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Rückbesinnung auf die Höhlenmalerei

Von Pauline Reinhardt / 22. November 2023
picture alliance / dpa | ©virginie Nguyen Hoang/Wostok P

Wie Kunst im öffentlichen Raum Proteste unterstützen kann, zeigt eine Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg.

„Be with the Revolution“ („Sei mit der Revolution“) lautet der Titel der Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MK&G). Dieser Aufforderung nachzukommen ist ein Leichtes. Verarbeitet wird die Situation, wie sie 2011 auf den Straßen in Tunesien, Syrien und Ägypten sowie 2019 im Irak und Libanon herrschte. Neben arabischer Musik hört man die vertraute Melodie des italienischen Partisanenlieds „Bella Ciao“. An den Wänden hängen deutsch-, englisch- und arabischsprachige Flugblätter zum Abreißen und Mitnehmen. Und dann ist da noch die bildermächtige Kunst, ungerahmt und direkt auf die Wände gesprüht, gemalt oder mit Stickern aufgeklebt.

‚Nein‘ zu einem neuen Pharao

Dr. des. Tobias Mörike ist Kurator dieser Ausstellung. Anlass für einen Rückblick auf die visuellen Strategien des Arabischen Frühlings sei das zehnjährige Jubiläum der Protestbewegung gewesen.

Mörike erzählt, dass der öffentliche Raum in Kairo vor der Revolution wenig genutzt worden sei: „Die Proteste haben neue Räume geschaffen und in Anspruch genommen.“ Die Kunst bespielte auf einmal eben diese Räume. Wer das Haus verließ, wurde mit öffentlicher Kunst konfrontiert. Das galt umso mehr, je massiver die Menschenmenge auf den Demonstrationen in Erscheinung trat.

Einen weiteren wichtigen Grund für das Erstarken der Kunst nennt die ägyptische Künstlerin Bahia Shebab in dem Dokumentarfilm „Nofretetes Töchter“ von Mark Nickolas. Die Street Art während des Arabischen Frühlings sei eine Art Rückbesinnung auf die Höhlenmalerei gewesen, so Shebab. Mit der Einschränkung bzw. Abschaltung des Internets konnte nur noch unmittelbar auf der Straße miteinander kommuniziert werden durch Worte – oder Bilder.

Die damals 34-Jährige nutzte beides, um ihre Antwort auf die Verhältnisse unter dem Autokraten Husni Mubarak zu gestalten. Sie sammelte 1.000 verschiedene Schriftzüge des arabischen Wortes „Nein“ und schrieb an die Wände der Stadt, wogegen sie protestierte: „’Nein‘ zu Militärherrschaft, ‚Nein‘ zu Bücherverbrennungen, ‚Nein‘ zu einem neuen Pharao.“

Eigenleben der Bilder, weltweit

„Die Kunst hat als Kommentar der Proteste eine ganz wichtige Rolle gespielt“, stellt Mörike mit Bezug auf diese Bilder fest. Die Kunst habe konkrete Ereignisse in den Blick genommen, diese reflektiert und kritisiert, aber auch Informationen weitergegeben.

Anleitung zum Demonstrieren: Flugblätter des ägyptischen Künstlers Ganzeer (Foto: Pauline Reinhardt)

Denn Street Art ist leicht reproduzierbar, insbesondere wenn sie mit Schablonen gesprüht wird oder die Motive im Internet verbreitet werden. „Viele Bilder haben ein Eigenleben geführt“, so Mörike. Das zeigt sich am Beispiel des Leitfadens zum Verhalten auf Demonstrationen, den der ägyptische Künstler Ganzeer zusammenstellte. Dass er selbst den Einfluss dieser Anleitung eher gering einschätzte, können die Besucher*innen einem Flugblatt in der Ausstellung entnehmen. Nur kurz nachdem er „How to revolt intelligently“ („Wie man auf intelligente Weise rebelliert“) per E-Mail verbreitet hatte, wurden in Ägypten Internet und Telefonnetz abgeschaltet.

2014 tauchte eine Übersetzung dieses Leitfadens bei ukrainischen Demonstrationen gegen die Annexion der Krim auf. Ab da war klar, dass Street Art nicht nur reproduzierbar ist, sondern, in andere Sprachen übersetzt, in einer Welt voller Proteste über (Sprach-)Grenzen hinaus relevant werden kann.

Protestkunst versus Kommerz

Es bleibt aber dabei: Mit Street Art lässt sich kaum Geld verdienen. Das sei auch gar nicht die Intention der meisten Künstler*innen, sagt Mörike. „Das sind alles idealistische Projekte.“

Die bekannteste politische Street Art stammt sicherlich von Banksy, einer anonymen Person, die vor allem in Großbritannien aktiv ist, deren Murals aber auch in den USA, Frankreich und Deutschland aufgetaucht sind – und mittlerweile auch in der arabischen Welt, wie die Friedenstaube in Bethlehem zeigt.

Selbst Banksy verdient nur selten Geld mit diesen Projekten und lehnt die elitäre Kunstwelt ab. Mörike sieht dennoch einen Unterschied zwischen Banksys Kunst und den Street Artists in der arabischen Welt. „Demokratie ist etwas, das wir in Europa nicht in dieser Form verhandeln müssen, deswegen besteht bei uns weniger Dringlichkeit für provokative Protestkunst.“

Neoliberale Urbanisierung statt konfrontativer Kunst

Die Bedeutung (und Wirksamkeit) der Kunst zeigt sich in der Brutalität, mit der gegen sie vorgegangen wird. „Sehr viele Bilder sind aus den sozialen Medien verschwunden, es gab regelrechte Säuberungen“, erzählt Mörike. „Außerdem zensieren sich die Künstler*innen selbst. Ein Künstler, den wir sehr gerne eingeladen hätten, wollte sich aus Sorge um seine Familie nicht einbringen.“

Auch der Tahrir-Platz in Kairo, der während der Revolution erste Anlaufstelle für die Demonstrationen und Präsentationsfläche für zahlreiche Kunstwerke war, zeigt (via Google Street View) heute nur leere Wände. Mörike zufolge findet dort derzeit eine neoliberale Urbanisierung statt, die Autos und Shoppingmalls in den Mittelpunkt stellt.

In der Ausstellung wirken die von den Mauern und Hauswänden sowie aus den sozialen Medien verschwundenen Kunstwerke weiter. Dort sind die arabischen Künstler*innen vereint, von denen heute viele im Exil in Europa oder den USA leben.

Bahia Shebab ist in Ägypten geblieben. Auf einem Flugblatt in der Ausstellung schreibt sie: „Unsere einzige Aufgabe besteht nun darin, die Erinnerung zu bewahren, allen Ablenkungsmanövern zum Trotz. Dabei wird das Überleben zu einem Akt des Widerstands.“

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