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Kraftstoff, der satt macht

Von Daniel Männlein / 22. Juni 2022
picture alliance/dpa | Carsten Koall

„Fortschrittliche Biokraftstoffe“ sollen einen Beitrag zum Erreichen der Klimaziele leisten. Angesichts des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine und zunehmender Lebensmittelknappheit geraten sie jetzt in die Kritik.

Wir sprechen angesichts des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine mittlerweile fast selbstverständlich über die von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) postulierte „Zeitenwende“. Zwar ist der Begriff auf das verteidigungs- und außenpolitische Handeln Deutschlands gemünzt. Er lässt sich jedoch als Beschreibung aktueller Entwicklungen auch umfassender verstehen – wirtschaftspolitisch und agrarpolitisch.

Die einseitige Abhängigkeit von fossilen Roh- und Brennstoffen, nicht zuletzt aus Russland, ist unübersehbar. Der vermeintliche russische „Partner“ ist in diesem Fall ein Russland, das erbarmungslos Getreideexporte aus der Ukraine, der „Kornkammer Europas“, verhindert, was die Welthungersituation insbesondere in afrikanischen Ländern verschärft.

Dass ausgerechnet aus Russland fossile Brennstoffe nach Europa geliefert werden, erschwert vielerorts die internationale Zusammenarbeit und verdeutlicht: verlässlich geht anders. Kein Wunder, dass neben dem besorgten Blick auf die Klimakrise nun vor allem durch die kriegerische Entwicklung auf dem Kontinent der Wunsch nach einer eigenen Versorgungssicherheit mittels Bioenergie an Zuspruch gewinnt.

Aber Biokraftstoffe als Heilmittel? Nach dem Motto: „Pack E10 in den Tank und dem (Klima-)gewissen gebührt Dank!“ Sie gelten gemeinhin als fortschrittlich, das ja. Doch auch hier vollzieht sich langsam eine „Zeitenwende“.

Lobbyismus ade!

Biokraftstoffe, meist aus Pflanzenölen oder aus der Vergärung stärkehaltiger Pflanzen gewonnen, sollen die Klimabilanz verbessern. Allerdings wurde bereits 2011 der Einfluss von Verbrennerlobbyist*innen auf die Verrechtlichung und Nutzung ebendieser dokumentiert und kritisiert. Die Vorstellung von sauberer Energie aus Biomasse gedeiht trotz fachfremder Akteur*innen immer noch. Aber weniger als bislang.

Selbst nach Ansicht von Umweltexpert*innen hat pflanzlicher Biokraftstoff zur signifikanten CO2-Verminderung nie funktioniert, sodass seine Abschaffung schon einmal gefordert wurde. Vor zehn Jahren nämlich, als es eine dramatische Welthungersituation aufgrund von Getreideknappheit zu bekämpfen galt.

Es handelt sich bei Biokraftstoffen, so viel ist nicht mehr zu leugnen, weniger um eine technologische Lösung im Kampf gegen die Klimaerwärmung, als vielmehr um ein lobbyistisches Lehrstück des Greenwashings: als fortschrittlich angepriesen, aber de facto eher eine erfolgreiche Marketingstrategie.

Aktuell erfährt diese Marketingstrategie starken Gegenwind. Zwar will der Deutsche Bauernverband weiter Pflanzen für Biosprit anbauen. Was viele Umweltorganisationen kritisieren. „Umweltpolitischen Unfug“, nennt Greenpeace den Vorstoß beim Biosprit. Der intensive Anbau von Energiepflanzen schade nicht nur Klima und Artenvielfalt. „Wertvolle Lebensmittelpflanzen wie Getreide und Ölsaaten werden zu Biosprit und Tierfutter verarbeitet“, warnt die NGO. Auch die offizielle Devise der Bundesregierung lautet: „Teller statt Tank“.

Ein solidarischer Blick auf leere Teller

Jeder Krieg, jede zusätzliche Krise verschärft die Nahrungsmittelnot. Hier ist entschiedene internationale Solidarität gefragt, wie sie auch von den G7 wieder eingefordert wurde. Voraussetzung für internationales Handeln aber ist, dass dafür mit klugen nationalen Strategien zur Diversifizierung der Weg bereitet werden kann. Denn neben Solidarität verspricht man sich auf lange Sicht dadurch weniger abhängige Märkte und weniger überstarke Akteur*innen wie etwa Russland oder auch China.

Dieses individuelle „solidarische Vorgehen“ beinhaltet eine Abkehr von fossilen Brenn- und Rohstoffen, was im Umkehrschluss Alternativen bei Kraftstoffen und Antriebsarten sowie eine Energiewende befördert und erfordert. Eingefordert werden muss dazu gleichsam ein neues Verständnis von dem, was uns bis dato als ökonomischer Fortschritt galt: immerwährendes Wachstum der Volkswirtschaften – des globalen Nordens wohlgemerkt, auf Kosten des globalen Südens.

Wachstum, Klimakrise, Lebensmittelknappheit und Hungersnot – bestehende Interdependenzen lassen sich nicht mehr weg- und Biokraftstoffe nicht mehr schönreden. Oder kann man heute wirklich noch guten Gewissens die Ernten auf unseren Feldern in Tanks von Verbrennerfahrzeugen fließen lassen? Ist dies sowohl klimaethisch als auch in Anbetracht befürchteter globaler Hungerkrisen zu vertreten? Sind das überhaupt die richtigen Fragen?

Erst global, dann lokal?!

Nein, die richtige Frage lautet: Wie können wir eine „Zeitenwende“ und damit gesellschaftlichen Fortschritt in globalem Maßstab wirklich angemessen gestalten? Zur Herstellung von Bioethanol aus Abfällen die genannten Kraftstoffe beizumischen kann ein Teilaspekt der Wende sein. Dafür benötigt wird nicht mehr, sondern sinnvoll eingesetzten „fortschrittlichen Biokraftstoff“. Darüber hinaus braucht es den Ausbau alternativer Technologien, die Einführung von Tempolimits und eine allgemeine Beschränkung des Verkehrs, der problemlos auf die Schiene verlagert werden könnte. (Zumindest wenn die Bahn das Schienennetz modernisiert. Aber das ist eine andere Debatte.)

Wir müssen ehrlich sein: Bei der Prämisse „Fortschritt durch Diversifizierung“ geht es um weitaus mehr als um den grünen Anstrich von Benzin. Bei dieser Debatte muss gelten: Erst global denken, dann aber lokal handeln. Fortschritt ist gut, wenn er klug gedacht ist und das Streben nach diesem Fortschritt nicht über echte Solidarität stellt.

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