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Leben und Helfen in der ältesten Sozialsiedlung der Welt

Von Madlen Schäfer / 28. April 2017
Fürstlich und Gräflich Fuggersche Stiftungen

In der Fuggerei in Augsburg zahlen die 150 Bewohner jährlich 88 Cent und täglich drei Gebete Miete. Das erspart vielen den Gang zum Sozialamt.

Wie eine malerische Stadt in der Stadt wirkt die Augsburger Fuggerei. Nicht nur architektonisch fühlt sich der Betrachter in eine andere Zeit versetzt. Auch die Miete hat sich seit der Entstehung nicht verändert: Einen rheinischen Gulden Jahresmiete kostete eine der 147 Wohnungen vor 500 Jahren, heute sind es 88 Cent.

Hier darf nur einziehen, wer bereits Augsburger, finanziell bedürftig und katholisch ist. Die Bedürftigkeit der Menschen wird vom Augsburger Sozialamt geprüft, die finale Einzugsentscheidung trifft aber die Fuggerei, so der Name der Siedlung. Zur Miete gehört schließlich auch, dass jeder Bewohner ein Ave Maria, ein Vaterunser und ein Glaubenskenntnis am Tag betet. Da lediglich Katholiken das Ave Maria beten, müssen die Bewohner katholisch getauft sein.

Die drei täglichen Gebete, sie dienen bis heute dem Seelenheil der Stifterfamilie. So hat es der Gründer und Namensgeber Jakob Fugger, auch bekannt als „der Reiche“, 1521 gewollt. Ein Bild von ihm hängt immer noch in jeder Wohnung. Der Kaufmann stiftete die Sozialsiedlung für in Armut geratene Augsburger, um ihnen durch bezahlbaren Wohnraum ein „gelingendes Leben“ zu ermöglichen.

Dieses Ziel verfolgt die Fuggerei, die älter als der Sozialstaat ist, bis in die heutige Zeit. Tagsüber erscheint die Siedlung wie ein großes Museum: 180.000 Touristen aus aller Welt schlendern jährlich durch die Straßen mit den Renaissance-Bauten.

Petra Dirbach vor ihrem Wohnungseingang mit den Kindern Fiona, Raphael und Vincent. (Foto: Fürstlich und Gräflich Fuggersche Stiftungen)

Die Freiheit, nicht zum Amt zu müssen

„Es war nicht mein Lebensplan, hier zu wohnen“, sagt Petra Dirbach. Die alleinerziehende Mutter lebt mit ihren drei Kindern in einer 90-Quadratmeter-Wohnung auf zwei Etagen. Das Leben in der ältesten Sozialsiedlung der Welt ermöglicht Petra Dirbach vor allem Freiheit, die sie sonst nicht hätte. Aufgrund der geringen Miete ist sie nicht auf Geld vom Amt angewiesen. Das ist Dirbach sehr wichtig. „Ich will meinen Kindern damit ein Vorbild sein“, sagt die Verkäuferin. Dank der günstigen Miete kann sie sich sogar ein Auto leisten – eine Seltenheit unter den Fuggerei-Bewohnern. Mit dem Auto hilft Dirbach vielen älteren Nachbarn beim Einkauf. Die Bewohner der Fuggerei sind eine Gemeinschaft, wie sie es sonst in Deutschland wohl kaum gibt.

Die Türen dieser Gemeinschaft stehen allerdings nicht jedem und nicht immer offen. Wer nach 22 Uhr in die Fuggerei möchte, muss einen Obolus von 50 Cent an den Nachtwächter zahlen. Den Dienst übernehmen ungefähr 15 Bewohner im Wechsel. „Wir haben einen Pförtner wie in Beverly Hills oder Manhattan. Wer hat das schon?“, scherzt Dirbach.

Ein Wächter, der nachts die Tore schließt – das war für Noel Guobadia vor allem in der Pubertät nicht sonderlich angenehm. Mit 18 Jahren änderte er einfach seine Ausgehzeiten und ging immer so lange feiern, bis die Tore morgens um fünf Uhr wieder öffneten. Der 22-Jährige ist einer der jüngeren Bewohner der Siedlung. „Ich hatte bis jetzt ein sehr buntes Leben“, erzählt er. Jobs als Konditor, Altenpfleger und Koch hat er schon hinter sich. Drei Jahre dauerte seine Selbstfindungsphase, dann begann er die für ihn richtige Ausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel. „Für mich ist die Fuggerei nur der Anfang“, sagt Guobadia.

Spiegel der Augsburger Gesellschaft

Während die Sozialsiedlung für Noel Guobadia eine Starthilfe ins Leben ist, verbringen die meisten anderen Bewohner ihren Lebensabend hier. Vor allem Senioren wohnen in der Fuggerei. Obwohl sie ein Leben lang gearbeitet haben, könnten sie häufig die Miete für eine normale Wohnung nicht von ihrer geringen Rente bezahlen.

„Wir sind ein Spiegel der Augsburger Gesellschaft mit all ihren Problemen wie Schulden oder Drogen“, sagt der Administrator der Fuggerei, Wolf-Dietrich Graf von Hundt. Er wohnt selbst seit mehr als 18 Jahren hier, hat auch deshalb engen Kontakt zu allen Bewohnern. Auch eine Kultur des Scheiterns gehöre zu seiner Arbeit dazu. „Wir versuchen den Menschen in ihren jeweiligen Situationen zu einem selbstbestimmten und gelingenden Leben zu verhelfen“, sagt Graf von Hundt. Zwei Sozialarbeiterinnen unterstützen die Bewohner, damit sie ihren Alltag selbst regeln können. Sie helfen ihnen etwa bei Behördengängen und haben immer ein offenes Ohr für ihre Probleme. Bei weiterführenden Problemen ist die Siedlung gut mit anderen Hilfsangeboten vernetzt und vermittelt diese bei Bedarf.

Ilona Barber und Friedrich Fischer genießen die beschauliche Umgebung. (Foto: Fürstlich und Gräflich Fuggersche Stiftungen)

Bezeichnender ist allerdings der Umgang der Nachbarn miteinander. Für Ilona Barber ist es zur Routine geworden, mittags nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihren Nachbarn Fritz Fischer zu kochen. Fischer ist mit seinen 95 Jahren einer der ältesten Bewohner der Siedlung, half sogar beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Siedlung zu 70 Prozent zerstört war. Die Nachbarn sind ein eingespieltes Team. „Ich habe schon immer gerne geholfen“, sagt Barber. Es ist auch diese gelebte Nachbarschaftshilfe, die die Fuggerei zu einem besonderen Ort macht, an dem bedürftige Menschen mehr erhalten als nur eine geringe Miete.

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