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Hurra, alles wird digital!

Von Barbara Engels / 14. Juli 2016
Credits: idealisms/ flickr: "Digital"; Lizenz CC BY-SA 2.0

Wir haben allen Grund, Digitalisierungsoptimisten zu sein, denn Digitalisierung hat viele Vorteile. Auch wenn wir diese manchmal erst auf den zweiten Blick erkennen.

Zugegeben, die Digitalisierung hat Nachteile. Zum Beispiel erhöht sie die Wahrscheinlichkeit, dass ich mit einem Laternenpfahl zusammenstoße. Als sogenannte Smombies, einer Mischung aus Smartphone und Zombie – übrigens Jugendwort des Jahres 2015 – sind wir ständig erreichbar, den Blick stets auf das Handydisplay gerichtet. Aber die Digitalisierung hat auch viele Vorteile, deshalb lohnt es sich, ihr offen und optimistisch zu entgegenzutreten. Wenn wir ein paar Dinge beachten.

Erste These: Online-Plattformen lassen uns enger zusammen rücken.

Online-Plattformen wie soziale Netzwerke, Suchdienste und Handelsplattformen bestimmen schon jetzt unseren Alltag – und bereichern ihn. Angebot und Nachfrage können in vielen Fällen besser zusammengebracht werden. Wer gerne eine Nacht im Baumhaus in Kuala Lumpur verbringen will, kann heute relativ leicht ein solches Angebot finden. In der sogenannten kollaborativen Wirtschaft arbeiten wir heute viel enger zusammen: Wer einen Bohrer übrig hat, verleiht ihn an einen Unbekannten, wer zu viele Äpfel geerntet hat, findet garantiert dankbare Abnehmer. Alles organisiert über Online-Plattformen. Gemeinschaft ist längst nicht mehr beschränkt auf die direkte Umgebung, denn das Internet lässt uns unsere Bedürfnisse besser abgleichen.

Viele Menschen sind dennoch beunruhigt über die Entwicklung dieser Plattformen, weil sie schnell sehr groß werden, siehe Google und Facebook. Doch das lässt sich schlecht vermeiden. Durch das Internet intensiviert sich der Wettbewerb, Preis- und Produktvergleiche werden einfacher und Märkte größer. Oft korrigiert sich der Markt auch selbst: Innovatoren ersetzen langjährige Marktführer, so geschehen beispielsweise bei MySpace oder AltaVista.

Viele Politiker und auch Ökonomen missachten leider die Besonderheiten digitaler Märkte, wenn sie Regeln für diese aufstellen. Ein Beispiel: Die EU-Datenschutzgrundverordnung sieht vor, dass personenbezogene Daten zukünftig von einer Plattform auf die andere übertragen können werden sollen – das nennt sich dann Recht auf Datenübertragbarkeit. So, wie es in der Datenschutzgrundverordnung steht, betrifft die Regelung Garagen-Startups genauso wie etablierte Monopolisten.

Das kann dazu führen, dass das Startup nicht mehr überlebensfähig ist, weil es sich nicht leisten kann, sein Geschäftsmodell so zu planen und zu programmieren, dass die Daten übertragbar sind. Dann sinken das Wettbewerbsniveau und die Innovationsaktivität. Deshalb ist es wichtig, differenzierte Regeln für digitale Märkte zu entwickeln und diese auch entsprechend nuanciert zu interpretieren. Spezielle Marktcharakteristika wie Netzwerkeffekte und die Verfügbarkeit von Daten müssen unbedingt beachtet werden.

These zwei: Große Datensätze ermöglichen maßgeschneiderte Produkte und optimieren Prozesse – wenn sie auswertbar sind.

Mit der Zunahme der Vernetzung aller Lebensbereiche werden immer mehr und immer schneller massenhaft Daten erhoben. Jedes Jahr steigt die weltweite Datenmenge um mehr als 20 Prozent. Wenn diese Daten qualitativ hochwertig sind, also beispielsweise möglichst wenig verfälscht, können Unternehmen ihre Produkte und Dienstleistungen optimieren und den Kundenwünschen anpassen. Wenn ich bei Google „Ebert und Berlin“ eingebe und auf keinen der vorgeschlagenen Links klicke, stattdessen wieder suche und „Friedrich-Ebert-Stiftung Berlin“ eingebe und dann fündig werde, registriert Google den vergeblichen Suchversuch und ändert seinen Suchalgorithmus entsprechend.

Ein bekanntes Beispiel der Prozessoptimierung auf Datenbasis ist UPS, der seine Lieferwagen mit Zehntausenden von Sensoren ausgestattet hat. Die Lokationsdaten werden mit Informationen über die Verkehrslage und neue Aufträge kombiniert, was eine kontinuierliche Routenoptimierung ermöglicht.

Die Unmengen von Daten können Unternehmen allerdings nur sinnvoll nutzen, wenn sie interpretierbar sind. Momentan sammeln viele Firmen Daten, ohne zu wissen, wie sie sie auswerten können. Im Netz eine bestimme Information zu suchen, ist vergleichbar mit dem Versuch, einen Schluck Wasser aus einem Feuerwehrschlauch zu nehmen.

Dritte These: Der deutsche Mittelstand hinkt der Digitalisierung hinterher.

Einer Studie des BDI zufolge könnte sich das zusätzliche Wertschöpfungspotenzial in der deutschen Industrie bis 2025 auf 425 Milliarden Euro beziffern. Dafür muss der Mittelstand allerdings eine ordentliche Schippe Digitalisierung drauflegen. Im Vergleich zu (internationalen) Großunternehmen liegen deutsche Mittelständler bei der Digitalisierung weit hinten. Der Grund: Oft wissen die Unternehmer nicht, wie sie die Digitalisierung betrifft oder betreffen könnte oder sie sehen keine Notwendigkeit, über digitale Technologien nachzudenken.

Manchmal liegt dem mangelnden Digitalisierungswillen auch schlicht ein als Schnittstellenproblematik bezeichnetes Hindernis zugrunde: Warum soll ich mich digital aufstellen, wenn mein Kunde sowieso per Fax bestellt?

These vier: Die Cyberwelt ist die Achillesferse westlicher Nationen, deshalb muss IT-Sicherheit künftig einen viel höheren Stellenwert einnehmen.

Respekt vor der Digitalisierung: Ja, aber bitte an der richtigen Stelle! IT-Sicherheit ist in vielen Köpfen noch nicht so präsent, wie sie sein sollte. Wenn alles digital miteinander vernetzt ist, kann auch alles digital angegriffen werden. Dem tragen die Sicherheitsmaßnahmen in unserem Alltag nicht Rechnung – man denke nur mal an das eigene Passwörterdilemma.

Peter Henzler, Vizepräsident des BKA, sprach auf der Potsdamer Konferenz für Nationale CyberSicherheit von mehr als 46.000 sogenannten Cybercrime-Fällen im Jahr 2015 und 245.000 Fällen mit dem Tatmittel „Internet“. Wir können davon ausgehen, dass diese Zahlen nur etwa zehn Prozent der tatsächlichen Vorfälle ausmachen. IT-Sicherheit muss wie der Gurt im Auto werden: selbstverständlich und unabdingbar. Und vor allem: verlässlich.

Kurzum, wenn wir sie sicher und mutig angehen, kann die Digitalisierung uns enormen Nutzen bringen.

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