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In einer ganz eigenen Welt

Von Camilla Lindner / 22. September 2016
Camilla Lindner

Studentenwohnheime sind oft Dörfer für sich. Ob man sich dort jedoch wohlfühlt, entscheiden die unterschiedlichsten Faktoren.

Der 28-jährige Jakob nennt ein Studentenwohnheim sein Zuhause. Schon seit fünf Jahren lebt er im Studentenwohnheim Vilhelm Kiers Kollegium in Dänemarks zweitgrößter Stadt Aarhus. Sein Zimmer umfasst 20 Quadratmeter, inklusive Badezimmer. Küche und das Wohnzimmer teilt er sich mit 14 anderen jungen Menschen. Der Austausch mit anderen Studierenden ist ihm wichtig. „Ich mag es sehr, mit so unterschiedlichen Menschen hier zu leben. Ich könnte nie alleine in einer Wohnung leben“, meint Jakob.

Das Studentenheim in Aarhus liegt um die fünf Kilometer entfernt von der Innenstadt. Es wurde in den 70er Jahren gebaut und bietet 630 Menschen Platz. „Als ich hier das erste Mal hergekommen bin, habe ich gedacht, ich bin in einem Barackenlager gelandet“, erzählt Jakob. Die Wohnhäuser sind geometrisch angebaut,alle haben die gleiche Form. Im Keller sind die Waschräume, in denen vor allen Dingen am Wochenende die Waschmaschinen und Trockner auf Hochtouren laufen.

Studentenwohnheime sind oft äquivalent zu kleinen Dörfer. Zwar gibt es keinen Supermarkt im Vilhelm Kiers Kollegium, jedoch eine Bar, ein Fitnesszentrum und den Hausmeister bei dem man sich Werkzeug ausleihen kann oder der sich um verstopfte Rohre oder Tierplagen wie Mehlwürmer in der Küche kümmert. „Die Architektur ist nicht sehr schön in unserem Wohnheim“, sagt Jakob. „Aber mir war es wichtig, dass ich ein recht großes Zimmer für einen angemessenen Preis habe und dass es hier ein soziales Leben gibt.“

Aktivation, Interaktion und Entwicklung

Der Psychologe Alfred Lang beschreibt mit seinem Konzept der Mensch-Umwelt-Regulation, welche Faktoren in einer Umgebung Ausschlag geben auf unser Wohl- befinden. Die drei Ebenen nennt er Aktivation, Interaktion und Entwicklung. Aktivation ist ein meist unbewusster Prozess, der durch das Leben in einem Wohnraum einsetzt. So wirkt sich zum Beispiel der Ausblick aus dem Fenster auf eine Grünfläche positiver auf uns aus, als der Blick auf eine Betonwand. Aber auch Faktoren wie Sauberkeit spielen eine wichtige Rolle. Im Vilhelm Kiers Studentenheim müssen alle Anwohner regelmäßig putzen, die befragten Anwohner fühlen sich generell wohl.

In anderen Teilen Europas stellen sich die Lebensverhältnisse für Studierende deutlich härter dar. In Mazedoniens größtem Studentenwohnheim stürzte Medienangaben zufolge ein Fahrstuhl aus dem achten Stock ungebremst zu Boden. Warum ist bis heute nicht klar. Und selbst wenn Katastrophen wie diese nicht auf der Tagesordnung stehen: Schimmel und der Mangel an Warmwasser gehört in den maroden Unterkünften zum Alltag.

Dabei dürfte keinen überraschen, dass Faktoren wie Unsauberkeit oder auch Lärm von Menschen negativ aufgenommen werden. Rebekka Gerlach, Psychologin an der Universität Berlin, weiß auch, dass sich die wenigsten Menschen an solche Zuständein ihrer Umgebung gewöhnen. Gerlach beschäftigt sich mit Littering – Verschmutzung in Städten, und erforscht die Auswirkung auf die Menschen.. „Die Gestaltung städtischer Räume hat einen erheblichen Einfluss auf unser Wohlbefinden“, so ihr Fazit.

Langs zweite Ebene der Interaktion bezieht sich auf die sozial-regulative Funktion der Wohnumwelt. Bauliche Merkmale wirken sich hier interessanterweise auch auf die Kommunikation aus. Gesellschaftsräume fördern so zum Beispiel den Austausch untereinander durch das Verweilen im Wohnzimmer. Im Vilhelm Kiers Wohnheim leben auf einem Flur 15 Menschen, bei zweien handelt es sich immer um internationale Studierende, den Rest der Plätze füllen Dänen. „Ich habe bestimmt schon Menschen aus 30 Ländern auf meinem Flur kennen gelernt“, sagt Jakob. „Das Schöne ist, dass ich somit mein Englisch auffrischen kann und gewisse Stereotypen sich häufig nicht bestätigen“. Selten aber kommen alle 15 Bewohner zusammen. Es hänge immer von der Bereitschaft der Leute ab,meint Jakob. „Manchmal gibt es Konstellationen, wo man zusammen zweimal die Woche Poker spielt. Manchmal geht aber auch jeder seinen eigenen Interessen nach“, sagt er. Vor allen Dingen Flurparties schweißen die Studierenden zusammen. Die sogenannte Tour de Chambre gehört in Dänemark zum studentischen Ritual. Mindestens zweimal im Jahr werden dann Zimmer auf einer Etage individuell dekoriert und jeder bereitet ein Spiel und mehrere Getränke vor. So verwandelt sich ein Zimmer schon mal in eine Disney Welt oder in einen Diskoraum.

Die letzte Ebene des Lang’schen Modells, welches die Mensch-Umwelt Beziehung analysiert, stellt die Entwicklung dar. Diese fokussiert auf die Beeinflussung zwischen Mensch und Umwelt über einen längeren Zeitraum. Menschen eignen sich den Ort an, wenn ein gewisser Wohlfühlfaktor gegeben ist. „Ich würde schon sagen, dass ich durch das Leben im Studentenwohnheim auf eine Weise offener und auch toleranter geworden bin“, bilanziert Jakob nach sechs Jahren Wohnheimerfahrung. „Man kann hier nicht einfach nur sein Ding machen, sondern muss auf andere Rücksicht nehmen und durch den Kontakt zu so unterschiedlichen Menschen weiß ich heute, wie ich mit manchen Menschen über gewisse Probleme sprechen kann.“

Studentenblase: Vom Studentenwohnheim zur Uni und wieder zurück

Manchmal lässt einen das Wohnheim jedoch nicht so einfach dem Studentenalltag entfliehen. „Ich bewege mich im Moment tatsächlich nur zwischen Studentenheim und Universität“, sagt Marie, die seit zwei Jahren ihren Master an der Universität Aarhus macht. Marie kommt aus Deutschland und hat bisher noch nicht viel von der Stadt gesehen. „Man lebt schon schnell in so einer Studentenblase. Letztens war ich in Amerika im Urlaub und habe erst dort gemerkt, wie sehr ich mich in nur einer Sphäre bewege“, meint die 25-Jährige. Schlimm findet sie das aber nicht. „Ich glaube, man vergisst manchmal eben, wie gut es einem eigentlich geht. Wir klagen war über zu viel Lesestoff, aber wir haben alle ein Dach über dem Kopf und was zu essen“.

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