. Die Stromversorgung in Deutschland verändert sich – und wird dabei sicherer.

„Beim SAIDI steht Deutschland blendend dar“, sagt Andreas Fischer vom Institut der deutschen Wirtschaft. SAIDI steht für „System Average Interruption Duration Index“ und gibt an, wie lange Menschen in Deutschland im Durchschnitt ohne Strom waren. Laut Bundesnetzagentur erreichte Deutschland 2019 einen neuen Tiefststand: 12,2 Minuten. 2006 lag der Wert noch bei 21,53. Auch im europäischen Vergleich sind das ziemlich gute Werte.

Es ist noch nicht so lange her, da war der Roman „Blackout“ von Marc Elsberg ein Bestseller. 2012 war das. Elsberg beschrieb darin einen großflächigen Stromausfall, ausgelöst von Hackern, in dessen Folge etwa Nahrung knapp wird und Seuchen sich ausbreiten.

Die Warnungen vor einem Blackout fielen in die Zeit, als Deutschland ein zweites Mal ankündigte, die Atomkraftwerke abzuschalten. Denn damit das Stromnetz funktioniert, muss so viel Strom erzeugt wie verbraucht werden. Die Sorge: Die Energiewende könnte zur Bedrohung für die Versorgungssicherheit werden.

Stromnachfrage: planbare Grundlast und typische Verbrauchsspitzen

An dieser Stelle ist es hilfreich, kurz die Grundzüge des Energiesystems in Deutschland zu erklären. Knapp die Hälfte des erzeugten Stroms verbraucht die Industrie, also etwa große Fabriken. Gut ein Viertel verbrauchen Gewerbe, Handel und Dienstleistung, knapp ein Viertel private Haushalte. Ein großer Teil des Stromverbrauchs ist gut planbar, etwa wie viel Strom große Fabriken verbrauchen. Wenn die Menschen morgens aufstehen und Kaffee kochen und wenn sie nach Feierabend heimkommen, das Licht einschalten und kochen, verbrauchen die Haushalte mehr Strom als in der übrigen Zeit. Dadurch entstehen typische Verlaufskurven für die Stromnachfrage.

Stromerzeugung: Konventionell vs. Erneuerbar

Es gibt eine Vielzahl an Methoden der Stromerzeugung. Einige sind darauf ausgerichtet, dauerhaft und gleichmäßig Strom zu erzeugen. Atomkraftwerke etwa können nicht mal eben aus- und wieder eingeschaltet werden. Anders als Gaskraftwerke, deren Stärke genau darin liegt.

Atom-, Kohle und Gaskraftwerke liefern verlässlich viel Energie. Doch sie erzeugen auch viele schädliche Treibhausgase – außerdem kosten Kohle und Gas Geld. Erneuerbare Energien (vor allem Wind und Sonne) sind dagegen kostenlos, aber weniger planbar. Es gab in den vergangenen Jahren Tage mit so viel Wind und Sonne, dass mehr Strom erzeugt als verbraucht wurde. Deutschland musste anderen Ländern dann sogar Geld dafür bezahlen, diesen Strom zu verbrauchen – andernfalls wäre die Netzstabilität in Gefahr gewesen.

Weitere aktuelle Infografiken auf einen Blick finden sich unter https://www.agora-energiewende.de/service/agorameter/chart/matrix/22.11.2020/29.11.2020/

Stromspeicher und flexibler Verbrauch

Deutschland steigt bald aus der Atom- und Kohleenergie aus. Was ist aber, wenn die Sonne im Winter wenig scheint und auch kaum Wind weht? Muss Deutschland dann Strom aus dem Ausland importieren? Konventionellen Strom, der in Kohle- und Atomkraftwerken erzeugt wird?

Nicht unbedingt, sagt Andreas Fischer, der sich mit der Energiewende im Stromsektor beschäftigt: „Jedenfalls nicht, wenn Deutschland die Erneuerbaren Energien aus- und ausreichend Stromspeicher baut.“ Theoretisch und technisch sei das möglich, „aber ob es auch ökonomisch und politisch umsetzbar ist, das ist die eigentliche Frage.“ Stromspeicher in diesen Größenordnungen sind teuer. Ein Teil der Lösung wäre, dass Privathaushalte und Unternehmen für den eigenen Verbrauch solche Speicher bauen.

