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Kommet, ihr Kinder!

Von Patricia Grähling / 23. Juni 2017
Credits: Pixabay/ tolmacho; Lizenz CC0

Die Wiege der Republik steht in der Hauptstadt. Berlin zeigt, wie attraktive Familienpolitik die Geburtenrate positiv beeinflussen kann. Dennoch sterben in Deutschland noch immer mehr Menschen, als Kinder geboren werden.

Ob Kindergeld oder Betreuungsangebote: Mit verschiedenen Maßnahmen und Gesetzen können Staaten die Rahmenbedingungen für Familien setzen und so die Familiengründung an sich attraktiver machen. Dass ein Staat überhaupt Interesse an diesem Politikfeld hat, ist relativ einleuchtend: Nur mit ausreichend viel Nachwuchs bleibt auch die Anzahl derer, die das Rentensystem finanzieren, stabil. Tatsächlich steigen in Deutschland die Geburtenzahlen seit einigen Jahren auch wieder an. Inzwischen verzeichnen wir sogar den höchsten Stand seit der Wiedervereinigung: Während die Geburtenrate 2009 noch bei 1,36 Kindern lag, liegt sie heute bei durchschnittlich 1,5 Kindern.

Dafür machen Wissenschaftler verschiedene Faktoren verantwortlich. Neben der Zuwanderung von Frauen mit höheren Geburtenraten – sie bekommen im Schnitt 1,96 Kinder – sind verschiedene familienpolitische Maßnahmen ursächlich für den Anstieg. Laut Martin Bujard, Forschungsdirektor am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, verbessern die Reformen der vergangenen Jahre die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. So bekommen auch Akademikerinnen wieder mehr Kinder – oder entscheiden sich überhaupt erst für Nachwuchs. Zu diesen Reformen gehören das Elterngeld und die Elternzeit. Seit 2013 gibt es zudem einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr. An der Umsetzung in den Kommunen hapert es allerdings noch. Laut einer aktuellen Studie des IW Köln fehlen 300.000 Betreuungsplätze.

Kinderreiches Frankreich

Frankreich erzielt im europäischen Vergleich mit 1,96 Kindern pro Frau die höchste Geburtenrate. Auch dort sehen Experten den Grund für die positive Entwicklung in der Familienpolitik: Frankreich bietet kostenlose Kindergartenplätze für Kinder ab drei Jahren und viele Krippenplätze und Tagesmütter für Kleinkinder. Darüber hinaus macht die französische Steuerpolitik das Arbeiten für junge Mütter sehr attraktiv. Beim Familiensplitting wird das Einkommen der Eltern nicht (wie in Deutschland beim Ehegattensplitting) zusammengerechnet und nur auf Mama und Papa verteilt besteuert, sondern auch auf die Kinder. Der Vorteil? Insbesondere Familien mit geringem und durchschnittlichem Einkommen und vielen Kindern werden entlastet.

Trotz zahlreicher politischer Maßnahmen liegt die Geburtenrate in Deutschland noch unter dem französischen Wert und auch unter dem europaweiten Durchschnitt von 1,58 Kindern pro Frau. Das reicht nicht aus, damit die Bevölkerung wächst, obwohl sie muss. Stattdessen wird sie immer älter und schrumpft. Allein um die Bevölkerungszahl auf gleichem Niveau zu halten, müsste jede Frau 2,1 Kinder bekommen. Weil das aber in absehbarer Zeit ein utopischer Wert ist, bleibt Deutschland auf Einwanderer angewiesen.

Wer nicht geboren wurde, kann keine Kinder bekommen

Die Ursachen für den demographischen Wandel liegen zum Teil weit in der Vergangenheit. Ab 1965 setzte der sogenannte Pillen-Knick ein. Mit der Einführung der Verhütungsmethode sanken die Geburtenzahlen deutlich – wobei ein Zusammenhang widerlegt wurde. Dennoch schrumpfte die Zahl der Geburten, war 1972 erstmals niedriger als die Zahl der Todesfälle. Heute ist die Zahl der gebärfähigen Frauen deshalb sehr niedrig: Wer damals nicht geboren wurde, kann heute keine Kinder bekommen. Die niedrige Geburtenrate setzt sich also über Generationen hinweg fort.

Regulierung bei zu großer Geburtenrate

Während die Politik in Deutschland darauf ausgerichtet ist, Familien und den Wunsch nach mehr Kindern zu fördern, gibt es auch Länder, die das Gegenteil anstreben. Denn ein zu hohes Bevölkerungswachstum stellt die Gesellschaft ebenso vor Probleme wie zu niedrige Geburtenzahlen. So versuchen etwa die Chinesen, ihr Wachstum mit der Ein-Kind-Politik zu kontrollieren. Diese wurde 1979 eingeführt, um die Bevölkerung auf maximal 1,2 Milliarden Menschen zu begrenzen und Hungersnöte zu vermeiden. Den Wert überschritten sie trotzdem: 2006 lebten 1,3 Milliarden Menschen in China. Nach Angaben der Regierung sind durch die Ein-Kind-Politik mehr als 300 Millionen Geburten verhindert worden. Erst seit Oktober 2015 dürfen chinesische Familien zwei Kinder bekommen – wenn Vater Staat zustimmt.

In Indien, einem Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern, davon die Hälfte unter 25 Jahren, werden sogar Sterilisationen staatlich gefördert. Sterilisierte Paare bekommen höhere Sozialleistungen. Frauen erhalten für den Eingriff Geld und nehmen an einer Verlosung teil, bei der sie ein Auto gewinnen können. Sterilisiert wird dort wie am Fließband, der Eingriff dauert vier Minuten pro Patientin. Ein Arzt berichtet, dass er in 36 Jahren 350.000 Patienten sterilisiert habe – und dadurch rund 10 Millionen Kinder weniger geboren worden seien.

 

 

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