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Keine reine Geschmackssache

Von Zita Hille / 2. Juni 2021
picture alliance / maxppp | Camille Mazoyer

Erinnerungen sind Teil unseres Bewusstseins, unsere geistige Wahrnehmung der Welt. Doch auch körperliche Erfahrungen bleiben haften, sagt das Konzept des Körpergedächtnisses. Was das für einen trocknen Alkoholiker bedeutet, erzählt er im Interview.

Bernd S., der seinen vollständigen Namen nicht im Netz lesen will, ist 52 Jahre alt. Für ihn keine Selbstverständlichkeit. S. lebt im hessischen Friedrichsdorf und ist trockener Alkoholiker. In der Hochzeit seiner Sucht mit Mitte 40 trank er unter der Woche neben „ein paar Bier“ mindestens eine Wodkaflasche täglich, wochenends auch schon mal drei. Seit seiner Entgiftung 2016 und der anschließenden Reha ist Alkohol für ihn tabu. Doch ist die Abhängigkeit damit wirklich vorbei? Wie erinnert er sich an diese Zeit zurück und was bedeutet das alles für ihn heute?

Sagwas: Trockener Alkoholiker – zunächst Respekt dafür, dass Du die Entgiftung durchgezogen hast und so offen darüber sprichst. Bist Du mittlerweile „über den Berg“?

Bernd S.: Danke, aber „über den Berg sein“ werde ich vermutlich nie. Alkoholsucht ist eine Sucht, eine Krankheit. Mein Bewusstsein, was den Konsum und meinen Umgang mit dem Alkohol angeht, haben sich total verändert – wofür ich sehr dankbar bin. Trotzdem bin ich nicht geheilt. Süchtig bleibt man ein Leben lang und ich muss ständig vorsichtig sein.

Wie genau definierst Du „trocken sein“: Fallen damit für Dich auch Rotweinkuchen oder Mon Chéries weg?

Für mich persönlich schon. Ich weiß noch, dass mir auf der Arbeit jemand mal ein Stück Schokolade angeboten hat, das ich ohne nachzudenken einfach in den Mund steckte und sofort schmeckte, dass da Alkohol drin war. Mein Suchtgedächtnis hat Alarm geschlagen und ich spuckte es wieder aus. Mittlerweile habe ich sogar Ekel vor dem Geschmack und dem Geruch. Aber da ist noch diese leise Stimme, die mir vorgaukelt, im Alkohol einen Freund gehabt zu haben und welch‘ schöne Zeiten wir doch hatten… In solchen Momenten muss ich einfach stark bleiben. Es gibt bestimmt Leute, die nach einer Alkoholsucht wieder ab und zu trinken können, ohne rückzufallen. Aber das sind so wenige, dass ich kaum daran glaube.

Wie kam es zu Deiner Erkrankung?

Ich wuchs in einer ganz normalen Familie in Bad Homburg auf. Alkohol spielte da eine ebenso ganz „normale“ Rolle. Es war eher ein schleichender Prozess der Gewöhnung an das Leben mit Alkohol. So richtig ausgeartet ist es mit Mitte 40, wo vier Jahre lang mein Fokus auf nichts anderem als dem Trinken lag. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass ich auch unter einer bestimmten Ausprägung einer Depression leide, durch die ich nicht so viel Freude empfinden kann wie das normalerweise der Fall sein sollte. Neben familiären und finanziellen Problemen hat das wahrscheinlich auch eine Rolle gespielt, als ich die „letzte Lösung“ im Alkohol sah und versuchte, damit vor meinen Problemen zu fliehen. Ich verlor die Lebenslust. Durch eine Kollegin, die zuvor lange im Gefängnis gewesen war, es dann herausschaffte und heute ein glückliches Leben lebt, habe ich realisiert, dass es auch wieder bergauf gehen kann – und dass das auch mir gelingen kann. Und so entschied ich mich quasi im letzten Moment für den Ausweg.

Bist Du im Alltag der Versuchung ausgesetzt, Alkohol zu trinken?

Tatsächlich immer. Sowohl durch das Essen als auch beim Einkaufen oder bei sozialen Events. Oft muss ich mich dafür rechtfertigen, nichts trinken zu wollen und viele schreckt es dann ab, wenn ich erzähle, dass ich trockener Alkoholiker bin.

Ist für Dich die Gesellschaft, die Politik oder irgendein anderer mit Schuld an der Alkoholsucht?

