Twitter Icon Facebook Icon

„Ich bin gerne Deutsche, Türkin, Araberin“

Von Diana Knezevic / 26. Mai 2015
privat

Gönül Kilisli-Meyer (50) ist eine selbstbewusste, moderne Frau mit arabischen Wurzeln. Als sie sieben Jahre alt war, holte ihr Vater sie aus der türkisch-syrischen Grenzregion nach Deutschland. Aufgewachsen ist sie aber im aufzehrenden Kampf mit den verschiedenen Erwartungshaltungen mehrerer Welten und Kulturen.

Für die meisten Migranten ist die Umsiedlung nach Deutschland mit unendlich schmerzhaften Erfahrungen verbunden. So auch für Gönül Kilisli-Meyer. Ihre Geschichte ist die beispielhafte Geschichte einer der ersten türkischen Frauen in der Bundesrepublik der 1970er Jahre, geprägt von Angst und Unsicherheit, von Rebellion und Widerstand, Demut und Dankbarkeit. Ihr jetziges Leben in Freiheit und Frieden verdankt sie einzig ihrem starken Willen sowie ihrem ständigen Streben nach Gerechtigkeit.

Gönül Kilisli-Meyer, links, mit ihren Geschwistern und Eltern, vor dem Umzug nach Deutschland. (Foto: privat)
Gönül Kilisli-Meyer, links, mit ihren Geschwistern und Eltern, vor dem Umzug nach Deutschland. (Foto: privat)

Als die siebenjährige Gönül mit der Mutter Besime und den drei Geschwistern 1972 aus der Türkei zu ihrem Vater Ibrahim nach Dortmund kommen sollte, waren ihre Vorfreude und die Neugier auf Deutschland nicht zu bändigen. Diese Reise versprach ein echtes Abenteuer zu werden. Ihr Leben in der neuen Heimat sollte bunt und schillernd sein. So malte sich das junge Mädchen seine Zukunft zumindest aus. Denn alles, was sie bis dahin von dem fremden Land vernommen hatte, sollte besser sein als die ärmlichen Verhältnisse, aus denen ihre alevitische Familie aus der Provinz Hatay stammt.

„Wenn ich groß bin, will ich blond sein“

„Doch das änderte sich schlagartig, als wir in Deutschland ankamen“, so Kilisli-Meyer heute. Hier schlugen ihre Hoffnungen schnell in Enttäuschung und quälende Sehnsucht nach der alten Heimat um. Sie hatte Oliven- und Feigenbäume, Orangenplantagen, Wasserfälle, wild wuchernde Gärten, den Duft von Lehmöfen und „ein Dorf mit den leckersten und dicksten Trauben der Welt“ gegen wenig Attraktives getauscht: gegen einen grauen Himmel und die im Ruhrgebiet üblichen Betonwüsten. Nur Kleinigkeiten in dieser neuen Welt erschienen ihr erstrebenswert, meint sie heute lächelnd. „Für mich war klar: Wenn ich groß bin, will ich Weihnachten feiern und blond sein.“

Gönül Kilisli-Meyer erinnert sich, dass ihre Eltern in Deutschland plötzlich viel strenger waren als in ihrem türkischen Heimatdorf. Sie duldeten nicht, dass das junge Mädchen mit zunehmenden Alter und besseren Sprachkenntnissen nach Unabhängigkeit strebte. „Meine guten schulischen Leistungen und meine Weltoffenheit lösten bei meiner Familie eine irrationale Angst aus“, erklärt sie das damalige Verhalten ihrer Eltern, mit denen sie heute wieder ein versöhnliches Verhältnis pflegt.

Vater Ibrahim arbeitete damals bei Hoesch im Schichtdienst, die Mutter Besime als Putzfrau in der Westfalenhalle. So blieb die Erziehung der jüngeren Geschwister Gönül überlassen. Aber während Gönüls Brüder alles tun durften, was westliche Jugendliche taten, blieb der Bewegungsradius des Mädchens streng auf die Schule und den Haushalt begrenzt.

