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„Jeder hat etwas zu verbergen“

Von May Blank / 1. Juli 2017
Credits: Pixabay/ Wokandapix; Lizenz CC0

Die Zahl digitaler Daten steigt rasant. Prognosen zufolge könnte die Menge der 2020 vorliegenden digitalen Daten bei 40 Zettabytes liegen. Eine Zahl, die man sich kaum vorstellen kann: 57-mal mehr als es Sandkörner auf der Welt gibt. Barbara Engels vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln klärt auf über Folgen der digitalen Datenflut.

Sagwas: Das Volumen des digitalen Datenbestands verdoppelt sich nach Angaben von Marktexperten alle zwei Jahre. Wieso nimmt diese Anzahl so explosionsartig zu?

Barbara Engels: Das liegt daran, dass wir immer mehr Produkte in unserem täglichen Leben verwenden, die digital sind und Daten generieren. Wenn du das Handy nutzt, zeichnet es wahnsinnig viele Daten nebenbei auf, zum Beispiel dein Standortprofil, mit wem du wann, wie, was kommunizierst. Es geht bis hin zu smarten Kühlschränken und Glühbirnen, auch in der Industrie 4.0 gibt es immer mehr vernetzte Maschinen, die Produktionsdaten erzeugen und mit anderen Maschinen kommunizieren.

Schlagwort „Big Data“. Lässt sich herausfinden, was wo über uns gespeichert wird?

Es ist grundsätzlich mehr, als uns bewusst ist. Nehmen wir die Payback-Karte, die von vielen Leuten großzügig genutzt wird, denn es gibt ja Bonuspunkte. Tatsächlich wird mit jedem Einkauf aufgezeichnet, was du wo, wann kaufst. Daraus sind ganz viele Rückschlüsse möglich. Zum Beispiel, ob du alleine lebst oder wie viele Kinder du hast oder ob du Vegetarier bist. Auch Kreditkarten hinterlassen natürlich Spuren in Form von Daten.

An der Supermarktkasse sehen die Leute doch auch, was ich einkaufe. Wieso sollte ich das geheim halten?

Viele Menschen sagen zwar, sie hätten nichts zu verbergen, aber das ist Quatsch. Jeder hat etwas zu verbergen. Das wird uns erst bewusst, wenn wir dadurch Nachteile erfahren. Etwa weil wir in Zukunft vielleicht nicht mehr ohne Probleme versichert werden, weil die Versicherung über unsere Daten mitbekommen hat, dass wir Extremsport betreiben oder zu viele Krankheitsfälle hatten oder regelmäßig in Konfliktgebiete in den Urlaub fahren.

Hat diese Entwicklung neben den persönlichen auch für die Volkswirtschaft Nachteile?

Generell würde ich sagen, dass Big Data eine große Chance darstellt, auch gerade für kleine Unternehmen. Weil sie durch die Analyse des Kundenverhaltens neue Geschäftsmodelle kreieren, ihre Produkte verbessern können. Wenn man denn in der Lage ist, diese Datenflut auch richtig zu analysieren. Big Data ist eben nicht Smart Data. Daten können auch gehakt werden und dann gibt es natürlich enorme Nachteile für Verbraucher und die Volkswirtschaft. Alles was generiert wird, kann eben auch geklaut werden. Für deutsche Unternehmen ist nicht die Frage wichtig, ob gehackt wird, sondern wann gehackt wird. Je mehr Kriege und Konflikte im digitalen Raum ausgetragen werden, desto wichtiger werden IT-Sicherheit und Cybersicherheit.

Für deutsche Unternehmen ist nicht die Frage wichtig, ob gehackt wird, sondern wann gehackt wird.

Die Daten, die es gibt, müssen also strukturiert, aber auch abgesichert werden.

Viele Menschen gehen sehr fahrlässig um mit ihren Daten, weil sie sich nicht vorstellen können, was Unternehmen damit anstellen. Welche Daten gibt es von mir? Wie werden sie generiert? Wie werden sie weiterverarbeitet? Das Verständnis darüber kann einem einen Teil der Angst davor nehmen, was passiert und hilft uns, die Kontrolle zu bewahren. Bei Unternehmen kommt Datensicherheit langsam auf die Agenda. Aber nur dadurch, dass sich die Angriffe und die Berichterstattung darüber mehren. Da muss also noch viel gemacht werden. Das liegt allerdings auch an den MitarbeiterInnen, die ihnen zugängliche Daten nicht ordentlich schützen: Dass man beispielsweise den Computerbildschirm sperrt, wenn man kurz den Raum verlässt, muss zur Norm werden.

Spart sich die Payback-Karte: Barbara Engels vom Kölner IW. Engels‘ Arbeitsschwerpunkte sind die Themen Digitalisierung und Strukturwandel. (Foto: IW Medien)

Gibt es sonst noch konkrete Tipps für besseren Datenschutz?

Es gibt ganz einfache Tipps, die vielleicht ein bisschen ungemütlich sind, aber sich lohnen: Zum Beispiel E-Mails schicken mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, das wird immer weniger aufwendig. Wenn man Facebook unbedingt nutzen möchte, sollte man sich die Privatsphäre-Einstellungen angucken. Von Kommunikationsanbietern wie Whatsapp könnte man Abstand nehmen und zu einem Anbieter wechseln, der nicht alles mitliest, was man schreibt. Man kann auch einfach mal sagen: „Nein, ich habe keine Payback-Karte!“. Denn die Menge an Daten, die man Preis gibt, steht in keinem Verhältnis zu den Preisminderungen.

Was muss die Politik tun, um einerseits den Bürger zu schützen und andererseits intelligentes Wissensmanagement zu fördern?

Die Politik sollte alles fördern, das hilft, den digitalen Umgang mit Daten zu erlernen. Das fängt bei der Lehrerausbildung an. Und ich bin der Meinung, dass Verbraucher immer informiert werden sollten, welche Daten über sie erhoben werden. Aber dazu muss man die Verbraucher sensibilisieren, dass sie das einfordern von den Unternehmen.

Die Menge digitaler Daten wird eher noch anwachsen, was bedeutet das für unsere Zukunft?

Ich sehe die Datenflut gar nicht so negativ. Man muss sie nur zu handeln wissen. Denn ich glaube, dass dieses Wissen unser Leben erheblich aufwerten kann. Die Albtraumvision ist, dass diese Daten generiert und geklaut werden und uns angreifbar machen als Personen, als Unternehmen, als Staaten.

Die Archäologen der Zukunft werden also statt im Sand im Datenmüll graben. Was werden sie finden?

Das ist ein schönes Bild. Genau das werden sie machen. Weil immer mehr digital zur Verfügung steht, werden die Historiker oder Archäologen der Zukunft nach Vorgängen, wie etwa die Wahl von Trump, nicht mehr im Sand suchen, sondern versuchen, sie digital zu erörtern.

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