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Kooperieren, um zu konkurrieren

Von Desislava Markova / 8. Februar 2017
Credits: Pixabay/ Comfreak; Lizenz CC0

Die Natur hat Konkurrenz als Selbsterhaltungsprinzip vorgesehen. Demgegenüber steht die kulturelle Errungenschaft der Kooperation. Um gut zu leben, müssen wir eine positive Balance zwischen beiden schaffen.

Wettbewerb ist die Grundvoraussetzung für die Evolution. Die zum Überleben notwendigen Ressourcen sind knapp, weshalb die Anzahl der Lebewesen nicht unbegrenzt zunehmen kann. Ein Beispiel: Wenn es ausreichend Nahrung gibt, vermehren sich die Individuen solange, bis die lebenserhaltende Nahrung zur Neige geht. In der Folge entsteht Konkurrenz. Richtig? Zumindest einleuchtend. Auf den ersten Blick. Tatsächlich scheint das Prinzip Konkurrenz allgegenwärtig.

„Das Wetteifern um Nahrung ist nur eine Form vom Konkurrieren“, sagt Julia Ostner, Verhaltensbiologin am Johann-Friedrich-Blumenbach Institut für Zoologie und Antropologie in Göttingen. „Im Tierreich kann auch um Paarungspartner konkurriert werden oder um einen sicheren Schlafplatz. In dem Moment, wo wir evolutionär denken, müssen wir an Konkurrenz denken.“

Dennoch treibt die Evolution laut dem Biologen Martin Nowak nicht nur Konkurrenz und Egoismus. „Als ebenso wichtig im Kampf um das Dasein erweist sich die Kooperation der Individuen“, so Nowak 2012 in der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“. Konkurrenz allein funktioniert nicht. Nicht weil einer im ständigen Konkurrenzkampf besteht, gewinnt er.

Sprache als Brücke zur Kooperation

Zahlreiche Tiere arbeiten zusammen, um besser zu leben: Bei Bienen, Wespen und Ameisen versorgen Arbeiterinnen die Brut der Königin, sie verteidigen das Nest und tragen Nahrung ein. Da sie selbst meist keine Eier legen, opfern sie sich für die Königin und für das Überleben ihrer Art. Eine amerikanische Fledermausart spendet nach ihrem Beutezug den hungrigen Genossen Blut. Nur so haben auch unerfahrene Tiere eine Überlebenschance.

Durch die gemeinsame Sprache und immer effektivere Kommunikationsmittel habe Kooperation unter Menschen einen höheren Grad erreicht als unter Tieren, sagt Biologin Ostner. „Der Wille zur Zusammenarbeit kann sich über Sprache schnell verbreiten. Bei Tieren ist es oft so, dass Tier A Tier B hilft und Tier B Tier A dann zurückhilft – es findet ein direkter Austausch statt.“ Bei Menschen hingegen reiche auch ein indirekter Austausch und die alleinige Information darüber, dass einer dem anderen geholfen habe. Ein klassisches Beispiel sei das Spenden – Menschen seien bereit, für bestimmte Zwecke zu spenden, wenn sie hörten, dass andere das auch schon gemacht hätten.

Es gibt keinen klassischen Altruismus

Schon in jungen Jahren unterstützen sich Menschen gegenseitig. „Kinder haben das unglaubliche Bedürfnis zu helfen. Wenn etwas auf den Boden fällt, heben sie es oft sofort auf. Das passiert nicht bewusst, sondern automatisch“, sagt Ostner. Der Mensch ist laut Biologe Nowak sogar Weltmeister der Kooperation. „Wir haben ein Grundbedürfnis zu kooperieren, selbst wenn wir keinen direkten Vorteil davon haben.“

Konkurrenz und Kooperation bedingen sich gegenseitig. „Menschen kooperieren, um besser zu konkurrieren”, sagt Ostner. „Wenn sich Gruppen von Menschen früher zusammengeschlossen haben, um ein größeres Territorium zu bewohnen, dann machten sie das zwar kooperativ, aber auch, um mit anderen Gruppen zu konkurrieren.“ Kooperation basiere immer auf Eigennutz. Ein klassisches altruistisches Verhalten gibt es laut der Wissenschaftlerin nicht.

Konkurrenz schadet dem Zusammenleben

Ostners Sichtweise erweitern soziologische und wirtschaftswissenschaftliche Perspektiven. Und diese stehen durchaus im Widerspruch zur biologischen Herangehensweise.

Der Ökonom Peter Weise unterscheidet zwar in egoistische Konkurrenz einerseits und altruistische Konkurrenz andererseits. Doch sein Fazit ist unmissverständlich: Konkurrenz, egal in welcher Ausprägung, schadet. Immer. In der egoistischen Ausprägung zieht der Mensch selbst Nutzen aus der Konkurrenz, zum Beispiel im Wettbewerb um Marktanteile. Bei der altruistischen Form handelt es sich um ruinöse Konkurrenz, bei der Gruppen um eine knappe Ressource kämpfen, indem sie anderen den Zugang zu ihr verwehren. In der Geschichte der Menschheit führe solche Konkurrenz zu Krieg und Selbstzerstörung.

Derzeit versuchen Menschen mit neuen sozialen Formen wie den sogenannten Commons, eine kooperative Gesellschaft zu fördern. Dazu gehört etwa das Teilen von Gemeingütern. Diese Art der Kooperation dürfte den Wohlstand aller mehren. Der niederländische Anthropologe Carel van Schaik von der Universität Zürich sagte 2014 in einem Vortrag: „In Gesellschaften, denen die Balance zwischen Kooperation und Wettbewerb gelingt, ist das Wohlergehen ihrer Bevölkerung am höchsten.“

Bleibt die Frage, ob wir diese Balance wollen.

 

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