Schule als Freiheit

Der Kontakt zu Schulkameraden in der Freizeit wurde ihr verboten. Die Eltern redeten der hübschen Tochter sogar ein, dass sie hässlich sei. Gönüls verzweifelte Versuche, sich mit logischen Argumenten gegen all die Einschränkungen zu widersetzen, mündeten oftmals in hilfloser Härte der Eltern. „Erst mit 14 Jahren begann ich eine leise Ahnung davon zu haben, welches Glück ich dennoch hatte, als Frau in diesem Land aufzuwachsen und zur Schule gehen zu können“, sagt Kilisli-Meyer. „Ich liebte die Schule. Sie war meine Freiheit.“

Bei lebendigem Leibe begraben

Diese Freiheit fand jedoch ein jähes Ende. Als Gönül 15 Jahre alt wurde, brach für sie eine Welt zusammen. Aus Angst, das Mädchen könnte Schande über die Familie bringen, arrangierten die Eltern während eines Türkei-Urlaubs die Verlobung mit einem 19-jährigen Cousin, den Gönül bis dahin wenige Male gesehen hatte. „Meine Eltern wollten nur das Beste, doch für mich war es ein Albtraum“, weiß sie es heute in Worte zu fassen. „Es fühlte sich an, als würde man mich bei lebendigem Leibe begraben. Mein Leben“, so beschreibt sie es, „war zu Ende.“

Mit List und Tücke konnte sie die Hochzeit allerdings in eine unbestimmte Zukunft verschieben. Gönül bestand darauf, erst ihr Abitur machen zu dürfen und danach ihre Ausbildung als Rechtsanwalts- und Notargehilfin zu beenden, bevor sie den Cousin heiraten würde. Auf diese Weise gewann sie wertvolle Zeit. Dabei wusste sie längst, was sie wirklich wollte: ein selbstbestimmtes Leben, einen Partner, den sie sich selbst aussuchen wollte, und einen Beruf, der ihr die lang ersehnte Unabhängigkeit ermöglichen sollte.

Flucht zu Freunden

„Als ich mich schlussendlich weigerte, den Cousin zu heiraten, explodierte die Bombe“, beschreibt sie das Drama, das sich nach ihrer Absage abspielte. „Meine Eltern waren außer sich und schlugen hilflos auf mich ein, sodass ich das erste Mal Todesangst bekam“, sagt Kilisli-Meyer. Dies war der Zeitpunkt, an dem sie beschloss, zu einem Bekannten zu fliehen, bei dem ihre Familie sie nie vermutet hätte. Sie stellte ihre Eltern vor ein Ultimatum: Bevor sie die Verlobung nicht lösen würden, würden sie sie nicht mehr wiedersehen, erklärt sie ihren damaligen Befreiungsschlag.

Das bedeutete für die junge Frau allerdings auch, mit den Menschen zu brechen, die sie trotz allem liebte – und auch irgendwie verstehen konnte. „Es bedeutete, mit Angst und Schuldgefühlen zu leben und wie eine Aussätzige, trotz Jungfräulichkeit, als Hure behandelt zu werden“, so Kilisli-Meyer.

Es war ihr Vater Ibrahim, der angesichts des Ultimatums in die Türkei reiste und die Verlobung unter schandvollen Vorwürfen seitens der Familie des Cousins auflöste, wofür Gönül ihm heute noch Hochachtung bekundet. In muslimischen Kreisen ist die Auflösung einer Verlobung eigentlich undenkbar. Aber so kehrte Gönül zu ihrer Familie zurück.

Der steinige Weg in die Unabhängigkeit

Gönül Kilisli-Meyer arbeitet als freie Dozentin zum Thema interkulturelle Kommunikation mit Lehrern, Erziehern sowie Sozialpädagogen. (Foto: privat)
Gönül Kilisli-Meyer arbeitet als freie Dozentin zum Thema interkulturelle Kommunikation mit Lehrern, Erziehern sowie Sozialpädagogen. (Foto: privat)

Mit 26 Jahren studierte die starke, junge Migrantin dann Diplompädagogik. Heute ist sie eine freie Dozentin für Lehrer, Erzieher sowie Sozialpädagogen, und sie arbeitet viel mit Kindern und Jugendlichen in Problemsituationen. Eines ihrer Spezialthemen ist „Interkulturelle Kommunikation“ – ein Bereich, in dem sie aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen authentisch Wissen vermitteln kann. Doch der Weg bis zu ihrer Unabhängigkeit war steinig, hart und voller Hindernisse. Ihr Aufbegehren gegen all die Widerstände hat sich jedoch am Ende gelohnt.

