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Kontaktlinsen vom Küchentisch

Von kamilachilewski / 1. März 2014

Die Geschichte ihres Erfolgs begann an einem Küchentisch in Leipzig-Wahren, Ende der 1990er Jahre. Swetlana Reiche, gerade aus der Ukraine eingewandert, saß mit ein paar Freunden beim Sonntagsfrühstück, die Küche noch mit Kohlen geheizt. „Wir haben rumgesponnen über das, was so in der Welt passiert“, erzählt Reiche rückblickend. „Irgendwer hat dann behauptet, dass es irgendwo […]

Die Geschichte ihres Erfolgs begann an einem Küchentisch in Leipzig-Wahren, Ende der 1990er Jahre. Swetlana Reiche, gerade aus der Ukraine eingewandert, saß mit ein paar Freunden beim Sonntagsfrühstück, die Küche noch mit Kohlen geheizt. „Wir haben rumgesponnen über das, was so in der Welt passiert“, erzählt Reiche rückblickend. „Irgendwer hat dann behauptet, dass es irgendwo in Amerika wohl so einen Kontaktlinsen-Versand gebe. Das wollte ich auch ausprobieren.“ Kontaktlinsen waren zu jener Zeit gerade erst dabei, neben den traditionellen Brillen auf den Markt zu drängen. Swetlana Reiche fackelte nicht lange. „Ich war jung und habe mir nicht allzu viele Gedanken gemacht.“

Viele Migranten gründen

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Menschen, die noch nicht lange in Deutschland leben, Unternehmen gründen. Im Gegenteil: Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung aus dem Jahr 2012 gründen Migranten vergleichsweise häufig Unternehmen. Fast jeder vierte Gründer in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Viele Einwanderer wagen den Schritt ins eigene Geschäft, weil es ihnen schwer fällt, eine Festanstellung zu bekommen. Oft erkennen mögliche Arbeitgeber ihre im Ausland gesammelten Qualifikationen nicht an.

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Unerfahren, aber motiviert

Für Swetlana Reiche war auch der Start in die Selbstständigkeit nicht einfach, obwohl sie in Odessa Wirtschaft studiert hatte. Ihr Status als Einwanderin spielte dabei jedoch keine Rolle. „Ich habe die Preise der Kontaktlinsen in den Katalogen erst völlig falsch verstanden“, erzählt die Gründerin. „Außerdem gab es Schwierigkeiten, weil ich keine Ausbildung als Optikerin hatte.“ Doch sie gab nicht auf, durchforstete Kataloge und Herstellerlisten, suchte und fand Kooperationspartner.

Unterstützung von der Stadt, etwa von der Industrie- und Handelskammer, hat sie bei der Gründung nicht in Anspruch genommen. „Ich wusste damals gar nicht, dass man sich überhaupt an so eine Stelle wenden kann. Ich habe für die Idee gebrannt und sie einfach umgesetzt.“ Die Geschäftsführerin schmunzelt, wenn sie an ihre Unerfahrenheit von damals denkt. „Vielleicht entstehen ja genau auf diese Art Unternehmen. Irgendjemand denkt nicht zu Ende oder macht einen Rechenfehler.“

5000 Unternehmen mit ausländischen Betreibern

Inzwischen beschäftigt Reiches anfängliches Ein-Frau-Unternehmen „Lensspirit“ 45 Mitarbeiter, beliefert Kunden in ganz Europa und verzeichnet einen Jahresumsatz von sieben Millionen Euro. Es ist eines von knapp 5000 Unternehmen mit ausländischen Betreibern in Leipzig. Insgesamt steht dort hinter 8,6 Prozent aller Betriebe ein ausländischer Unternehmer – von Gastronom bis zum IT-Spezialist.

„Migranten sind eine Bereicherung“

Hassan Zeinel Abidine, Vorsitzender des Leipziger Migrantenbeirates, will auf diese Tatsache aufmerksam machen. Im Rahmen der Interkulturellen Wochen in Leipzig lud er zur Veranstaltung „Wir sind Teil des Erfolgs“ ins Neue Rathaus. „Migranten sind eine Bereicherung und keine Last“, sagt Abidine. Die Zusammenarbeit mit den örtlichen Institutionen könnte dennoch noch besser werden, findet er. Dabei sehe er auch die Ausländer in der Pflicht „Migranten sollen nicht nur von den Behörden etwas verlangen, sondern auch selbst den Kontakt aufbauen.“

Swetlana Reiches Geschichte widerlegt ein Vorurteil, das eine Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung zu Tage gefördert hat. Fast jeder dritte Deutsche glaubt laut der Umfrage, Ausländer kämen nur nach Deutschland, „um den Sozialstaat auszunutzen“.

Platz gefunden

Reiche hat die Räume eines alten Elektrohandels in großzügige lichtdurchflutete Büros umbauen lassen, stilvoll in weiß und orange gestaltet. Ihr ist es wichtig, Menschen mit Einwanderungsgeschichte in ihrer Firma zu integrieren. „Ich engagiere mich recht stark für die Ausländer und versuche, ihnen zu helfen, sich im Arbeitsleben zu integrieren“, sagt Reiche. Von Vorteil ist das beispielsweise bei der Beschäftigung von Praktikanten. „Da wir einige Kollegen haben, die verschiedene Sprachen sprechen, können wir ausländische Praktikanten besser betreuen“, so Reiche

Reiche ist es wichtig, dass jeder Mitarbeiter im Unternehmen alle Strukturen und Abläufe kennt, sich wohlfühlt und eine klare Aufgabe mit eigenem Verantwortungsbereich hat. „Damit die Integration insbesondere ausländischer Mitarbeiter gut funktioniert, braucht man eine ganz klare Struktur. Die haben wir bei uns.“ Ihren eigenen Platz hat sie längst gefunden, ist mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in Leipzig fest verwurzelt. „Ich liebe Leipzig und ich fühle mich total wohl hier.“

Eine Antwort zu “Kontaktlinsen vom Küchentisch”

  1. Von Jonathan Franzen2 am 1. März 2014

    Mannomann, schon wieder so spannende Texte. Das geht ja hier Schlag auf Schlag. Sehr spannend.Die beide letzten Artikel fand ich sehr interessant. Ich kenne Frau Reiche zufällig von meiner Leipziger Zeit- sie ist eine sehr bemerkenswerte Frau, die sich strukturiert und engagiert ihre Platz in Deutschland erkämpft hat – gegen all die Vorurteile und Ressentiments gegen sie als „Ausländerin“.

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