Für meine Sucht trage ich ganz allein die Verantwortung. Aber dass es möglich und sogar ziemlich leicht ist, in eine Alkoholsucht reinzurutschen, liegt tatsächlich an der Leichtfertigkeit des Umgangs der Gesellschaft und Politik mit dem Thema Alkohol.

Alkoholismus sollte kein Tabuthema sein, da es eine Erkrankung ist

Bernd S.

Worin siehst Du die größte Gefahr für andere?

Allein schon in der Werbung. Werbeplakate überall, TV-Werbung mit lachenden, tanzenden Menschen, die fröhlich sind, weil sie Aperol trinken. Soziale Events, bei denen Alkohol als erstes Getränk angeboten wird. Die Gefahr sehe ich darin, wie wenig bewusst es den Menschen ist, wie gefährlich Alkohol werden kann und wie schädlich er für den Körper ist. Auf Zigarettenpackungen findet man Schockbilder, was Tabak mit unseren Organen anrichten kann. Warum gibt es das nicht auch auf Alkoholflaschen? Das verstehe ich nicht.

Welchen Einfluss hat Deine Erinnerung an die Suchterkrankung auf Dich heute?

Das kommt auf die Umgebung an. Doch auch, wenn ich mich einen Tag lang im Wald aufhalten würde, würde ich mehrmals am Tag in diese „Flashbacks“ fallen. Ich bin durch die Reha aber viel ruhiger und stressresistenter geworden und auch toleranter. Wenn ich, zum Beispiel, einen obdachlosen Alkoholiker auf der Straße sehe, denke ich mir nicht: „Was für ein Penner, der sein Leben nicht auf die Reihe kriegt.“ Ich denke mir eher, was für eine arme Sau er ist, da er bestimmt ganz andere Träume hatte und dann frage ich mich, wie er wohl dahin gekommen ist, wo er jetzt ist.

Wenn es nach Dir ginge, was sollte sich in Zukunft ändern?

Zuerst mal möchte ich Alkoholismus aus diesem „Schmuddelbild“ herausholen. Es sollte kein Tabuthema sein, da es eine Erkrankung ist. Scham sollte nicht gefördert werden, sondern die Erkenntnis, dass es ja jeden treffen kann, auch Dich und mich. Ich wünsche mir von der Gesellschaft mehr Verständnis, Offenheit und vor allem ein kritisches Bewusstsein im Umgang mit Alkohol – vor allem jetzt zu Corona-Zeiten – und das bestenfalls schon in der Jugendzeit, damit man nicht erst mit 30 versteht, was man seinem Körper da eigentlich antut, wenn man zu viel trinkt. Es darf schlicht nicht sein, dass eine Droge als so positiv wahrgenommen wird. Von der riesigen Dunkelziffer will ich erst gar nicht anfangen.

Was tust Du selbst ganz konkret für diese Veränderung?

Ich bin nicht dafür, direkt die ganze Werbung zu verbieten oder etwas in der Art. Mir geht es um Aufklärung. Deshalb rede ich darüber und habe auch schon an Schulkampagnen mitgewirkt. Es ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche verstehen, wo die Gefahr beim Alkohol liegt, und dahingehend ihr Bewusstsein zu stärken.

6 Antworten auf „Keine reine Geschmackssache“

  1. Von Mojoe am 2. Juni 2021

    Er kann stolz auf sich sein👍

  2. Von Marie am 2. Juni 2021

    Es ist eine sehr mutige Entscheidung von diesem Herrn,den Entzug durchzuziehen!
    Beeindruckende Lebensgeschichte und interessantes Interwiew. Finde auch,dass Alkohol in unserer Gesellschaft eine oft unterschätzte Rolle spielt. Allein,dass man sich schlecht fühlen muss,wenn man mal nicht trinkt,sagt schon viel aus.
    Danke für diesen Beitrag!

  3. Von Daniel am 2. Juni 2021

    Guter Artikel

  4. Von Geri am 2. Juni 2021

    Guter Artikel! 👍🏻🇭🇺

  5. Von Beate Z. am 3. Juni 2021

    Alkoholiker bleibt man ein Leben lang.

  6. Von dem Peter am 7. Juni 2021

    Es ist sehr wichtig, dass auch dieses Thema von der Autorin gut beleuchtet wird. Für sowas sind die Ansichten eines trockenen Alkoholiker essentiell, da dieser die Erfahrung (leider) durchgemacht hat. Das schafft nicht jeder, umso stolzer kann er auf seine Leistung sein

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