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Kein Kinderspiel, aber machbar

Von Adrian Arab / 5. April 2017
Credits: Pixabay/ Wikimedialmages; Lizenz CC0

Das Internet ist eine Welt voller Bilder, Texte und Videos. Wer nicht sehen kann, dem bleibt ein Großteil davon verwehrt. Viele Projekte arbeiten daran, das World Wide Web gerechter zu gestalten. Mit home entsteht derzeit ein barrierefreies soziales Netzwerk.

Wer trotz Brille nicht mehr als zwei Prozent Sehfähigkeit besitzt, gilt offiziell als blind. In Deutschland sind das rund 100.000 Menschen. Wer die stark Sehbehinderten dazuzählt, kommt auf 160.000 Menschen, die das Internet nicht ohne Einschränkungen nutzen können.

Blinde können heutzutage in fast allen Branchen arbeiten und sich oft alleine zurechtfinden. Mit der Brailleschrift können sie lesen. In der Küche benutzen sie Messbecher mit fühlbaren Markierungen. In barrierefreien Gebäuden orientieren sie sich über Noppen am Boden, an grünen Ampeln ertönt ein spezielles Signal.

Das Internet muss gerecht sein

Im Internet gibt es für Blinde dagegen noch viele Hürden. Jeff Wieland ist überzeugt, dass Barrierefreiheit nicht vor dem Netz kapitulieren darf. Er trägt im „Facebook Accessibility Team“ dazu bei, diese Gerechtigkeitslücke zu schließen. „Wir möchten die ganze Welt miteinander verbinden. Dazu müssen wir auch Menschen mit Behinderung einbeziehen.”

Viele Menschen, darunter auch Nicht-Blinde, nutzen Facebook über sogenannte Screenreader, die Text wahlweise akustisch oder als Blindenschrift auf einem Braille-Display ausgeben. Die Blinden-Community organisiert sich sogar in Gruppen und Foren, um diese Tools besser zu machen.

eBay wäre für Blinde kaum zu bedienen, gäbe es nicht eine Unterseite, die für Screenreader optimiert ist. Bei vielen Konkurrenten ohne diese Unterseite ist das anders. Denn im Gegensatz zu Websites, die nur aus Fließtext bestehen, sind Shoppingangebote für Screenreader schwierig zu erfassen. Preis und Artikelbeschreibung gibt der Screenreader zwar aus, aber nicht alle Sicherheitszertifikate erlauben die Eingaben von Zahlungsdaten über die Hilfsmittel.

Menschen mit Einschränkungen sind als Zielgruppe relevant

Die Digitalunternehmen arbeiten nicht aus selbstlosen Gründen an der Barrierefreiheit ihrer Angebote. Schließlich sind Menschen mit Behinderung eine Zielgruppe, die es zu erschließen gilt. Deutsche Behörden hingegen sind zur Barrierefreiheit verpflichtet.

Die „Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz“ erklärt, warum etwa das Statistische Bundesamt eine eigene Abteilung dafür eingerichtet hat. Laut der Verordnung müssen die Behörden-Websites barrierefrei gestaltet sein – und das ist besonders schwierig, wenn es um Zahlen geht.

Das Statistische Bundesamt veröffentlicht meist große Tabellen, bei denen Screenreader an ihre Grenzen stoßen. Screenreader lesen in der Regel Zeile für Zeile vor und eignen sich deshalb nicht dafür, Tabellen auszugeben. Mit komplexeren Softwarelösungen als den Screenreadern will das Bundesamt dem Problem beikommen, aber „das ist ein langer Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist“, sagt Robert Gemeinhardt, der für das Bundesamt programmiert, in einem Tagesspiegel-Interview.

Viele neue Entwicklungen tragen dazu bei, dass Behinderungen immer weniger ein Ausschlusskriterium für die eigenen Inhalte darstellen. Menschen mit motorischen Einschränkungen können beispielsweise mit einem Joystick, den sie mit dem Mund steuern, einen Computer wie mit einer Maus bedienen. Neuer sind Eyetracking-Tools, mit denen sich der Bildschirm über die Bewegung des Augenballs ansteuern lässt.

Eine Plattform für Menschen mit kognitiven Behinderungen

Im Kampf um die Gerechtigkeit im Internet gibt es noch einige weitere Baustellen. Knapp vier Millionen Menschen in Deutschland haben eine Lernschwäche oder geistige Behinderung. Anders als Blinde können sie die Informationen im Internet zwar leicht erfassen, aber nicht ohne Hilfsmittel verarbeiten.

In den sozialen Netzwerken ist die Sensibilität dafür noch gering. Ein Projekt, das die Webinklusion fördern möchte, ist home von der Technischen Universität Leipzig in Kooperation mit dem Deutschen Roten Kreuz. Die Entwickler wollen ein soziales Netzwerk erschaffen, das „maximal barrierefrei“ ist, also auch geistigen Behinderungen beikommt.

Innerhalb eines Jahres haben 47 Studierende Testplattformen geschaffen und gemeinsam mit Probanden geforscht – entstanden ist ein eigenes, innovatives soziales Netzwerk. Wenn das Projekt abgeschlossen ist, soll home eine Plattform sein, auf der kognitiv behinderte Menschen alle Möglichkeiten nutzen können, die auch Facebook und Co. bieten.

home setzt auf weniger Text und mehr Symbole, welche die Inhalte für die User einfacher begreifbar machen. Indem die Nutzer Medienkompetenz in einem geschützten Raum gewinnen, sollen sie allmählich an die etablierten sozialen Netzwerke herangeführt werden.

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