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KI reicht nicht aus

Von Leonie Sontheimer / 20. Dezember 2017
Credits: Flickr/ Enough Project; Lizenz CC BY-NC-ND 2.0

Die Probleme der Menschheit lösen – das möchten Millionen Tech-Unternehmen auf der ganzen Welt. Warum schicken sie trotzdem keine Roboter in die Minen im Kongo, um die Arbeiter dort zu entlasten? Ein Gedankenexperiment.

Es gibt humanoide Roboter, die sexy tanzen. Einen Computer, der den menschlichen Weltmeister im Go-Spielen geschlagen hat. Und eine Künstliche Intelligenz, die sich selbst das Laufen beigebracht hat. Aber warum existieren eigentlich keine Roboter, die in den Kobaltminen im Kongo arbeiten? Oder in den Färbefabriken in China? Dort, wo die Arbeiter – meist ohne Schutzkleidung – giftigen Substanzen und anderen untragbaren gesundheitlichen Risiken ausgesetzt sind?

Eine absurde Idee? Mitnichten. Geht es doch im Silicon Valley und in anderen Zentren technologischer Entwicklung auch darum, die Welt ein bisschen besser zu machen. „Unsere größten Chancen sind heutzutage global – die Verbreitung von Wohlstand und Freiheit, die Förderung von Frieden und Verständnis, Menschen aus der Armut zu holen und die Wissenschaft zu beschleunigen“, schrieb Facebook-Chef Mark Zuckerberg in einem Manifest Anfang des Jahres. Es gibt sogar Apps, mit denen Nutzer spielerisch die Welt retten können: „EcoChallenge“ beispielsweise stellt dem Spieler Aufgaben für einen nachhaltigen Lebensstil. Über die App „ShareTheMeal“ können Nutzer mit einem Klick gegen den Welthunger vorgehen.

Solutionism: Der Glaube an die Technologie

Zuckerberg und die Entwickler entsprechender Apps glauben, dass die Lösung vieler Probleme in der Technologie liegt. Evgeny Morozov, Publizist aus Weißrussland, hält diesen Glauben für gefährlich. „Wir sollten uns nicht auf das fixieren, was wir mit der neuen digitalen Technologie machen können, bevor wir uns gefragt haben, was überhaupt zu tun lohnenswert ist“, schreibt er in seinem Buch „To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism“.

Das führt uns zurück zur Ausgangsfrage: Wäre es nicht lohnenswert und zudem überaus dringend, die Situation der Menschen, die in den Kobaltminen im Kongo arbeiten, zu verbessern? Kobalt ist ein unverzichtbarer Rohstoff. Das Beiprodukt von Kupfer steckt heute in jeder Batterie – vom Handy bis zum E-Auto. Mehr als 50 Prozent des weltweiten Kobalts kommen aus der Demokratischen Republik Kongo.

In einem Bericht von 2016 schildert Amnesty International (AI), wie die Arbeitsbedingungen in den Minen im Süden des Landes gegen Menschenrechte verstoßen. Kinder von nur sieben Jahren arbeiten in informellen Minen ohne Schutzkleidung und atmen dabei Staub ein, der dauerhafte Lungenschäden verursacht. Warum entwickelt niemand intelligente Roboter, die diese Arbeit übernehmen?

„Technisch wäre das möglich“, sagt Peter Kopacek. Der emeritierte Maschinenbau-Professor der TU Wien hat mit seinem Team mehrere Titel im Roboter-Fußball geholt und weiß, was Roboter können. „Leider hängt der Einsatz von Robotern immer primär vom Geld ab.“

Es gibt bereits einen Robotertypus, der im Fall einer Katastrophe – wie zum Beispiel eines atomaren Unfalls – dort eingesetzt werden kann, wo Menschen nicht überleben können. „Atlas“ heißt der 1,80 Meter große und 150 Kilogramm schwere Militär-Roboter eines amerikanischen Herstellers. Sein stolzer Preis: zwei Millionen US-Dollar. Ein Arbeiter in der Kobaltmine im Kongo bekommt pro Tag zwischen ein und zwei US-Dollar. Eine Technologie wie „Atlas“ kann mit diesen Arbeitslöhnen nicht konkurrieren. Soll sie aber vielleicht auch gar nicht.

Technisch möglich, aber politisch nicht gewollt

Man stelle sich vor, ein potenter Investor aus Kalifornien bekommt den AI-Bericht in die Hände und möchte sein überschüssiges Geld dafür nutzen, die Situation in den Kobaltminen zu verbessern. Er beauftragt befreundete Unternehmen damit, spezialisierte Roboter-Kumpel zu entwickeln, zu produzieren und sie vor Ort einzusetzen.

Nach einiger Zeit würden plötzlich überall in den kleinen, informellen Minen Roboter an der Erde kratzen und die gewonnenen Erze an die Zwischenhändler liefern. Die fatale Folge: Mehr als 100.000 Kleinbergbauern müssten mit der kostenlosen Arbeit der Roboter-Kumpel konkurrieren, viele würden über kurz oder lang ihren Job verlieren und ganz ohne Einkommen dastehen. Natürlich kann dies niemand wollen, dem es um das Wohl der kongolesischen Arbeiter geht.

Eine Lösung für deren Problem besteht also möglicherweise nicht in der abgehobenen Technologie kalifornischer Investoren, sondern liegt viel näher: in der Einführung und Einhaltung von Arbeitssicherheits-Standards und einer ordentlichen Lohnerhöhung, die mindestens das Existenzminimum abdeckt.

Wohlstand ist eine politische Angelegenheit, keine technische

Dass die Vorteile der Automatisierung und Autonomisierung ausbleiben, wenn nicht auch in anderen Bereichen entsprechende Verbesserungen stattfinden, stellt auch der Zukunftsforscher Philipp Frey vom Institut für Technikfolgenabschätzung in Karlsruhe klar: Statt darüber zu debattieren, ob Roboter nun gut oder schlecht seien, sollte man gesellschaftliche Zustände problematisieren, die ihrerseits die weitere Technikentwicklung beeinflussen. „Die Alternative zwischen hochautomatisierter Utopie und von Arbeitslosigkeit geplagter Dystopie ist keine technische, sondern eine politische“, sagt Frey.

Das Gedankenexperiment zeigt: Die Künstliche Intelligenz ist nicht die naheliegendste Lösung für die Probleme der Menschheit. Wenn wir die globalen ökologischen und sozialen Krisen bewältigen wollen, müssen wir auf den vielfältigen Werkzeugkasten von Politik und Zivilgesellschaft zurückgreifen und nicht wahllos neue Werkzeuge mit dem 3D-Drucker produzieren, nur weil wir es können.

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