Außerdem denkbar und besonders unter Ökonom*innen gern diskutiert: flexible Strompreise. Die Idee dahinter ist, dass der Stromverbrauch auf die Erzeugung angepasst wird. Ein klassisches Beispiel ist Wäschewaschen. Viele Menschen waschen gerade dann Wäsche, wenn bereits viel Strom verbraucht wird, etwa nach Feierabend. Wenn der Strom in dieser Zeit teurer ist, hätten sie einen Anreiz, zu einer anderen Zeit zu waschen, etwa dann, wenn besonders viel Strom erzeugt, aber nur wenig verbraucht wird. Für Haushalte ist das noch Zukunftsmusik, für große Industriefirmen hingegen bereits möglich.

Erneuerbare Energien sind günstig – und senken damit den Strompreis

2019 wurden 42 Prozent des Stroms in Deutschland von Erneuerbaren Energien erzeugt. Dass dieser Anteil wächst, führt zu sinkenden Preisen an der Strombörse. Die Preise dort richten sich nach den Betriebskosten. Einmal aufgestellt, sind Wind- und Solaranlagen billig, Kohle hingegen ist teurer: im Einkauf und weil das erzeugte CO2 seit einigen Jahren Geld kostet. Die Corona-Krise sei für Ökonom*innen vor diesem Hintergrund spannend gewesen, erzählt Fischer. „Die Stromnachfrage ist im Frühling deutlich zurückgegangen. Dadurch stieg der Anteil der Stromerzeugung aus Erneuerbare Energien – und Kohleverstromung wurde ohne Verbotsmaßnahmen aus dem Markt gedrängt.“ Noch im Sommer hatte der Bundestag im Kohleausstiegsgesetz auch Entschädigungen für Kohlekonzerne beschlossen.

Warum ist der Strom für Verbraucher*innen in Deutschland so teuer?

An der Strombörse kostet Strom derzeit ungefähr vier Cent pro Kilowattstunde. Der Preis für Verbraucher*innen liegt im Durchschnitt hingegen bei 30 Cent. Das können einige Faktoren erklären.

Häufig diskutiert wird die EEG-Umlage. Damit Erzeuger*innen einen Anreiz haben, Erneuerbare Energien auszubauen, wurden feste Vergütungen für die Stromerzeugung festgelegt. Dieses Geld bezahlen die Verbraucher*innen über die EEG-Umlage, die derzeit bei knapp sieben Cent pro Kilowattstunde liegt. „Allerdings sind die festen Vergütungen zeitlich befristet und sind für neue Anlagen deutlich geringer“, erklärt Fischer. In einigen Jahren enden die teuren festgeschriebenen Vergütungen alter Anlagen und dann würden die Kosten für die EEG-Umlage sinken. Ein weiterer Bestandteil des Strompreises sind die Netzentgelte, die dafür verwendet werden, Stromleitungen zu bauen und instand zu halten. Auch diese steigen, weil durch die Energiewende mehr Leitungen gebaut werden müssen – insbesondere vom Norden, wo Windkraftanlagen im Meer viel Strom erzeugen und in den Süden Deutschlands schicken wollen. Fehlen hierfür benötigte Leitungen, kann der erzeugte Strom nicht dorthin gelangen, wo er gebraucht wird. Das führte beispielsweise zu Beginn des Jahres dazu, dass Strom aus der Windenergie nicht genutzt werden konnte, aber trotzdem vergütet werden musste.

Und schließlich steigt der Strombezugspreis für Endkunden – obwohl die Preise an der Strombörse gesunken sind. „Die fallenden Börsenstrompreise kommen bisher nicht bei den Haushalten an, dies wurde bereits in den vergangenen Jahren kritisiert“, sagt Fischer.

Deutschland braucht also noch mehr Erneuerbare Energien, mehr Stromspeicher und mehr Stromleitungen. So wird die Erzeugung dezentraler, der Verbrauch flexibler. Und die Strompreise dadurch möglicherweise auch wieder günstiger. Nochmal konkret gefragt: Könnte es in diesen Umbrüchen auch zu Stromausfällen kommen? Fischer gibt sich optimistisch. In den vergangenen Jahren habe es keine Hinweise darauf gegeben. Er sagt aber auch: „Die wirkliche Herausforderung erfolgt allerdings, wenn weitere konventionelle Erzeugungskapazitäten vom Netz gehen“.

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