Inzwischen ist Gönül seit 21 Jahren glücklich mit einem Deutschen verheiratet und die beiden haben einen nunmehr erwachsenen Sohn. Doch bis zu ihrer Ankunft in der bundesrepublikanischen Gesellschaft, die man sicher als „vorbildhafte Integration“ bezeichnen könnte, bestand Gönüls Jugend und ihr junges Erwachsenendasein aus lauter Widersprüchen, die ihr völlig unverständlich erschienen.

Ein Gehirn, eine Stimme und viele Worte

Heute sagt sie stolz von sich: „Ich bin gerne Deutsche, Türkin und Araberin. Von allem etwas, mal mehr, mal weniger.“ Im Grunde sei sie eine Kosmopolitin. Das fühle sich jetzt gut an, sehr bereichernd und vielfältig. „Ich habe ein Gehirn, eine Stimme und viele Worte. Ich habe Deutschland viel zu verdanken und ich bin sehr glücklich, dass ich hier leben kann.“

Sie blickt mit Zufriedenheit auf ihr jetziges Leben: „Ich habe einen wunderbaren deutschen Mann, ein tollen Sohn und eine türkisch/arabische Familie, die es mittlerweile auch so sieht. Ich habe alle Freiheiten: Ich darf die sein, die ich bin, und ich darf wachsen. Sogar in meiner ursprünglichen Heimat Antakya bin ich jetzt eine angesehene Person, deren Meinung gerne gehört wird. Dafür, dass sie mich damals töten wollten, ist es eine schöne Wendung.“ Diese Entwicklung ist für sie immer noch unglaublich. „Vermutlich“, überlegt sie, „brauchten sie einfach viel Zeit, Begleitung und Erfahrung, um die vielfältigen Lebensentwürfe um sie herum zu akzeptieren.“

Vielfalt ist wie ein Blumenstrauß

Und vielfältige Lebensentwürfe bedeuten für die erfolgreiche Dozentin, dass jeder so leben darf, wie er möchte. „Nicht nebeneinander, sondern miteinander“, ergänzt sie. „Man sollte die Vorzüge und Qualitäten jedes Einzelnen wie eine Blume betrachten, und die verschiedenen Blumen werden in der Gemeinschaft dann zu einem bunten Blumenstrauß.“ Das ginge in einer Stadt wie Köln, wo sie heute mit ihrer Familie lebt, besser als auf dem Land, doch mit der Überwindung der Angst vor allem Fremden sei die deutsche Gesellschaft auf einem guten Weg.

Mehr Bildung für ein friedliches Miteinander

Von Deutschland wünscht sich Kilisli-Meyer, dass sich die Politiker verstärkt für eine flächendeckende Bildung einsetzen. Eltern müssten dabei unterstützt werden, ihren Kindern umfangreiches Wissen zu vermitteln, das sie für ein friedliches Miteinander in einer multikulturellen Gesellschaft brauchen. „Auch wir Deutsche mit ausländischen Wurzeln müssen Stellung beziehen“, so Kilisli-Meyer. „Wir müssen uns mehr einmischen, Brücken bauen, erklären und mehr Verantwortung übernehmen.“

Nur so könne eine gesunde Lebensqualität entstehen, die für die Migrantin persönlich bedeutet, in Deutschland in Freiheit leben zu können. „Privat, beruflich und menschlich. Wenn ich das im Vergleich zu anderen Ländern betrachte, finde ich es hier wunderbar.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ähnlicher Artikel

Hintergrund

Anekdoten aus dem Leben einer Ostdeutschen

Manche Menschen glauben, dass wieder öffentlich gewordener Rassismus in Deutschland sich überwiegend an Geflüchtete richtet. Ich wurde hier als Deutsche geboren, in der ehemaligen DDR. So erlebe …
Von Hilistina Banze / 25. September 2018

Zufalls Artikel

Meist Kommentierter Artikel

#2017plus

Nicht erst, wenn es zu spät ist

Wer sich weiterbilden will, der könnte schon bald Geld dafür bekommen – eine neue FES-Studie zeigt, wie aus der Arbeitslosen- eine Arbeitsversicherung werden könnte. Eine …
Von Alex Wolf / 5. Mai 2017